Auf den Bildern des Ochsenbachers sind zahlreiche Baumstümpfe zu sehen. Diese Überbleibsel zeugen von einer städtischen Pflegeaktion im Winter und Frühjahr an und in der Nähe der Bachläufe im Kirbachtal. „Ich bin kein Biologe“, sagt Karl-Heinz Böckle, „aber die Natur liegt mir am Herzen.“ Er sei nicht der Einzige, viele Ochsenbacher würden sich fragen: „Warum wird an den Bachläufen Kahlschlag gemacht, wo es möglicherweise absolut unnötig ist?“ Der 78-Jährige geht oft an den vielen Bächlein seiner Heimat spazieren, wie etwa am Tannenbrunnenbächle. Er sorgt sich: „Wenn man so einen Kahlschlag macht, besteht die Gefahr, dass schnell wachsende Pflanzen, in der Regel Dornen, den Raum besetzen.“ Bäume an den Bachläufen böten viel Lebensraum für Vögel und Kleintiere sowie Schutz gegen Erosion und Hochwasser. „Deshalb sollte man sehr sorgfältig bei der Abholzung vorgehen“, findet Böckle.
Landschaftspflege in Sachsenheim Zu viel Abholzung im Kirbachtal
Ochsenbacher Bürger hinterfragen eine Baumfällaktion. Die Stadt räumt Fehler ein.
„Aktion nicht perfekt gelaufen“
Mit seinen Beobachtungen hat er sich an einen Naturschutzverein, den BUND-Kreisverband Ludwigsburg, gewandt. Dieser nahm im April die fragliche Abholzaktion in seine Pressemitteilung mit auf, in der es um das „über das naturverträgliche Maß hinaus“ gehende Abholzen von Bäumen und Hecken im Kreis Ludwigsburg geht. „Auf Nachfrage betont Vorsitzender Stefan Flaig mit Blick auf den Fall Kirbachtal: „Ich finde es ziemlich unnötig, derart rigoros abzuholzen.“ Auch sein Vereinskollege Conrad Fink, Biologe in Freiberg, nimmt zu dem Fall Stellung: „Für Weiden gelten besondere Regeln, was den Schnitt anbetrifft. Werden wie im Kirbachtal Weiden geschnitten, sollte auf keinen Fall ein Abwurf der Krone erfolgen, sondern wenn überhaupt nur ein Auslichtungsschnitt bei welchem Totholz, kranke Äste sowie sich kreuzende Zweige an der Basis entfernt.“ Das erhalte die Vitalität und lasse Licht in die Krone. Fink weiter: „Durch den Radikalschnitt wie im vorliegenden Fall werden Vögel ihrer Nistgelegenheiten beraubt und nektarsuchende Insekten wie Bienen und Hummeln kommen um ihr erstes Futter im Frühjahr, den Nektar und Pollen der Weidenkätzchen, auf das sie dringend angewiesen sind.“ Außerdem wäre die Gefahr erhöht, dass durch die großen Wunden Pilze ins Holz eindringen, was die Weiden frühzeitig absterben lasse Der BUND empfiehlt den Behörden, bei der Ausschreibung von Schnittarbeiten zusätzliche technische Vertragsbedingungen und Richtlinien für Baumpflege aufzunehmen.
„Als Waldbach oder wie hier mit einem Gehölzstreifen sorgen die Gehölze am Kirbach für Beschattung der Gewässer“, sagt der Landespfleger. Dies verhindere eine Aufwärmung der Fließgewässer, was besonders in Zeiten der Klimaerhitzung wichtig sei, um den Lebensraum im Gewässer zu schützen. „Außerdem ernähren sich vom Laubfall die Kleintiere im Gewässer, was wiederum größeren Wassertieren wie Fischen zugutekommt“, betont Fink.
Die Anfrage der BZ an die Stadt Sachsenheim war deshalb: Was ist dran an den Vorwürfen? „Bedauerlicherweise ist die Aktion nicht perfekt gelaufen“, räumt Sprecher Arved Oestringer ein. Es seien mehr Bäume gefällt als von der Stadt gewollt und zu viel am Baumbestand eingegriffen worden.
Sicherheit an erster Stelle
Vor der Aktion wurden von der Stadt, Abteilung Landschaftspflege, die Bäume markiert, die gefällt werden sollten. Dabei handelte es sich vor allem um Eschen, die vom Eschentriebsterben betroffen sind (die BZ berichtete). Äste und ganze Bäume drohen bei dieser Pilzerkrankung zu fallen, und stellen somit eine Gefahr für Fußgänger und Radfahrer dar. Baumwurzeln an Bächen wiederum, etwa von Weiden, könnten Brückenbauwerke gefährden. „Wir treffen Maßnahmen zu Verkehrssicherheitszwecken, die für uns oberste Priorität haben“, sagt der Sprecher.
Die Firma, die die Baumfällungen im Auftrag der Stadt durchgeführt hatte, habe einen Fehler gemacht. Das sei sehr ärgerlich, aber menschlich, so Oestringer. Innerhalb der Stadtverwaltung werde nun geprüft, ob gezielte Nachpflanzungen erfolgen. Bigna Fink
