Manchmal wache ich morgens auf und kann es gar nicht glauben, dass ich schon über 100 Jahre alt bin“, sagt Wendelgard von Staden. Beim Besuch in ihrem kleinen Herrenhaus im Leinfelder Hof – die Ansiedlung ist im Besitz der Familie von Staden – betont die 100-Jährige immer wieder, „gell, ich bin langsam“. Nein, ist sie nicht, aber sie muss sich wohl versichern, dass sie es nicht ist. Warum sie im hohen Alter noch so fit ist? „Ich hatte keine Zeit, krank zu sein, war immer aktiv, hab viel gearbeitet und bin immer aktiv geblieben, aber vielleicht habe ich einfach nur Glück“, sagt von Staden.
Leinfelder Hof Von Vaihingen in die Welt und zurück
Wendelgard von Staden, die seit 1985 auf dem Leinfelder Hof bei Enzweihingen wohnt, veröffentlicht ihre Erinnerungen der Jahre 1945 bis 1979. Und da gbit es einiges zu erzählen.
Die Seniorin hüpft von Zimmer von Zimmer, ist voller Elan. Grade kam sie mit ihrem Auto – ja, sie fährt noch Auto – zurück nach Hause. Sie brachte ihre Zugehfrau, wie sie altmodisch sagt, nach Hause. Denn der Leinfelder Hof ist abgelegen, es fährt kein Bus. „Ohne Auto könnte ich hier nicht mehr leben“, sagt von Staden, die seit 1985 in dem Haus inmitten eines riesigen ehemaligen Parks wohnt, zuerst mit ihrem Mann, nach dessen Tod alleine.
Den Garten hält sie gemeinsam mit ihrer Zugehfrau in Schuss. „Langsam wird es etwas beschwerlich und manchmal bin ich auch etwas müder als früher“ – und das will man der aktiven 100-Jährigen nicht abnehmen. Doch eine Tasse Kaffee, sagt sie, vertreibe die Nachmittagsmüdigkeit und sie beginnt zu erzählen.
Und schon ist man mitten drin in Wendelgard von Stadens bewegtem Leben. Demnächst wird sie ihre „Erinnerungen von 1945 bis 1979“ veröffentlichen. „Ich glaube aber nicht, dass ich über die Jahre nach 1979 schreiben werde, wie alt soll ich noch werden?“, sagt sie. Für sie ist der Aufschrieb der Erinnerungen eine Art „aufräumen“. Sie hat ihre alte Briefe gelesen und sortiert, um das Buch zu schreiben, Hunderte sind es. Den Nachlass ihres Mannes, Berndt von Staden, gestorben 2014, Diplomat, Botschafter in Washington in den USA, hat sie dem Deutschen Auswärtigen Amt übergeben.
Aufgewachsen ist Wendelgard von Staden, geborene von Neurath, auf dem Hofgut iher Eltern in Kleinglattbach. Dort hat sie auch mitbekommen, wie jüdische Gefangene im Lager auf konfisziertem Gelände ihrer Eltern, dem KZ Wiesengrund, behandelt wurden. Über diese Zeit hat sie ein Buch geschrieben „Nacht über dem Tal – Eine Jugend in Deutschland“. Die Nazi-Zeit, so sagt sie, müsse immer eine Warnung sein, wie schnell aus etwas scheinbar Wundervollem etwas Schreckliches werden kann. „Ich war selbst in der Hitlerjugend, im Bund Deutscher Mädel, es war eine kolossale Stimmung, wir dachten, uns gehört die Welt“, sagt von Staden. „Für Deutschland kämpfen und sterben“ das sei das Motto gewesen.
Sie hatte nie ihrer Mutter, SPD-Mitglied, geglaubt, die gegen Hitler und die NSDAP war. Auch wenn ihr Teil der Familie sich schon lange Zeit gegen den Außenminister-Onkel wegen seiner NSDAP-Zugehörigkeit gestellt hatte, „dass es so endet, wie das Dritte Reich endete, glaubten wir nicht“, so von Staden. Aus der Aufbruchs- sei Untergangsstimmung geworden. Auch ihre Mutter kam in die Gefangenschaft der Alliierten. Wendelgard von Staden musste von Amt zu Amt laufen und mithilfe ehemaliger polnischer Kriegsgefangener beweisen, dass ihr Mutter keine Mitläuferin und Nazi-Täterin war.
Anliegen: Bisher verfeindete Länder an einen Tisch bringen
Dass von Staden später ihr Landwirtschaftsstudium aufgab und Volkswirtschaft studierte, um Diplomatin zu werden, führt sie auf die Nazi-Zeit zurück. „Ich wollte etwas tun, das Frieden stiftet und das ist schließlich die Aufgabe eines Diplomaten.“ Bisher verfeindete Länder an einen Tisch zu bringen, das sei immer das Anliegen von ihr und ihrem Mann gewesen.
Von Stadens Erinnerungen beginnen mit dem Kriegsende, als sie in Tübingen studierte. Sie durfte 1947 im Rahmen eines Stipendiums der Alliierten zum Studium nach Paris und in die USA. Eine Zeit, die sie sehr geprägt habe, so kurz nach dem Krieg. „Wir deutschen Studenten waren keine Demokraten, das kannten wir nicht, aber vor allem in den USA haben wir erkannt, was Demokratie ist und welche Möglichkeiten damit verbunden sind“. Von Staden arbeitete ab 1951 für das Auswärtige Amt in Bonn, wurde Vize-Konsulin in Bern und Legationsrätin in Washington, bis sie ihren Mann Berndt von Staden kennenlernte. Ehe oder Beruf hieß es dann. Es war nicht gestattet, dass verheiratete Frauen im Auswärtigen Amt arbeiteten, schon gar nicht, wenn der Ehemann auch für das Auswärtige Amt arbeitete. Wendelgard von Staden entschied sich für die Ehe.
Fortan folgte sie ihrem Mann zu dessen Einsatzorten, zuerst nach Brüssel, dann nach Washington, wo er von 1963 bis 1968 Botschaftsrat war und von 1973 bis 1979 deutscher Botschafter wurde. Seine Frau war „die Frau an seiner Seite“, so von Staden. Aber so ganz unscheinbar wollte sie nicht bleiben, „nur Hausfrau war mir zu wenig“. Sie baute in Bonn ein Netzwerk der Frauen der in den Botschaften beschäftigten Männer auf, das bis heute fortgeführt wird. „Bonn kannte Frauen nicht, es ignorierte sie“, sagt sie. Sie bildete Frauengruppen, die sich gegenseitig halfen oder bestärkten, sich Jobs zu suchen, sich in Deutschland zurecht zu finden. „Ich war Vollzeit-beschäftigt“, erinnert sie sich. Zurück in den diplomatischen Dienst durfte sie auch später nicht, obwohl sie anfragte. „Die wollten keine Frauen.“ Es gab, so von Staden, nur wenige Frauen, die sich einen Platz in der Männerwelt der Bonner Republik erarbeitet hatten.
Wendelgard von Staden war in der ganzen Welt unterwegs und doch lebte sie den größten Teil ihres Lebens in ihrer schwäbischen Heimat. 1985 wurde ihr Mann pensioniert und sie übernahm den Leinfelder Hof in Enzweihingen, den väterlichen Hof in Kleinglattbach gab es nicht mehr. Den Leinfelder Hof erbte sie von der Tochter ihres Onkels Kontantin von Neurath, dem Außenminister, dem das Anwesen gehörte und der dort nach seiner Haft bis zu seinem Tod 1956 lebte. „Ich hatte ein Verpflichtung gegenüber der Familie, mich um das Erbe zu kümmern.“ Mit ihren eigenen Händen renovierte sie ein Haus des Gehöfts nach dem anderen. „Ich lernte mauern, Balken streichen, Boden legen.“ Aus den verfallenen Häusern des Leinfelder Hofs machte sie 20 Wohnungen, die heute vermietet sind. „Ich glaube, ich hatte damals Heimweh nach dem Land“, sagt sie. Dennoch kam, noch zu Lebzeiten ihres Mannes, der Duft der großen Welt nach Enzweihingen. Politiker, Botschafter und andere Prominente besuchten die von Stadens. Sie engagiert sich auch für die KZ-Gedenkstätte Vaihingen und hält Vorträge in Schulen. Einen Wunsch hat sie noch: „Ich würde so gerne noch einmal nach Danzig.“
Das Leben von Wendelgard von Staden
Die Nichte Konstantin von Neuraths, deutscher Außenminister von 1932 bis 1938, besuchte die Schule in Vaihingen, das Gymnasium in Ludwigsburg und legte 1943 ihr Abitur in Berlin ab. Sie absolvierte eine landwirtschaftliche Lehre auf einem Hof in der Nähe von Heilbronn. Sie begann zunächst ein landwirtschaftliches Studium an der Universität Hohenheim, wechselte dann jedoch an die Universität Tübingen und studierte dort als eine der ersten Frauen Nationalökonomie.
1947 kam sie als eine der ersten Stipendiatinnen an die École libre des sciences politiques in Paris und an die University of Southern California, um Politikwissenschaft zu studieren. Sie schlug eine diplomatische Laufbahn ein, arbeitete für das Auswärtige Amt in Bonn, wurde Vize-Konsulin in Bern und Legationsrätin in Washington. 1961 heiratete sie den Diplomaten Berndt von Staden. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor. Seit 1985 lebt Wendelgard von Staden auf dem früheren Hof ihres Onkels, Konstantin von Neurath, dem Leinfelder Hof bei Enzweihingen.
„Nacht über dem Tal: Eine Jugend in Deutschland“ ist der autobiografische Bericht über die Jugend Wendelgard von Stadens. Sie beschreibt darin die Geschehnisse auf dem Hofgut ihrer Eltern in Kleinglattbach während der Nazi-Zeit. Auf dem von der SS enteigneten Grund ihres Vaters entstand das KZ Wiesengrund. Weil die Familie aus betrieblichen Gründen einen durch das Sperrgebiet führenden Weg weiter benutzen darf, haben die Familienangehörigen Einblicke in das Geschehen auf dem KZ-Gelände, auf dem in Zusammenarbeit mit der Messerschmitt AG eine unterirdische Flugzeugfabrik entstehen soll. Von Stadens Mutter Irmgard von Neurath versucht sich mit der ab Mitte 1944 wieder bei den Eltern lebenden Tochter für die Häftlinge einzusetzen. Der Plan der Mutter beim Herannahen der Alliierten die Gefangenen zu befreien, scheiterte.
