Autoindustrie-Krise in Stuttgart Glücksforscherin spricht über Angst vor Jobverlust: „Isolation verstärkt Stress“

Von Franziska Kleiner
Die Autorin Susanne Kobel will im Alltag unterstützen. Foto: Christian Jung - stock.adobe.com/ Peter Neher

Susanne Kobel hat mit Olivia Wartha das Buch „Mit 111 Healthy Habits zu mehr Energie, Gesundheit und Zufriedenheit“ verfasst. Wie wird man glücklich in dunklen Zeiten?

Susanne Kobel, die zu einer Lesung nach Gerlingen kommt, gibt mit ihrer Co-Autorin Olivia Wartha kleine Hilfestellungen im Alltag. Im Interview erklärt sie, warum Zimmerpflanzen hilfreich sein können und was es mit den Healthy Habits auf sich hat.

Frau Kobel, sind Sie selbst immer glücklich?

Selbstverständlich bin ich nicht immer glücklich und energiegeladen, das ist sicher keiner. Allerdings habe ich mir ein paar kleine Gewohnheiten angeeignet, bei welchen ich frühzeitig merke, wenn ich weniger Energie habe. Dann kann ich dem entgegenwirken und auf mich aufpassen, dass ich wieder zu mehr Energie komme und glücklicher werde.

Was machen Sie, wenn sie sich etwas Gutes tun möchten?

Das sind tatsächlich eher kleine Dinge. Ich mache mir zum Beispiel ein Kompliment. Ohne eingebildet zu klingen, macht man das viel zu selten: sehen, was man gut kann, gut gemacht hat und das auch würdigen. Daher muss auch ich mich bewusst darauf konzentrieren, den Tag Revue passieren zu lassen und zu schauen: was ist denn heute gut gelaufen, was habe ich gut gemacht? Da gibt es immer einen Punkt, für den man sich loben kann. Ansonsten mache ich auch gerne Pläne. Man weiß aus Studien, dass die Vorfreude auf geplante Ereignisse einem gut tun. Es fühlt sich toll an, sich vorzufreuen.

Was haben kleine Gewohnheiten mit Zufriedenheit im Leben zu tun?

Kleine Gewohnheiten sind wie unscheinbare Samen, aus denen langfristig ein zufriedenes Leben wächst. Sie stärken das Gefühl von Kontrolle, Dankbarkeit, Stabilität und Selbstvertrauen – alles zentrale Bausteine von Glück und Lebenszufriedenheit. Konkret können sie zum Beispiel die Dankbarkeit und Achtsamkeit fördern, was uns wiederum zufriedener macht. Wenn wir wirklich „dran bleiben“, also die Handlungen wiederholt ausführen, erfahren wir Erfolgserlebnisse und das schafft Motivation und Zufriedenheit.

Einer Ihrer Vorschläge lautet Fensterbrett-Gärtnern. Wer um seinen Job bangt oder ihn gar verloren hat, wird davon vermutlich nicht glücklicher werden. Was raten Sie in einer solch herausfordernden Situation?

Da haben Sie natürlich recht – wobei wir wissen, dass Zimmerpflanzen tatsächlich sehr gut tun. Sie reduzieren unser Stresshormon und können unseren Blutdruck senken, zudem können sie beim Heilen förderlich sein. Das heißt, Pflanzen sind immer eine gute Idee. Dennoch sind kleine Gewohnheiten – Healthy Habits – kein Wundermittel, das existenzielle Krisen auflöst. Aber gerade in belastenden Zeiten können sie helfen, innere Stabilität, Klarheit und Selbstwirksamkeit zu bewahren – also die Fähigkeit, trotz Unsicherheit handlungsfähig zu bleiben.

Der drohende Verlust des Arbeitsplatzes ist in Deutschland und speziell auch in der Region Stuttgart eine reale Bedrohung.

Und die Gefühle dazu – Angst, Wut, Erschöpfung, Unsicherheit – sind völlig legitim. Ein gesunder Umgang mit dieser Realität bedeutet nicht, sie „wegzuatmen“, sondern sie zu benennen und zuzulassen. Das ist selbst schon eine gesunde Gewohnheit: Jeden Tag kurz innehalten und sich fragen: „Wie geht es mir gerade wirklich?“ – ohne zu urteilen. Das schafft emotionale Entlastung und ist die Grundlage für Klarheit. Auch kleine Gewohnheiten sind ein innerer Anker. Dabei geht es nicht um Wellness, sondern um Selbstregulation: das Nervensystem beruhigen, Energie bewahren, den Überblick behalten. Wichtig ist aber auch: Soziale Gewohnheiten pflegen. Isolation verstärkt Stress. Eine bewusste Gewohnheit kann sein, einmal am Tag mit einer vertrauten Person zu sprechen, oder über Sorgen zu reden, nicht alles allein zu tragen. Verbindungen sind einer der stärksten Schutzfaktoren gegen psychische Belastung.

Woher soll die Energie kommen, wenn man verzweifelt ist?

Wenn man verzweifelt ist, fühlt man sich innerlich leer, erschöpft, kraftlos. In solchen Momenten klingt jeder Ratschlag – „Mach Sport“, „Denk positiv“, „Gewöhne dir Routinen an“ – fast zynisch, weil man das Gefühl hat, gar keine Energie zum Anfangen zu haben. Aber: Energie entsteht nicht aus Willenskraft – sondern aus Sicherheit. Darum ist der erste Schritt nicht handeln, sondern beruhigen. Energie kann erst fließen, wenn dein Körper wieder spürt: „Ich bin im Moment sicher.“ In der Verzweiflung ist „etwas tun“ oft zu viel verlangt. Das Ziel lautet: Mach nicht alles – mach nur das Kleinste, das dich trägt. Statt „Sport machen“ einmal die Schultern kreisen. Statt „aufräumen“ erst einmal ein Glas Wasser trinken. Energie kommt durch Verbindung, nicht durch Isolation. Das kann heißen: Jemandem ehrlich sagen: „Ich bin gerade am Ende.“ Oder Unterstützung annehmen von Familie, Freunde, Seelsorge, Arbeitsagentur. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Signal an dein System: Ich bin nicht allein. Und das verändert alles.

Was ist Glück für Sie?

Das ist die schönste und zugleich schwierigste Frage überhaupt. Denn „Glück“ ist kein einheitliches Gefühl, sondern ein vielschichtiger Zustand, den Menschen auf sehr unterschiedliche Weise erleben. Vielleicht sollte man unterscheiden zwischen momentanem Glück (hedonischem Glück) und tiefem Glück (eudaimonischem Glück). Das momentane Glück ist für mich miteinander Lachen, zusehen, wie meine Kinder Spaß haben, mich mit Freunden unterhalten – Dinge, die guttun, die glücklich machen. Das tiefe Glück empfinde ich vor allem als „inneres Ja“, zu dem was ich tue, wer ich bin. Dass ich mich mag, mich verbunden fühle, ich dankbar bin für das, was ich habe und bin, geliebt werde und das weiß und selbst liebe Menschen liebe. Das ist Glück für mich.

Expertin für Glücksmomente

Beruf
Susanne Kobel hat Sportwissenschaft mit Psychologie und Gesundheitsförderung studiert und anschließend im Bereich der Gesundheits- und Aktivitätsförderung bei Kindern promoviert und habilitiert. Die 44-Jährige leitet seit 2013 das Gesundheitsförderprogramm „Komm mit in das gesunde Boot“, erst als wissenschaftliche Geschäftsführung, dann als Projektleitung. Das Ziel: Kindern Grundlagen und Ideen für mehr Bewegung, weniger Bildschirmmedienkonsum, für aktive Entspannung und gesunde Ernährung zu geben. Sie leitet die Arbeitsgruppe für Prävention im Vorschulalter im Kompetenznetzwerk Präventivmedizin zusammen mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Universitätsklinikums Ulm.

Lesung
Susanne Kobel und Olivia Wartha lesen am Donnerstag, 13. November, um 18.30 Uhr im Haus der Volkshochschule, Halo 0.1. Beginn ist um 18.30 Uhr, Einlass eine Stunde eher. Der Eintritt an der Abendkasse kostet zehn Euro.

 
 
- Anzeige -