Der Blick aus dem Fenster in den frühen Morgenstunden versetzt Lisa Sarah Brandstäter in die richtige Stimmung. Der Nebel flimmert über dem See. In der Ferne ist der Dom zu Helsinki zu erkennen. Es ist ruhig. „Das ist meine Zeit. Ich schreibe morgens am besten“, sagt die Autorin im Gespräch mit der BZ.
Literatur Ex-Bietigheimerin startet als Krimi-Autorin durch
Die Deutschfinnin Lisa Sarah Brandstäter ist von Bietigheim nach Helsinki gezogen. Jetzt hat sie ihren ersten Roman veröffentlicht: einen Finnland-Krimi.
Die 33-Jährige lebt auf einer Insel mit Blick auf Finnlands Hauptstadt. Mit dem Boot ist sie in 15 Minuten in Helsinki. Vor 1,5 Jahren ist sie ausgewandert, zuvor lebte sie in Bietigheim-Bissingen, aufgewachsen ist sie in Oberstenfeld. Sie habe schon lange den Wunsch verspürt, nach Finnland zu ziehen und dort zu leben. „Meine Mutter ist Finnin und ich habe hier auch viele Verwandte“, sagt Brandstäter. Und noch einen Wunsch hat sie sich kürzlich erfüllt: vergangene Woche ist ihr erster Roman veröffentlicht worden, ein Finnland-Krimi mit dem Titel „Mord in eiskalter Nacht“ (siehe Infobox).
Die Idee zur Handlung entstand vor vielen Jahren
4,5 Jahre habe sie daran gearbeitet, die Idee zur Geschichte hatte die Autorin aber bereits viel früher. „Ich habe Skandinavistik an der Uni Greifswald studiert und meine Bachelorarbeit zu skandinavischen Krimis geschrieben“, erzählt sie. Zu dieser Zeit habe sie bereits die Grundstruktur der Handlung ihres Debütromans entwickelt.
Es soll auch nicht bei dem einen Buch bleiben. „Es soll eine Reihe werden“, verrät die Deutschfinnin. Für Band eins und zwei steht sie bereits beim Ullstein-Verlag unter Vertrag. Insgesamt seien vier Bände geplant. Der zweite Band, „Tod in heller Sommernacht“ erscheint im Herbst nächsten Jahres.
Sie hoffe, sich künftig ganz aufs Schreiben konzentrieren zu können. „Man muss optimistisch bleiben, ohne zu viel Druck auszuüben“, sagt sie und lacht.
Aktuell hat Brandstäter noch einen anderen Hauptjob: Sie arbeitet bei der Rostocker Firma „Nordic way“, die Menschen aus dem deutschsprachigen Raum beim Auswandern nach Skandinavien hilft. „Ich arbeite ausschließlich von zu Hause aus. Unter anderem gebe ich Schwedisch-Unterricht und kümmere mich um den Social-Media-Account.“ Die Firma unterstützt Auswanderer auch dabei, in Schweden, Norwegen, Finnland oder Dänemark einen Job und eine Wohnung zu finden und mit dem Papierkram zurechtzukommen, sagt Brandstäter.
Wie sie nebenher noch ein Buch schreiben konnte? „Ich habe viele Freiheiten in meinem Job und kann mir meine Zeit selbst einteilen“, sagt Brandstäter. Jeden Morgen sind ein paar Stunden für das Schreiben reserviert – wenn ihr kleiner Sohn sie lässt. Denn die Autorin hat im April mit ihrem finnischen Partner ein Baby bekommen.
Vor dem großen Schritt, auszuwandern, hat sich Lisa Sarah Brandstäter schon einmal entscheiden müssen, welchen Weg sie für ihre Zukunft weiterhin verfolgen möchte. Bevor sie Skandinavistik studierte, absolvierte sie eine Schauspielausbildung. „Mir war aber recht schnell klar, dass ich nicht in dem Bereich arbeiten möchte“, sagt sie rückblickend. Während der Corona-Pandemie habe sie als Sprecherin für Hörbücher angefangen. Viel habe sie Zuhause mit eigenem Equipment aufgenommen. Unter anderem den bewegenden Erfahrungsbericht „Euer Traum war meine Hölle“ von Natacha Tormey. Darin geht es um Kindesmissbrauch in der Sekte „Children of God“. Auch als Synchronsprecherin hatte Brandstäter Engagements. Der große Unterschied zwischen dem Einsprechen von Hörbüchern und dem Synchronsprechen: Beim Synchronisieren gibt es einen Regisseur, der klare Vorstellungen davon hat, wie eine Figur klingen soll, erklärt Brandstäter. Beim Einlesen von Hörbüchern sei der Sprecher mehr gefragt, selbst zu entscheiden, wie jemand klingt – und die Rolle dementsprechend auszuarbeiten.
Doch auf Dauer wurde es der Deutschfinnin zu viel: ihr Job bei „Nordic way“, das Vertonen und das Schreiben. „Ich musste mich entscheiden: Sprechen oder Schreiben“, erinnert sie sich. Bereut habe sie ihren Entschluss nie.
Vieles ist in Finnland anders als in Deutschland
Vieles sei in Finnland oder allgemein in skandinavischen Ländern einfacher. Etwa die Wohnungssuche. „Hier leben nur 5,6 Millionen Menschen. Es gibt viel weniger Konkurrenz“, sagt sie. Auch das Verfahren sei deutlich schlanker. „Ich wurde hier bei Wohnungsbesichtigungen nie gefragt, was ich arbeite.“ Das spiele eine untergeordnete Rolle. Anhand eines persönlichen Identitätscodes, dem sogenannten „Henkilötunnus“ der online überprüfbar sei, können die Behörden, Banken, Arbeitgeber et cetera alle nötigen Angaben und Daten abrufen. Mehr Überprüfungen gebe es nicht.
Auch Wartezeiten beim Arzt kenne man in Finnland nicht. „Das System ist super. Ich habe mich auch während der Schwangerschaft gut betreut gefühlt“, sagt sie. Jedoch sei der finanzielle Eigenanteil für medizinische Behandlungen zumeist höher.
Was sie an Deutschland vermisse? „Deutsche Bäckereien“, sagt Brandstäter ohne lange überlegen zu müssen. Ein klassisches deutsches Frühstück mit Brezeln fehle ihr oftmals. Aber auch Wochenmärkte, wie der große in Ludwigsburg. „So viele frische Sachen gibt’s in Finnland nicht“, sagt sie. „Und mir fehlt die Wärme. Hier schneit es bis Mai, danach ist Sommer. Einen wirklichen Frühling haben wir nicht.“
Zum Debütroman „Mord in eiskalter Nacht“
Die Handlung: Kira Westerlund, eine bekannte Moderatorin und Nachrichtensprecherin, feiert ein rauschendes Fest bei sich zuhause. Am nächsten Morgen wird sie geknebelt und mit einer Plastiktüte erstickt im Ehebett aufgefunden. Der Mord an der beliebten Moderatorin versetzt das friedliche Finnland in einen Schockzustand. Kriminalkommissarin Leena Victor hat bei Gewaltdelikten gegen Frauen landesweit die beste Aufklärungsquote, die eingerichtete Sonderkommission braucht sie eigentlich. Doch sie war Gast auf der Party und hat außerdem Urlaub. Ermitteln darf sie daher eigentlich nicht. Eigentlich. Sie beginnt in alle Richtungen zu forschen. Bis sie in einem der unendlichen nordischen Fichtenwälder vor einem beschaulichen Haus steht, das ihr seltsam bekannt vorkommt. Es kommen Details aus Leena Victors Leben ans Licht, verrät die Autorin im Gespräch mit der BZ.
