Löwenherz-Kids: Gewaltprävention an Schulen Was tun, wenn „Stressika“ stresst?

Von Heidi Vogelhuber
Kathrin Schunger in ihrer Rolle als „Stressika“ übt mir den Kindern der Klasse 1b der Waldschule in Bissingen das richtige Verhalten in Konfliktsituationen. ⇥ Foto: Martin Kalb

Kathrin Schunger bietet Kurse an, in denen Kinder lernen, mit unangenehmen Situationen umzugehen und richtig auf aggressives Verhalten zu reagieren. Ein Besuch in der Waldschule in Bissingen.

Was hast du denn da an? Voll kindisch deine Pünktchen-Hose. Du bist ja noch voll das Baby.“ Mobbing gehört zum traurigen Alltag in Schulen, aber auch in der Freizeit. Gerade während der langen Phase des Fernunterrichts konnten Kinder nicht lernen, wie man richtig auf Konflikte reagiert und wie man sich in Stresssituationen verhält.

Prävention ist wichtig

Dabei sei Präventionstraining so wichtig, sagt Olga Esin am Donnerstagvormittag in der Waldschule in Bissingen. Die Schulsozialarbeiterin ist von der Jugendförderung Bietigheim-Bissingen „Das Netz“, die Kooperationspartner der Bissinger Grundschule ist. „Wir können in der Schule nur Akzente setzen und den Schülern ermöglichen, sich bewusst zu entscheiden, wie sie sich verhalten und wie sie handeln“, sagt sie. Die Waldschule möchte das mit Trainingseinheiten erreichen, für die sie unterschiedliche Referenten einlädt. Esin hofft, dass es fest an der Schule installiert werden könne, jährlich für jede Klassenstufe ein Präventionstraining anzubieten.

Für die Klasse 1b konnte Kathrin Schunger engagiert werden. Die 39-Jährige ist Selbstbehauptungs- und Resilienztrainerin sowie Kinderyogalehrerin. In ihren Kursen übt die Bietigheimerin mit den Kindern das richtige Verhalten in Konfliktsituationen. „Was macht der Löwe, wenn ihn eine Mücke nervt? Er geht zu seinen Freunden und bleibt ganz ruhig. Das Schaf jedoch, das regt sich auf, meckert die Mücke an. Zu wem wird die Mücke wohl das nächste Mal gehen, um Aufmerksam zu bekommen?“ Doch nicht nur die Stofftiere Löwe und Schaf unterstützen Kathrin Schunger in ihrem Kurs, auch „Stressika“, eine erdachte Figur, in die Schunger selbst schlüpft. Cappy auf den Kopf gesetzt und los geht’s mit dem Ärgern. Mäppchen werden geklaut, die Kleidung der Kinder runtergemacht, ja sogar der Schlag auf die Nase angedroht.

Und dann müssen die Kinder das theoretisch Gelernte umsetzen. Breitbeinig hinstellen, Schultern nach hinten und die Affirmationen wiederholen. „Ich bleibe ruhig und entspannt, denn in der Ruhe liegt die Kraft.“ Dem Gegner in die Augen schauen und deutlich gegenüber „Stressika“ formulieren, was man möchte: „Lass meinen Arm los.“ Bei Gewaltandrohung zur Lehrerin gehen und auch ihr genau schildern, dass man bereits versucht hat, den Konflikt selbst zu lösen, jedoch keinen Erfolg hatte.

„Durch die Rollenspiele üben wir das richtige Verhalten ein, damit es dann in Konfliktsituationen sitzt“, erklärt Schunger im Gespräch mit der BZ. Den Namen „Stressika“ habe sie sich ausgedacht. „Mir war wichtig, dass es kein echter Name ist.“

Einerseits stärke das Training das eigene Selbstbewusstsein, verstärke aber auch den Respekt und die Empathie anderen gegenüber. „Kinder müssen lernen, die Meinung anderer wahrzunehmen und zu respektieren“, sagt die Expertin. Im Kurs lernen Kinder aber auch, ihre Gefühle wahrzunehmen. Dadurch könnten sie besser einschätzen, was ihnen gut tut und was nicht, sagt Schunger.

Kathrin Schunger arbeitete als Führungskraft in verschiedenen Großkonzernen und coachte bislang Erwachsene und half bei der beruflichen Weiterentwicklung. Ehrenamtlich engagierte sie sich aber schon immer für Kinder und entschied sich, verschiedene Ausbildungen zu absolvieren.

Viele Kursanfragen

Nun gibt Schunger seit Anfang des Jahres ihr sogenanntes Superhelden-Training (siehe Infobox). Bislang noch nebenberuflich, das könnte sich in Zukunft aber ändern, sagt sie. Sie habe schon viele Anfragen, unter anderem ist sie nächste Woche an der Felsengartenschule in Hessigheim.

Die Finanzierung der Präventionskurse teilen sich übrigens die Schule selbst und „Das Netz“. „An der Waldschule wird viel Wert auf sozial kompetente Erziehung gelegt“, sagt Schulsozialarbeiterin Olga Esin. Es sei so wichtig, früh mit der Gewaltprävention anzufangen und die Schüler auf Konfliktsituationen und richtiges Verhalten vorzubereiten. „Prävention ist unwahrscheinlich wichtig. Denn später ist nur noch Aktion und Reaktion möglich.“

 
 
- Anzeige -