Kopfnebel, Sehschwäche, Herzrasen und -schmerzen, Schwindel seit fast vier Jahren – „Ich bin total kaputt“, sagt der frühere Oberriexinger Bürgermeister Frank Wittendorfer – der 42-Jährige ist mittlerweile in den Ruhestand versetzt, kann sein Amt wegen seiner Krankheit nicht mehr ausführen.
Oberriexingen Ex-Bürgermeister über seine Post-Vac-Erkrankung
Der frühere Oberriexinger Bürgermeister Frank Wittendorfer leidet seit 2021 an einer Art Long Covid. Dr. Martin Maunz behandelt ihn.
Wittendorfers soziales Leben endete im November 2021
Wittendorfer und seine Ärzte nennen seine Krankheit Post Vac und Long Covid mit Chronic-Fatigue-Syndrom, sein Leiden begann aber lange vor einer Coviderkrankung und unmittelbar mit der dritten Corona-Impfung. Auch nach einer Impfung können Long-Covid-ähnliche Symptome auftreten. Unter Umständen kommt es zu einer Verknüpfung von Faktoren bei der Impfung, sodass Autoantikörper gebildet werden. Bis ins Detail erforscht aber ist das Krankheitsbild bis heute nicht. Wittendorfers berufliches, sportliches, soziales und familiäres Leben, so sagt er, endete im November 2021 und er ist bis heute noch „meilenweit von einer Normalität entfernt“. Ohne Begleitung ist ihm kein Schritt aus dem Haus möglich.
Anfang November 2021 bekam Wittendorfer seine dritte Corona-Impfung. Gleichzeitig initiierte er ein Impfzentrum in Oberriexingen. Als Oberriexinger Bürgermeister hatte er es sich zur Aufgabe gemacht, alles zu tun, um vor allem die älteren Einwohner in der Corona-Zeit zu unterstützen, damit sie Impfungen bekommen oder im täglichen Leben nicht alleine sind. Ironie des Schicksals: Gerade er, der die Impfung ermöglichte, leidet daran.
„Die Impfung hat sehr geschmerzt und ich hatte danach Brustschmerzen, Herzrasen und Schwindel und bis heute Schmerzen an der Einstichstelle im Arm“, sagt er. In den nächsten Wochen verschlechterte sich sein Zustand rapide. Er war dauererschöpft, konnte kaum arbeiten. Es folgte ein körperlicher Zusammenbruch im Frühjahr 2022. Er wurde zum ersten Mal in die Notaufnahme gebracht. Eine Odyssee durch Arztpraxen und Krankenhäuser begann. Auch die Diagnosen waren zahlreich: Verdacht auf Herzmuskelentzündung, Thrombose im Bein, vermeintlich psychosomatische Gründe wie Stress. Zum Teil war er, wie er sagt, „über Tage bettlägerig, konnte nicht mehr stehen, lesen, schreiben und sprechen.“ Eine Reha im Herbst 2022 verschlimmerte seinen Zustand zusehends.
Wittendorfer merkte, dass es ihm nach kleinsten Belastungen noch schlechter ging. In ihm selbst keimte der Gedanke, er habe Long Covid – doch hatte er sich nie nachweislich mit Covid infiziert – also kam man zeitlich zurück auf die dritte Impfung. Aber: Immer noch gab es keine eindeutige Diagnose. „Es war eine Odyssee des Leidens“, sagt er. „Ich fühlte mich nicht ernst genommen, wie ein Simulant.“
Das Gefühl, jetzt im Moment zu sterben
Wittendorfer versuchte alles: Er war in der Uniklinik Ulm, bei diversen Fachärzten und in der Uniklinik Tübingen. Anfang 2023 wechselte er zu einer Internistin nach Leonberg, sie diagnostizierte vielfach erhöhte Autoantikörper und eine chronische Überaktivierung des Immunsystems. Aufschluss brachte ein Cardio-MRT im Frühjahr 2023, die eine immer noch aktive Herzbeutel- und Herzmuskelentzündung infolge der Covid-Impfung bestätigte. Weiterhin wurden in einer Klinik im bayrischen Bad Aibling miserable Sauerstoffwerte, massive Endothelschäden und Mikrogerinsel in Wittendorfers Blut mit einem Spezialmikroskop festgestellt.
Im November 2023 zog er sich dann zum ersten Mal eine Covid-Infektion zu, was seine Symptome nochmals verschlimmerte. Im Oktober 2024 landete er wieder in der Notaufnahme des Klinikums Ludwigsburg, mit starken Herzschmerzen und dem Gefühl, „jetzt, in diesem Moment zu sterben“. Professor Dr. med. Christian Wolpert, Chef der Kardiologie, sagte zu ihm, dass es am Krankenhaus Bietigheim-Vaihingen den Kardiologen Dr. Martin Maunz gebe, der Long-Covid-, Chronic-Fatigue- und Mikroplasmen-/Mykoplasmen-Erkrankungen behandele – und verlegte ihn nach Bietigheim. „Als ich zum ersten Mal bei Dr. Maunz saß, spürte ich Erleichterung. Er sagte mir, meine Leiden seien keine Einbildung.“
Maunz machte mit ihm die Spiroergometrie-Untersuchung und bestätigte eine chronische Erschöpfungskrankheit, die sich wie eine schwere Autoimmunreaktion auswirkt. Dadurch wurde klar, wo eine weitere Therapie ansetzen könnte. Die Untersuchung ergab, dass er sich auf dem Belastungsniveau eines 80-Jährigen befand. Mittlerweile schlägt die Kombitherapie nach und nach an und inzwischen ist Wittendorfer immerhin auf dem Belastungsniveau eines 70-Jährigen. „Ich kann wieder ein bisschen mit meinen Kindern spielen und meine Frau im Haushalt unterstützen, aber die Symptomfreiheit ist noch weit entfernt“, sagt Wittendorfer.
Offizielle Definition von Long Covid oder Post Vac
Long Covid bezeichnet vorübergehende oder dauerhafte gesundheitliche Folgen einer SARS-CoV-2-Infektion. Eine einheitliche Definition liegt bislang nicht vor. Die Ausprägungen umfassen eine Verschlechterung bestehender Krankheiten, neu aufgetretene Erkrankungen, Organschäden und postinfektiöse Symptome. Häufige Symptome sind Fatigue (eine starke Entkräftung), Zustandsverschlechterung nach Belastung, Störungen der geistigen Leistungsfähigkeit und autonomer Körperfunktionen, Atembeschwerden. Auch eine Corona-Impfung kann diese Symptome hervorrufen (Post Vac).
