Mit einer persönlichen Erklärung hat sich der Hauptangeklagte im Raser-Prozess am Dienstag erstmals zu Wort gemeldet. Der 32-Jährige räumte die Beschleunigungsrennen mit seinem mitangeklagten Bruder ein und schilderte aus seiner Sicht den Zusammenstoß mit dem Fahrzeug, in dem zwei Freundinnen saßen und den Abend zusammen verbringen wollten.
Ludwigsburg Angeklagter: „Ich bin für den Tod beider Frauen verantwortlich“
Der Hauptangeklagte gab eine Erklärung ab, in der er sich reumütig zeigte. Ein Polizeibeamter zeichnete vor Gericht jedoch ein anderes Bild des 32-Jährigen.
„Ich bin für den Tod beider Frauen verantwortlich, mein Handeln ist durch nichts zu entschuldigen“, sagt der Angeklagte, der seine Erklärung mehrfach unter Tränen unterbrach. Damals habe er nicht in Betracht gezogen, jemanden zu gefährden, vielmehr auf sein fahrerisches Können und die Technik seines Wagens vertraut. Er wisse, dass die Hinterbliebenen „nichts dazu bringt, mir zu vergeben“, dennoch wollte er sein persönliches Beileid aussprechen: „Ich denke jeden verdammten Tag an Euch.“
Schilderungen des Angeklagten
An einer Ampel beschleunigte er erneut mit seinem Bruder, als dieser abbremsen musste, weil vor ihm ein Wagen fuhr, und daraufhin auf seine Fahrspur wechselte. „Da bemerkte ich das Auto, das von der Tankstelle aus quer über beide Fahrspuren fuhr, ich leitete eine Vollbremsung ein und wich nach links aus, doch ich konnte den Zusammenstoß leider nicht verhindern“, las der Angeklagte leise vor. Die Staatsanwaltschaft hat ihn deshalb wegen zweifachen Mordes angeklagt, seinen älteren Bruder, mit dem er gemeinsam eine Autowerkstatt betrieb, wegen versuchten zweifachen Mordes, und den mitfahrenden Cousin der beiden wegen fahrlässiger Tötung vor dem Hintergrund eines illegalen Autorennens am 20. März vergangenen Jahres in der Ludwigsburger Innenstadt. Ein weniger empathisches Bild zeichnete ein Polizeibeamter vom Unfallverursacher.
Als er ihn an der Unfallstelle von einem großen Familienpulk absonderte und ihm sagte, dass die beiden Frauen tot seien, „weinte er ganz kurz und rief, jetzt ist mein ganzes Leben hinüber“. „Für mich war es eine befremdliche Situation“, berichtete der Beamte als Zeuge vor der 19. Schwurgerichtskammer des Landgerichts Stuttgart. „Er machte einen sehr emotionslosen Eindruck, zeigte keine Reue und fragte dann auch gar nicht nach.“
Vier Wochen vor der Hochzeit
Mit ihrer Tat haben die Angeklagten etliche Menschen in einen psychischen Ausnahmezustand katapultiert, das machten die Aussagen des Bruders der getöteten 23-jährigen Merve deutlich. Ihre engsten Familienmitglieder können nicht mehr arbeiten, verlassen das Haus nur für den Prozess, in dem sie als Nebenkläger auftreten. „Niemandem wünsche ich diesen Schmerz“, sagte der 32-Jährige mit gepresster Stimme.
Gegen 16 Uhr am Tattag hatte er seine jüngste Schwester zuletzt gesehen, mit ihrer, ein Jahr jüngeren, besten Freundin Selin wollte sie „rausgehen“. Am nächsten Tag stand ein Flug nach Portugal an – zum Junggesellinnenabschied, denn vier Wochen später sollte die Hochzeit mit ihrem Verlobten stattfinden, das Brautkleid war bereits angefertigt, 900 Gäste geladen.
Emotionale Reaktionen
Der Vorsitzende Richter Norbert Winkelmann erneuerte mit sanfter Stimme seinen Appell an die sieben Angehörigen beider Frauen, die als Nebenkläger dem Verfahren von Tag eins an beiwohnen, jederzeit den Gerichtssaal verlassen zu können: „Es wird noch schlimmer werden, sie quälen sich selbst, das müssen sie sich nicht antun“.
Auslöser waren sehr emotionale Reaktionen einzelner Familienangehöriger, als mehrere Bilder des völlig zerstörten Autos mit persönlichen Utensilien der Frauen im Gerichtssaal gezeigt wurden. Das letzte Foto zeigte den Personalausweis einer der Getöteten.
