Ludwigsburg David Garrett: Ein Geiger als Rockstar

Von Dietmar Bastian
In der ersten Konzerthälfte reagierte das Publikum noch verhalten, aber die Stimmung lockerte sich auf und der Applaus wurde stärker. Foto: /Martin Kalb

Bei den KSK Music Open im Ludwigsburger Residenzschloss begeistert der Musiker mit der „Millennium Symphonie“.

Erst die Dunkelheit machte David Garrett zum Star des Abends. Als über dem Innenhof des Ludwigsburger Residenzschlosses langsam die Nacht hereinbrach, begannen Laserstrahlen, Nebelschwaden und Pyrotechnik jene Bühne zu erschaffen, auf der sich der Geiger weniger als klassischen Solist, denn als Rockstar präsentierte. Musik war an diesem Abend nur ein Teil des Konzepts – die Inszenierung der andere. Alles diente dazu, Garrett in den Mittelpunkt eines perfekt choreografierten Gesamterlebnisses zu stellen. Dabei hatte dieser mit seiner rund 30-köpfigen Formation, darunter das Bohemian Orchestra Prag sowie exzellente Gitarristen und Schlagzeuger, bereits vor der Pause einen musikalischen Streifzug durch rund 25 Jahre Pop- und Rockgeschichte unternommen.

Songs von Beyoncé, Harry Styles, Tones and I, Avicii oder Rammstein erklangen nicht als bloße Bearbeitungen für Geige und Orchester, sondern als opulent orchestrierte Crossover-Versionen, in denen Garretts Violine die Rolle der Gesangsstimme übernahm. Populäre Melodien wurden symphonisch aufgeladen, rockige Gitarrenriffs trafen auf orchestrale Klangfülle – ein Sound, der konsequent auf große Emotionen setzte. Das Konzept ging auf – allerdings erst nach und nach. 4700 Besucher füllten den Schlosshof nahezu bis auf den letzten Platz. Umso erstaunlicher war die zunächst verhaltene Reaktion. Über weite Strecken der ersten Konzerthälfte blieb das Publikum beinahe konzertsaalhaft diszipliniert. Erst nach der Pause löste sich die Zurückhaltung. Bei Rihannas „Russian Roulette“, spätestens aber bei Nirvanas „Smells Like Teen Spirit“, sprang der Funke endgültig über. Aus höflichem Applaus wurde schrittweise Begeisterung, und vielerorts applaudierten die Fans im Stehen.

Beflügelnder Applaus

Nun sprang die Energie auch auf die Bühne über und beflügelte Garrett und seine Musiker zu mitreißenden Zugaben. An David Garrett scheiden sich seit Jahren die Geister. Für die einen gelingt ihm wie kaum einem anderen die Versöhnung von Klassik und Unterhaltung. Andere sehen in ihm vor allem einen Entertainer, dessen Bühnenshows mehr Gewicht besitzen als musikalische Substanz. Beide Sichtweisen greifen zu kurz. Garrett ist ein außergewöhnlicher Geiger: technische Souveränität, Präzision und Bühnenpräsenz sind beeindruckend. Nicht ohne Grund gehören eine Guarneri del Gesù von 1736 und die Stradivari „San Lorenzo“ von 1718 zu seinem Instrumentarium. Auf welcher dieser Kostbarkeiten er in Ludwigsburg spielte, blieb am Sonntagabend allerdings sein Geheimnis. Bemerkenswert ist vielmehr, dass er sich bewusst eine eigene musikalische Welt erschaffen hat, in der Virtuosität, Popkultur und Entertainment eine eigenständige Einheit bilden. Dort gelten andere Maßstäbe als im klassischen Konzertbetrieb. Garrett macht aus klassischer Spieltechnik kein Museum, sondern ein Event.

Genau darin liegt das Geheimnis seines außergewöhnlichen Erfolgs. Er hat ein Genre geprägt, das heute nahezu untrennbar mit seinem Namen verbunden ist. Dass der Geiger dabei längst auch Rockstar-Qualitäten besitzt, zeigte eine beiläufige Bemerkung aus der Nachbarreihe. „Wäre ich dreißig Jahre jünger …“, meinte eine Besucherin lachend. Viel mehr musste sie gar nicht sagen.

Große Altersspanne

Wer ein Ticket für diesen Abend gekauft hatte, erwartete keinen klassischen Violinabend mit Mozart oder Mendelssohn. Das altersmäßig erfreulich breit gefächerte Publikum wollte vielmehr erleben, wie sich klassische Virtuosität, Rockenergie, opulente Orchestersounds und modernste Bühnentechnik zu einem mitreißenden Gesamterlebnis verbinden. Genau dieses Format hat David Garrett über Jahre entwickelt. Puristen mag dieses Format nicht immer überzeugen – sein Publikum erreicht David Garrett damit seit Jahren mit erstaunlicher Treffsicherheit. 

 
 
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