Der Jahresempfang der IHK-Bezirkskammer Ludwigsburg ist traditionell die Gelegenheit für die Betriebe, deutlich anzusprechen, wo ihnen der Schuh drückt. Und er drückt gewaltig. Für Axel Kunkel, den Präsidenten der IHK-Bezirkskammer, fühlt es sich so an, „als stünde dieses Land gewollt auf der Bremse und niemand wechselt das Pedal“.
Ludwigsburg Der Druck in den Unternehmen steigt
Beim Jahresempfang der IHK in Ludwigsburg finden Präsident und Geschäftsführerin deutliche Worte: Lange hält die Wirtschaft nicht mehr durch.
Stillstand, Behäbigkeit und weitgehend leere Versprechungen von Reformen zeichnen Kunkels Ansicht nach die Handlungen von Politikern und Behörden aus. „Es ist allen Akteuren bekannt, an welchen Stellschrauben man drehen muss“, sagte er. Aber es passiert zu wenig, so seine Botschaft. „Unsere Wirtschaft hält diesen aktuellen Zustand nicht mehr lange durch.“
Potenzial ausschöpfen
Vielen Gästen im „urbanharbor“ an der Schwieberdinger Straße sprach er damit wohl aus dem Herzen. Das ist auch die Erfahrung von Sigrid Zimmerling, der Geschäftsführerin der IHK-Bezirkskammer. Sie verwies auf die Klagen von Unternehmen, die gerne ihr Potenzial ausschöpfen könnten, wenn nur die Rahmenbedingungen stimmen würden.
Eines der Warnsignale, das sie besonders erschüttert habe: Die Zahl der Insolvenzanträge sei in Ludwigsburg im November 2025 um fast 42 Prozent gestiegen. Mit Investitionen und Innovationsgeist gingen damit auch Arbeitsplätze verloren.
Dabei bietet der Standort mit seiner Mischung aus international tätigen Unternehmen, kreativen Start-Ups und Hochschulen als Innovationstreibern nach wie vor beste Chancen für wirtschaftlichen Erfolg, sagte Kunkel. Trotzdem bleiben die Geschäftserwartungen nach Jahren mageren Wachstums weiter verhalten. Die Belastungen durch bürokratische Hürden und hohe Energiepreise, jüngst verstärkt durch den Iran-Konflikt, „zehren mittlerweile seit Jahren an der Liquidität und Rentabilität unserer Betriebe“, klagte der IHK-Präsident.
Keine Wachstumsagenda in Sicht
Die Bundesregierung habe Reform- und Entlastungspakete angekündigt. Doch „wo ist die Wachstumsagenda, die diesem Namen auch gerecht wird?“, fragte Kunkel.
Die Beschleunigungspläne für Infrastruktur und Genehmigungen dürfen nicht im Sande verlaufen, forderte Sigrid Zimmerling. Von wirklichem Bürokratieabbau ist aus ihrer Sicht keine Rede. „Was wir sehen, sind kosmetische Maßnahmen.“ Am Druck aus den Unternehmen fehle es nicht. „Bürokratieabbau ist unser Kernanliegen“, sagte die IHK-Geschäftsführerin.
Mit ihrer Kritik richtete sich Zimmerling direkt an die künftige Landesregierung. Aus ihrer Sicht müssen Entscheidungen für Wachstum und Investitionen in den Sondierungsgesprächen von Grün-Schwarz oberste Priorität haben. Die Verantwortung dürfe nicht nach Berlin und Brüssel abgeschoben werden. „Jetzt ist die Zeit für Aufbruch, Mut und Tempo“, sagte sie.
Der Stillstand in der Reformpolitik ist ihrer Ansicht nach auch einer der Gründe, warum sich für viele Unternehmen kein Nachfolger findet. Lange Genehmigungen, Fachkräftemangel, hohe Kosten, eine schwache Konjunktur und eine „falsche Wirtschaftspolitik“ seien kein Anreiz für die nächste Generation an Unternehmern.
KI ist wichtig
Teil der Reise in eine bessere Zukunft ist für Zimmerling die Anwendung von Künstlicher Intelligenz, KI, in den Unternehmen. Diesem Thema widmete sich Isabel Hartung, ehemals Vorstandsmitglied von Trumpf und Mitglied in mehreren Beiräten und Aufsichtsräten, in einem Kurzvortrag. Eine ihrer Kernaussagen: „Wer sich nicht mit KI beschäftigt, hat demnächst ein Problem.“
Denn in den Betrieben ist die Künstliche Intelligenz längst kein so beherrschendes Thema, wie es die öffentliche Diskussion vermuten lässt, so Hartungs Erfahrungen. Auch wenn es manche Statistik anders glauben macht: Nur ein Prozent der Unternehmen nutze die KI aktiv. Zwar werden einfache Funktionen angewendet, aber wirkliche wirtschaftliche Vorteile und Chancen werden nicht generiert.
Und diese Chancen sind hoch. Bauunternehmen können schon jetzt mit Hilfe von KI potenzielle Bauprojekte lange vor der eigentlichen Ausschreibung erkennen. Eine KI filtert dafür Aussagen in Diskussionen und Vorlagen in öffentlichen Gremien. Bäckereien können ihren Tagesbedarf an Brot, Brötchen und Kuchen über KI steuern, auf diese Weise den Umsatz erhöhen, die Bestellplanung verbessern, den Personaleinsatz optimieren und die Zahl der Rückläufer verringern. In der Medizin hilft die KI beispielsweise, ein EKG auszuwerten und ein Frühwarnsystem zu etablieren.
Klein starten und dranbleiben
Eine weitere Kernaussage: KI ist Chefsache, die Unternehmensführung muss sich damit auseinandersetzen. Wer KI einsetzen will, sollte klein starten, aber unbedingt dranbleiben. KI ersetzt kein Handeln, ihr Einsatz erfordert vielmehr Urteilsvermögen und Kontextwissen. Berufserfahrung, Verantwortung und manchmal auch ein Bauchgefühlt seien durch KI nicht zu ersetzen. Das gilt auch für die nächste Generation. „Wir brauchen Nachwuchs, der die Grundlagen seines Jobs kennt.“
