Ludwigsburg Der Kreis probt den Ernstfall

Von Jonathan Lung
Besprechung in der autarken Notunterkunft Urban Habor in Ludwigsburg (links). Foto: /Oliver Bürkle

Nach einem Orkan fällt der Strom aus. Mit einer Großübung hat der Kreis zwei Tage lang getestet, wie gut die Krisenstäbe zusammen arbeiten.

Großes Aufkommen von THW und Feuerwehr am Ludwigsburger Urban Harbor am vergangenen Freitag: wo am Mittag noch Mitarbeiter der ansässigen Firmen in der Kantine aßen, wurde nun der Geräte-Container der Feuerwehr vom Laster gekrant, zudem hielten Transportbusse der Feuerwehr vor dem Gebäude – aus denen aber statt verstörter Katastrophenopfer relativ gut gelaunte Mitglieder der Jugendfeuerwehren stiegen, ebenso wie neugierige Abgeordnete aus Bundes-, Land- und Kreistag. Denen erläuterten Kreisbrandmeister Andy Dorroch und Landrat Dietmar Allgaier zunächst, was man vor sich hatte – eine auf Autarkie ausgelegte Notunterkunft.

Die Übungslage war ernst: Ein Orkan war über den Landkreis gefegt, und hatte für einen flächendeckenden Stromausfall gesorgt. „Die üblichen Kommunikationsmittel wie Telefon und E-Mail können nicht mehr genutzt werden“, so der Kreisbrandmeister. Was tut man dann? Die kommunalen Krisenstäbe der Städte und Gemeinden traten ebenso zusammen wie der Verwaltungsstab des Landkreises Ludwigsburg: in verschiedenen Arbeitsbereichen wurden Evakuierung und Versorgung organisiert. Schließlich begab sich die Bevölkerung in Notunterkünfte, wo sie Nahrung und Schlafplätze erhielten. Das war das Szenario der zweitägigen Übung „Familia Communalis“ am vergangenen Freitag und Samstag, an der insgesamt 18 Städte und Gemeinden teilnahmen. „Die Hälfte aller Städte und Gemeinden üben heute mit“, unterstrich Dorroch die Relevanz der Übung im Landkreis, insgesamt 560 Beteiligte in den 18 „Leuchttürmen“ des Landkreises, den Katastrophenzentren vor Ort in den Gemeinden.

Erkundungen mit dem Rad

Auf dem Weg in die Notunterkunft passierte die Delegation den Ausrüstungscontainer: Zelte, Zubehör, Klapptische und -bänke zeigte der Kreisbrandmeister, auch Klappfahrräder für eine schnelle Gebietserkundung im Katastrophenfall. Mit dem Wechsellader-Prinzip gibt es mehrere solcher Container im Landkreis.

Ein paar Meter weiter hatte man die Firma Kärcher Futuretech eingeladen, ihr Trinkwasser-Aufbereitungssystem zu präsentieren: Mit einer Lastwagenbatterie lässt sich damit sogar radioaktiv kontaminiertes Wasser trinkbar machen. Bei der Katastrophe im Ahrtal, bei der auch die Trinkwasserversorgung unterbrochen war, lieferte das System mehrere Millionen Liter Wasser. „Da sind wir nackig“, gestand Kreisbrandmeister Dorroch, der die Anschaffung mehrerer dieser Systeme für den Landkreis den Politikern als dringenden Wunsch mitgab.

Aus dem Eingang des Urban Harbor drang derweil der Geruch von Spaghetti mit Soße: die Bewirtung der gut 100 Mitglieder der Jugendfeuerwehren, die die Zuflucht suchende Bevölkerung mimten, lief an – ohne externe Stromversorgung. Denn schon bei der Konstruktion 2016, so Inhaber Max Maier, habe man das Gebäude zusammen mit den Stadtwerken auf Autarkie ausgelegt: es wird im Alltag extern mit Energie versorgt, kann aber mit einem internen Heizkraftwerk in den Krisenmodus umschalten, von mehreren Komponenten der Stromversorgung auf eine: „Dual Use“, so Maier, dessen Gebäude nun das erste Mal als Notunterkunft bei einer Übung getestet wurde. Dass eine wirtschaftliche Nutzfläche in kürzester Zeit zur Katastrophen-Infrastruktur umgewidmet werden kann, ist tatsächlich ein Konzept, das es so sonst noch nicht gibt, bestätigte der Kreisbrandmeister.

Üblich sind Unterkünfte und Materiallager, die aber bis auf den Ernstfall nicht genutzt werden. So wurden in der Kantine nun Klappbetten aufgestellt und Schlafsäcke ausgerollt – Jungs und Mädchen in getrennten Räumen, versteht sich. Die Jugendlichen verbrachten die Nacht von Freitag auf Samstag dort, per autarker Stromversorgung bewirtet. Mit Tischkicker und Filmabend wurde für Unterhaltung gesorgt.

Landrat ist zufrieden

„Wir sind auf dem richtigen Weg, aber wir müssen ihn weitergehen“, fasst Dorroch die Bereitschaft des Landkreises für den Katastrophenfall zusammen. Nach der Übung zeigten sich Landrat Allgaier am Samstag zufrieden: Die Verantwortlichen im Landkreis hätten eng und professionell zusammengearbeitet, die gute Kommunikation innerhalb des Verwaltungsstabs und darüber hinaus, das konstruktive Miteinander sowie das hohe Engagement aller Beteiligten seien unter Beweis gestellt worden.

 
 
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