Ludwigsburg „Der Tag war geprägt von Übermut“

Von Petra Häussermann
Der beim Unfall stark beschädigte Baum in Schwieberdinger Straße wurde von der Stadt entfernt, da die Standsicherheit nicht mehr gewährleistet war. Foto: /Oliver Bürkle

Zur Halbzeit im Raser-Prozess haben zwei Angeklagte vor dem Stuttgarter Schwurgericht erstmals ihre Sicht der Dinge durch ihre Anwälte erklären lassen.

Drei Männer haben das Leben zweier jungen Frauen auf dem Gewissen und deren Familien und Freunde in großes Unglück gestürzt, weil sie in ihrem Geschwindigkeitswahn und Autokult jedwede Verantwortung missen ließen. Zur Halbzeit im Ludwigsburger Raser-Prozess vor dem Stuttgarter Schwurgericht haben zwei Angeklagte erstmals ihre Sicht der Dinge durch ihre Anwälte erklären lassen.

Wenig Reue erkennbar

Viel war von den schönen, PS-starken Autos die Rede, wenig von Reue und Schuld. „Der Tag war geprägt von Übermut und Euphorie, denn ich hatte mein Auto angemeldet“, hieß es in der Einlassung des 35-jährigen Bruders des Unfallverursachers. Er räumte ein, sein jüngerer Bruder und er hätten mehrfach beschleunigt und es sei auch „zu kurzen Rennsituationen“ gekommen.

„Damals dachte ich, mein Fahrzeug jederzeit unter Kontrolle zu haben und ich verließ mich auch auf die Technik des Autos“, hieß es weiter. Mehrfach war die Rede davon, dass er Verantwortung übernehme, letztlich bot er den Hinterbliebenen eine Geldzahlung an.

„Die beiden haben Vollgas gegeben, ich wollte auch hinterherkommen, aber es gab keine Rennabsicht“, ließ der in Kürze 26 Jahre alt werdende Cousin der beiden Brüder verlesen. Vor dem tödlichen Zusammenstoß mit dem Auto der beiden jungen Frauen am 20. März vergangenen Jahres waren die drei in ihren jeweiligen Mercedes bereits durch Ludwigsburg gebrettert, das belegen zahlreiche Zeugenaussagen.

Vor dem Unfall stiegen der Cousin und seine Freundin, dessen Auto „nur 220 PS“ hat, in den neuen 500 PS starken Wagen des 35-Jährigen. Von den Fahrten erstellte die Freundin mehrere Videos mit ihrem Handy. „Mir tut der ganze Vorgang sehr sehr leid, ich hätte als Beifahrer vielleicht sagen sollen, fahr‘ langsamer“, bat der Cousin, der nicht wie die Brüder in Untersuchungshaft sitzt, die „Familien um Verzeihung“.

Die beiden Einlassungen stießen auf wenig Verständnis. „Wieso kommt diese Erklärung so spät, spontan habe ich den Eindruck, sie wollen ihren Kopf aus der Schlinge ziehen, nachdem wir so viele Zeugenaussagen gehört haben“, sagte Nebenkläger-Anwalt Faith Zingal in Richtung der Angeklagten.

Auch der Vorsitzende Richter Norbert Winkelmann stellte die Frage, warum es denn so lange gedauert habe, bis sich der 35-Jährige Polizei und Justiz gestellt habe. Eine Antwort erhielten die beiden Fragenden nicht. Für die Staatsanwaltschaft geht es in diesem Verfahren vor dem Landgericht Stuttgart um zweifachen Mord aus niederen Beweggründen und Heimtücke, um versuchten Mord und Beihilfe, um illegale Autorennen.

Nach den Einlassungen ihrer Mandanten erklärten deren Verteidiger, auf die Anhörung weiterer Zeugen verzichten zu können. Das kann sich auch Anwalt Zingal vorstellen. Doch zunächst fuhr das Gericht mit der Anhörung der für diesen Verhandlungstag geladenen zehn Zeugen fort, darunter Verkehrsteilnehmer im Auto und auf dem Rad. Erneut war von unerhörtem Motorenlärm, unverhältnismäßigem Beschleunigen und riskanten Überholmanövern die Rede.

Von respektlosem Verhalten und einer absoluten Katastrophe sprach ein freiwilliger Feuerwehrmann, dessen Einheit wenige Minuten nach dem Unfall eintraf: „Da haben Leute noch versucht, ihre Hand mit dem Handy durch die Sichtschutzplanen zu strecken, als wir diese aufbauten“, berichtete der 33-Jährige noch heute erschüttert. Für ihn war es auch das erste Mal, dass er half, einen Menschen wiederzubeleben: „Es war nicht möglich, die Frauen zu reanimieren.“

 
 
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