Ludwigsburg Der verbrannte Chefsessel

Von Emanuel Hege
Wer folgt auf Thomas Wild? Angesichts der tiefen Gräben im Präsidium und des kritischen Blicks der Bürgerbeauftragten dürfte der Posten von Anfang an ein heißer Stuhl sein. Foto: /Simon Granville

Die Amtszeit des Polizeipräsidenten Thomas Wild endet glanzlos – und mitten in die Suche nach der Nachfolge platzt eine Bombe. Eine Chronologie der Ereignisse.

Thomas Wild wird in der Geschichte des Polizeipräsidiums Ludwigsburg vermutlich keine herausragende Rolle einnehmen. Der Polizeipräsident geht im Oktober in den Ruhestand, nach weniger als zwei aktiven Jahren an der Spitze des Präsidiums – eine Abschiedsfeier wird es wohl nicht geben.

Seit Anfang des Jahres führt seine Stellvertreterin Silke Kübler die Geschäfte. Die wäre die logische Nachfolgerin geworden, geriet vergangene Woche jedoch durch die Bürgerbeauftragte Beate Böhlen unter Druck. Ausgerechnet in der Phase, in der das Innenministerium nach einem neuen Präsidenten sucht. Ein Blick zurück und voraus in sieben Schritten zeigt, dass die Probleme bei der Polizei komplexer sind als die aktuelle Führungskrise.

Schritt 1: Das Erbe

Die drei vergangenen Polizeipräsidenten in Ludwigsburg haben eine Gemeinsamkeit: Alle waren erfahrene Polizeiführer mit langen Karrieren, als sie den Chefsessel übernahmen. Der Aufstieg zum Präsidentenamt kam jeweils erst spät in der Laufbahn – gewissermaßen als letzter großer Karriereschritt vor dem Ruhestand.

Frank Rebholz übernahm das Amt 2014. Der damalige Staatssekretär Julian Würtenberger bezeichnete ihn später als „Bilderbuchpolizisten“. Zu seiner Verabschiedung im Ordenssaal des Ludwigsburger Schlosses kamen neben Politprominenz rund 200 Polizeibeamte.

Ähnlich verlief die Karriere von Rebholz’ Nachfolger Burkhard Metzger – ein bekannter und beliebter Polizist in der Region. Er war Revierleiter in Marbach, arbeitete fünfeinhalb Jahre im Staatsministerium und wurde anschließend Polizeivizepräsident beim Polizeipräsidium Einsatz. 2019 wechselte er nach Ludwigsburg – zunächst als Vizepräsident, später als Präsident. Auch er wurde mit einer Verabschiedung in Ludwigsburg mit einer Rede des Staatssekretärs Wilfried Klenk geehrt.

Dann folgte Thomas Wild – ein „Präsident aus dem Homeoffice“, wie es offenbar spöttisch in Polizeikreisen heißt. Auch er blickte zum Zeitpunkt seines Amtsantritts auf eine lange Polizeikarriere zurück und hatte in den 20 Jahren zuvor sechs verschiedene Führungsfunktionen innerhalb der baden-württembergischen Polizei ausgeübt. Auch bei ihm lag der Ruhestand nicht mehr weit entfernt. Eine offizielle Verabschiedung ist derzeit allerdings nicht geplant – Wild soll darauf selbst verzichtet haben.

Schritt 2: Der 5000-Meter-Lauf

Dass Thomas Wild während seiner Zeit als Polizeipräsident nicht unumstritten war, hat auch mit seiner Rolle in der sogenannten 5000-Meter-Affäre zu tun. Im Juni 2024 scheiterte ein Polizeianwärter bei einem Leistungstest an der Hochschule für Polizei in Herrenberg zunächst nur knapp an der geforderten Zeit über 5000 Meter. Weil es bereits sein zweiter Versuch war, hätte er damit die sportliche Voraussetzung für den weiteren Polizeidienst nicht erfüllt.

Nach dem Lauf wurde das Ergebnis nachträglich verändert – der Anwärter hatte damit die Prüfung bestanden. Im Zuge der späteren Ermittlungen geriet auch der damalige Polizeipräsident Thomas Wild in den Fokus. Eine Führungskraft sagte aus, Wild habe auf eine Änderung des Ergebnisses hingewirkt. Wild wies den Vorwurf zurück.

Gegen Thomas Wild wurde wegen des Verdachts auf eine strafbare Einflussnahme ermittelt. Die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren gegen ihn jedoch mangels ausreichenden Tatverdachts ein. Eine andere Führungskraft wurde dagegen im Februar 2026 wegen Falschbeurkundung im Amt verurteilt.

Just in der Zeit der Gerichtsverhandlung wurde Wild laut offiziellen Angaben für ein „Projekt beim Innenministerium“ abgeordnet. Auf dem Papier war er also seit Anfang des Jahres noch Polizeipräsident, die Leitung übernahm aber faktisch seine Stellvertreterin Silke Kübler.

Schritt 3: Frischer Wind

Auch Silke Kübler hat einen klassischen Polizeilebenslauf, ist im Vergleich zu ihren Vorgängern mit Jahrgang 1977 jedoch deutlich jünger – und die erste Frau, die interimsweise das Polizeipräsidium Ludwigsburg leitet. Ihr Geschlecht habe ihr in ihrer Laufbahn keine Probleme bereitet, sagte Kübler bei ihrem Antrittsporträt in einer Lokalzeitung. Dafür sei sie immer wieder auf ihr vergleichsweise junges Alter angesprochen worden.

Der Beruf des Polizisten sei einer für Teamplayer, sagte sie damals. Die Zeiten ganz klassischer Hierarchien seien überholt.

Schritt 4: Schlechte Führung

Nachdem Kübler das Präsidium rund ein Dreivierteljahr kommissarisch geführt hatte, galt sie auch als mögliche Nachfolgerin von Thomas Wild.

Doch Mitte September wandte sich die Bürgerbeauftragte Beate Böhlen mit einem Schreiben an den Innenminister und den Landtags-Innenausschuss und kritisierte die Führungskultur im Präsidium. Namentlich nannte sie Kübler und deren Stellvertreter Erwin Grosser. Böhlen schrieb, sie sei von mehreren Seiten auf „unhaltbare Zustände bezüglich des Führungsverhaltens der oberen Leitungsebene“ aufmerksam gemacht worden. Beschäftigte aus verschiedenen Hierarchieebenen hätten sich bei ihr gemeldet und von einer „machtmissbräuchlichen Führungskultur“ berichtet.

Schritt 5: Das Timing

Die Vorwürfe sorgen an der Spitze des Präsidiums für Unruhe. Nach Informationen dieser Zeitung stößt insbesondere der Zeitpunkt von Böhlens Schreiben auf Kritik: Sie wandte sich an den Innenausschuss, bevor ein Gespräch mit den von den Vorwürfen Betroffenen zustande gekommen war. Damit wurden die Anschuldigungen öffentlich, ohne dass Kübler und Grosser zuvor gegenüber der Bürgerbeauftragten dazu Stellung nehmen konnten.

Bemerkenswert ist zudem, dass Böhlen sich im September an den Innenausschuss wandte – also genau in der Phase, in der das Innenministerium die vakante Präsidentenstelle besetzen will. In ihrem Schreiben an den Innenausschuss des Landes heißt es ganz offen, dass sie eine Überprüfung der Führungskultur anregt, „insbesondere vor dem Hintergrund der Bewerbungsfrist“.

Schritt 6: Vielfältige Probleme

Aus dem Polizeipräsidium selbst ist derzeit wenig zu erfahren. Fest steht: Bereits vor rund einem Jahr sprach eine Personalrätin bei einer Versammlung mit den Beschäftigten von einem „Klima der Angst“. Zudem legen Gespräche dieser Zeitung mit Polizeibeschäftigten nahe, dass sich die Kritik nicht ausschließlich auf Kübler und Grosser bezieht. Vielmehr gibt es auch Stimmen, die sagen, dass sich beide mit Problemen auseinandersetzen müssen, die ihnen von den Vorgängern hinterlassen wurden.

Andere sehen das Ganze nicht als exklusives Problem des Polizeipräsidiums. Sie verweisen vielmehr auf eine größere Führungskrise innerhalb der baden-württembergischen Polizei. Als Beispiel werden weitere Fälle genannt, etwa die Affäre um den ehemaligen Polizeiinspektor Andreas R., der wegen einer mutmaßlichen sexuellen Nötigung vor Gericht stand, später aber freigesprochen wurde.

Schritt 7: Heißer Stuhl

Das Polizeipräsidium braucht einen neuen Präsidenten oder eine neue Präsidentin – und damit steht das Innenministerium vor einer heiklen Personalentscheidung. Eine Ernennung von Silke Kübler oder Erwin Grosser dürfte angesichts der erhobenen Vorwürfe unangenehme Fragen aufwerfen. Zugleich wäre die Rückkehr zum bisherigen Muster – ein langjährig erfahrener Polizeiführer kurz vor dem Ruhestand – angesichts der Debatte um moderne Führungskultur ebenfalls erklärungsbedürftig.

Ob bereits ein Kandidat oder eine Kandidatin in Sicht ist, der glaubhaft für einen Führungswechsel steht, ist unbekannt. Das Innenministerium äußert sich zum laufenden Auswahlverfahren nicht. Fest steht: Wer künftig an der Spitze des Präsidiums steht, tritt ein schweres Erbe an. Nach den personellen Wechseln und den aktuellen Auseinandersetzungen dürfte die neue Führung besonders genau beobachtet werden. 

 
 
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