Das Staatsarchiv in Ludwigsburg ist auch weit über die Gemarkungsgrenzen der Stadt hinaus bekannt. Dass sich im gleichen Gebäude jedoch noch eine zweite wichtige Einrichtung des Landesarchivs Baden-Württemberg befindet, wissen die wenigsten. Benjamin Zech leitet hier das Institut für Erhaltung von Archiv- und Bibliotheksgut (IfE) mit rund 30 Mitarbeitern.
Ludwigsburg Die Bewahrer des Alltags
Am Institut für Erhaltung von Archiv- und Bibliotheksgut werden alte Schriftstücke aus ganz Baden-Württemberg restauriert und digitalisiert und somit für die Nachwelt erhalten.
Das IfE hat im Kern dreierlei Aufgabenbereiche: Einerseits fungiere man als Restaurierungswerkstatt und Kompetenzzentrum für die Bestandserhaltung des Landesarchivs, erklärt Zech. Andererseits biete man Beratungen und Restaurierungen für das Schriftgut von rund 20 weiteren Landeseinrichtungen an – überall dort, wo es historische Bücher oder Schriftbestände gibt. Von den rund 400 laufenden Kilometern Schriftgut und vielen Millionen Büchern könne man dabei natürlich nur einen Bruchteil bearbeiten, sagt Zech. Denn sein volles Potenzial konnte das IfE nie entfalten. Ursprünglich in den Achtzigerjahren für bis zu 70 Mitarbeiter konzipiert, fehlten nach der Wiedervereinigung die finanziellen Mittel für eine volle Auslastung, sodass man seither nie über die rund 30 Mitarbeiter herausgekommen sei, erklärt der Institutsleiter.
Mikrofilm kommt in Stollen
Darüber hinaus beteilige man sich an der Bundessicherungsverfilmung. In diesem Prozess werden historisch bedeutsame Dokumente auf Mikrofilm übertragen und im Barbarastollen in der Nähe von Freiburg gelagert. Hier sollen die Objekte selbst einen möglichen Atomkrieg überdauern können. Über eine Milliarde Aufnahmen sollen dort mindestens 500 Jahre halten, das IfE steuert jährlich etwas mehr als eine Million zusätzliche Aufnahmen aus Baden-Württemberg bei.
Welche Objekte in Ludwigsburg bearbeitet werden, entscheiden in erster Linie die Landeseinrichtungen, in denen diese untergebracht sind. Hier werde abhängig von der historischen Bedeutung und dem Beschädigungsgrad priorisiert. Aber auch mit Objekten, die schlicht für eine Ausstellung aufbereitet werden müssen, bekomme man es zu tun, sagt Zech, der Geschichte und Kunstgeschichte in Bochum und später in Stuttgart Restaurierung digitaler Medien studiert hat. Restaurierungen für Privatleute biete man nicht an.
Über tausend Jahre alte Objekte
Für die Restauratoren gehe es um die Materialität des Objekts, nicht um dessen Informationsgehalt, sagt Marlene Husung, Sachgebietsleiterin Restaurierung, „Je älter ein Objekt, desto interessanter. Wenn man ein 1000 Jahre altes Objekt vor sich liegen hat, fragt man sich, was das schon alles erlebt haben muss“, sagt sie. Zu den außergewöhnlichsten Objekten, die bereits am IfE bearbeitet wurden, gehört demnach eine Bleibulle Ottos III., die sich auf das Jahr 998 datieren lässt. Zech hebt darüber hinaus das Breviarium Cisterciense aus der Heidelberger Universitätsbibliothek aus dem Jahr 1288 hervor, eine prachtvolle farbige Handschrift, deren Illustrationen einen Einblick in die Vorstellungswelt des Mittelalters geben. Auch habe man neben zahlreichen Urkunden aus dieser Zeit auch Arbeiten an verschiedenen Exemplaren der Schedelschen Weltchronik von 1493 bis 1500 durchgeführt. „Was es in Baden-Württemberg schriftlich gibt, hat die Möglichkeit, hier zu sein.“
Schäden können vielfältig sein
Und auch die Wiedergutmachungsakten aus dem Ludwigsburger Staatsarchiv habe man digitalisiert. Materialien aus den beiden Weltkriegen seien aufgrund des zu der Zeit vorherrschenden Rohstoffmangels oft in schlechter Qualität angefertigt worden, erklärt Husung. Jedoch sei nichts eindrücklicher als Kirchenbücher aus dieser Zeit, in der die Namen von Todesopfern stehen.
Typische Schäden, mit denen sie es zu tun haben, beinhalten laut Zech Insektenfraß, Einflüsse durch Wasser oder Feuer, Schimmel, regulärer Dreck, mechanische Schäden oder aber bestimmte chemische Reaktionen. „Je früher wir ein Objekt bekommen, desto besser.“ Zwar könne man sehr viel möglich machen, ab einem gewissen Punkt würde dann aber auch die Wirtschaftlichkeit eine Rolle spielen. Zu den üblichen Verfahren in der Restaurierung zählt etwa das Anfasern von Papier, um es zu stabilisieren oder eine chemische Behandlung in einer Tauchbeckenanlage.
Ungefähr 120.000 Objekte werden am IfE jährlich bearbeitet, ein Großteil davon sind Einzeldokumente, die gereinigt werden müssen. Dazu kommen einige Großformate und auch Bücher, die schnell mal mehrere hundert Arbeitsstunden in Anspruch nehmen können, sagt der Institutsleiter.
Auch wenn ein prunkvolles Gemälde häufig mehr Ehrfurcht beim Betrachter hervorruft, sei Papier doch das Alltagsmedium schlechthin. „Was wir machen, ist den Alltag bewahren“, sagt Husung. „Wir können problemlos eine Kulturgeschichte der Menschheit am Papier festmachen“, ergänzt Zech.
