Ludwigsburg Eine halbe Stunde Zugaben

Von Sandra Bildmann
Die 36-jährige Julia Lezhneva präsentierte fünf Barockarien und eine weltliche Kantate im Ordenssaal. Foto: /Oliver Bürkle

Die Sopranistin Julia Lezhneva verzückte das Publikum bei den Schlossfestspielen nicht nur mit ihrem Gesang.

Julia Lezhneva hatte einen absoluten Sahnetag erwischt, die Sopranistin legte in Ludwigsburg einen fantastischen Auftritt aufs Podium. Dass der Barockmusik-Abend den Anwesenden lange in Erinnerung bleiben wird, lag aber nicht alleine am Können der mit zahlreichen Preisen international hochdekorierten Künstlerin.

Gemeinsam mit Flötist Giovanni Antonini und dessen Ensemble „Il Giardino Armonico“, mit denen sie eine langjährige künstlerische Zusammenarbeit verbindet, hatte die 36-Jährige am Freitagabend fünf Barockarien und eine weltliche Kantate in den Ordenssaal mitgebracht. Zudem präsentierte Antonini zwei Flötenkonzerte, das Konzert begann mit einer Einstimmung durch das siebenköpfige Kammerorchester und wurde am Sonntagabend am selben Ort wiederholt.

Der Sängerin steht einfach jede Rolle: die verschmitzte Schelmin genauso wie die vorfreudig Verliebte und die eifersüchtige Furie. Sie beherrscht einerseits das ekstatisch erregte Säuseln, andererseits die absolut präzise Koloraturmechanik – eine Meisterleistung der Körperbeherrschung. Kein Wunder, dass sie mit ihrer Atemtechnik zu spielen vermag und in Joseph Haydns Cantata „Arianna a Naxos“ mühelos mehr Luft auf die Stimme gab und eine Passage wie ein großer artifiziell erlesener Seufzer wirken ließ. Mit einer atemberaubenden Leichtigkeit überwand sie technische Schwierigkeiten, als wären sie nichts.

One-Woman-Show ohne Allüren

Ihre gewaltige Imaginationskraft geriet auch nicht ins Wanken, als sie gelegentlich einen Blick in die Noten warf. Auf ihr theatralisches Temperament konnte sie sich voll und ganz verlassen, sodass ihr Auftritt nicht als reiner Bravourvortrag dastand, sondern als unterhaltsames Musiktheater einer One-Woman-Show – ganz im Gegensatz zu den Momenten, in denen sie nicht sang, in denen sie Julia Lezhneva war: sympathisch, lächelnd, ohne Allüren.

Dem Ensemble warf sie Küsschen zum Dank zu, ehe sie ihren eigenen Applaus entgegennahm. Obwohl die 36-Jährige bereits seit 15 Jahren groß im Geschäft ist, scheint ihre Passion nicht ansatzweise verflogen. Es ist wohl der Maßstab, an dem die ganz Großen gemessen werden. Damit ist Julia Lezhneva nicht nur ein Vorbild für jene Profis, denen die Freude mit der Zeit abhandenkommt, sondern auch ein Glücksfall für die oft als unnahbar geltende Klassikszene.

Ihrer Virtuosität in nichts nach stand ihr Giovanni Antonini auf der Blockflöte, als er Vivaldis dreisätziges Concerto D-Dur „Il Gardellino“ bließ; auch für das vier Sätze umfassende Concerto in C-Dur von Georg Philipp Telemann nach der Pause bekamen der Mailänder und sein Barockensemble viel Applaus. Bei ihrem Auftritt in Ludwigsburg wurde deutlich, warum die Instrumentalisten als eines der weltweit führenden Ensembles auf dem Gebiet der historischen Aufführungspraxis gelten.

Vier Zugaben

Das Trippeln auf dem Holzboden motivierte Julia Lezhneva zur ihrer dritten Zugabe, bei der sie nach dem elegischen „Lascia ch’io pianga“ noch einmal eine feurige Koloratur-Rakete zündete. Wer dachte, nun sei endgültig Schluss, der irrte erneut. Auch bei ihrer vierten Zugabe schien die unermüdliche Sängerin weder angestrengt noch genervt. Mit ihrer fachlichen Klasse haben schon viele Künstlerinnen und Künstler ihre Zuhörer gewonnen. Aber Julia Lezhneva eroberte das Publikum auch mit ihrer Hingabe, ihrer sympathischen Ausstrahlung und ihrer scheinbar grenzenlosen Freude am Singen.

 

 
 
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