Ludwigsburg Eine verlassene Kapelle wie aus einem Märchen

Von Helena Hadzic
Rainer Setzer von der Hofkammer vor der Kapellenruine auf einer Insel am Seeschloss Monrepos. Foto: /Oliver Bürkle

Auf einer Insel gegenüber des Seeschlosses Monrepos versteckt sich hinter Bäumen und Büschen eine Kapelle mit unterirdischer Grotte aus dem 18. Jahrhundert – ein „Lost Place“ mit schaurig-schöner Atmosphäre.

Spaziert man am Ludwigsburger Seeschloss Monrepos an einem schönen Sommertag entlang, kann man weit entfernt auf einer Insel inmitten des Sees einen hinter Bäumen und Büschen versteckten Turm erkennen. Hat man ein Fernglas parat, könnte man möglicherweise sogar ein Kreuz an der Spitze des hohen Bauwerks erahnen. Es handelt sich um eine nicht geweihte Kapelle mit einem unterirdischen Gewölbekeller aus dem 18. Jahrhundert, wie Rainer Setzer von der Hofkammer des Hauses Württemberg erzählt.

Seit fast 30 Jahren ist er bei der Hofkammer, seit 2019 kümmert er sich explizit um die Immobilien der Hofkammer – und so auch um diesen verwilderten Ort, heute auch als „Lost Place“ bezeichnet. „Ich war unglaublich begeistert, als ich die Ruine das erste Mal gesehen habe, und konnte kaum glauben, dass sich niemand darum kümmert“, sagt Setzer. Lediglich zweimal im Jahr kommt ein Landschaftspfleger, um sich um das Gewächs zu kümmern, ansonsten ist es dort einsam und verlassen.

Die sogenannte Kapelleninsel, die das Zuhause des neugotischen Bauwerks ist, ist Eigentum von Wilhelm Herzog von Württemberg, das Betreten ist daher der Öffentlichkeit untersagt – aus Sicherheitsgründen. Dennoch umgibt diesen vergessenen Ort eine Anziehungskraft, die gestillt werden will: Eine Sondergenehmigung räumt die Fragezeichen aus dem Weg – in Begleitung von Rainer Setzer hat die BZ einen Blick auf das verlassene Bauwerk erhaschen können.

Durch Gewässer, Stock und Stein

Das Betreten der Kapelleninsel ist kein leichtes Unterfangen, wie Setzer erklärt, denn es gibt schlicht keinen Anlegeplatz. Mit einem Boot gelangt man über den See, ab da wird es heikel. Steine, Stöcke und Büsche versperren die Sicht auf einen Weg oder einen möglichen Aufgang. „Durch den Regen in letzter Zeit, hat sich die Natur regelrecht ausgedehnt“, meint Setzer und fügt hinzu, „Alles, was hier zu sehen ist, hat sich die Natur geholt.“

Und tatsächlich, es braucht enormen Aufwand, um auf die Insel zu kommen, die dicken Baumstämme und Äste müssen behutsam aus dem Weg geschafft werden, um festen Boden zu erreichen. Das gleiche Bild zeigt sich auch auf dem Rest der Insel – eine wilde Natur aus Laubbäumen, die über die Zeit die Oberhand gewonnen haben. Einst gab es hier Tannen und Nadelbäume, alles arrangiert, wie Setzer betont. Nichts habe man beim Anlegen dem Zufall überlassen. Man wollte, dass die Insel düster und dunkel erscheint, einzig die Kapelle sollte im hellen Sonnenlicht erstrahlen, ganz im Stil eines englischen Landschaftsgartens. Es sollte ein Spiel von Licht und Schatten sein, so die Vision. Dass es aber auch mal Wiesengärten auf der Insel gab, würde heute niemand mehr vermuten.

„Das kann man sich bei der Bewaldung heute gar nicht mehr vorstellen“, sagt Setzer und lacht, „Das war ursprünglich also nicht so bewachsen, wie es jetzt aussieht.“ Von dem angelegten Prozessionsweg zur Nordspitze sieht man heute auch nichts mehr. Lediglich vereinzelte Steinblöcke lassen erahnen, wo der Weg einmal entlangführte, die restlichen Steine seien nach und nach einfach umgefallen.

Hat man sich aber einmal durch den Dschungel aus Laub gekämpft, bietet sich ein unverwechselbarer Anblick: Eine riesige, verwunschene Kapellen-Ruine mit einer Altar-Ausbuchtung an der Spitze im Turm, dessen Boden mit abgefallenen Trümmern zugeschüttet ist, und gotischen Bögen in der einstigen Kapellenhalle, an denen sich nun Efeu hinaufschlängelt. Es scheint, als sei man in einem Märchen à la Dornröschen erwacht. Einzig das Gezwitscher der Vögel ist zu hören.

Geschichte in Teilen transportiert

Man könnte meinen, die Ruine stehe bereits über Tausende von Jahren auf der einsamen Insel – tatsächlich sind es etwas mehr als 200 Jahre. Denn ursprünglich stand sie ganz woanders. Der gotische Sakralbau wurde im Jahr 1796 im Schlosspark in Hohenheim im Auftrag von Herzog Friedrich erbaut, erzählt Setzer. Ein Jahr zuvor hatte sie der Hofbaumeister Reinhard Ferdinand Heinrich Fischer entworfen, Unter Nikolaus Friedrich Thouret wurde die Kapelle fertiggestellt, mit aufwendiger Gestaltung des Kapelleninneren, die Chorgestühl und Malereien zu bieten hatte.

Doch gerade einmal sieben Jahre später, im Jahr 1803, wurde das große Stück Geschichte abgebaut und in Teilen nach Ludwigsburg auf die Kapelleninsel transportiert. Daher auch der Name der Insel. Im gleichen Jahr nämlich wurden auch der See Monrepos angelegt und die Insel aufgeschüttet. Drei weitere Jahre sollten jedoch vergehen, bis die Kapelle wieder vollständig und exakt an der Position, an der sie heute noch steht, aufgebaut sein würde. „Alles von Hand, das ist das interessante.“

Aber warum wurde der Sakralbau nur ein paar Jahre nach seiner Fertigstellung auf die einsame Insel verfrachtet? Setzer spekuliert: „Wie das damals mit den Adeligen so war, wollte Herzog Friedrich unbedingt eine Kapelle, verlor dann aber vermutlich das Interesse, das könnte ich mir vorstellen.“ Eine andere Position habe ihm nachträglich einfach besser gefallen, meint er.

Bomben und Dächer

Von der Kapelle auf der verwunschenen Insel ist heute nur noch eine Ruine übrig – der Grund war eine Brandbombe, die im Jahr 1944 während des Zweiten Weltkriegs von den Alliierten abgeworfen wurde und den Sakralbau traf, erläutert Setzer. Das Langhausinnere sowie das Satteldach wurden dabei zerstört. Bis heute steht die Ruine deswegen ohne Dach da.

Was allerdings sehr wohl überdacht ist, ist der Gewölbebau, der sich unter der Kapelle befindet. „Das sieht man heute gar nicht mehr, aber die Kapelle wurde künstlich durch den Gewölbekeller auf Höhe gebracht, damit sie auf dem höchsten Punkt der Insel steht“, berichtet Setzer. Ziel war damals eine Aussicht von der Kapelle zum Seeschloss und andersherum. Es handelt sich also nicht um einen kleinen Berg, sondern um düstere Hallen unter der Kapelle.

Düstere Grotte

Dass sich unter der Ruine noch etwas verbirgt, kann man vom See und Festland aus nicht sehen – heute wie damals. Durch Steinblöcke, die heute über und über mit Grünzeug bewachsen sind, sollte der Gewölbebau in Dunkelheit gehüllt sein, um dem Stil der Gestaltung treu zu bleiben. Die drei Umwege auf verschiedenen Höhen um die Kapelle herum, die damals auf der Insel noch vermuten ließen, dass es einen Gewölbekeller gibt, hat sich die Natur geholt. Nur mit Kletterkünsten erreicht man einen etwas lichteren Teil eines Umwegs, der zum mysteriösen Kern der Inselkapelle führt – der unterirdischen, düsteren Grotte. Und betritt man diese, sieht man erst einmal gar nichts. Wenige, kleine Fensterausbuchtungen gibt es zwar, diese seien allerdings so angedacht, dass zu jeder Tageszeit nur durch ein Fenster ein kleiner Lichtstrahl an einen bestimmten Punkt einfallen kann, erklärt Setzer. Erst nach ein paar Sekunden, wenn sich die Augen an die Dunkelheiten gewöhnt haben, beginnt man die Silhouetten der Gewölbesteine wahrzunehmen und das immer noch erhaltene Gittertor, welches zu der Haupthalle führt.

Alles in dem Gewölbekeller erweckt den Anschein, als wäre man in der Zeit der Ritter und Könige. Von der Realität ist dieser Anschein nicht allzu weit entfernt, bemerkt Setzer. In der Halle saßen zwölf wahrscheinlich in Wachs geformte Tempelherrn um einen runden Tisch und hielten Femegericht. Ihre Rüstungen hingen an der Wand und auf dem Tisch lagen Schwert, Kreuz und Totenkopf.

Sicherheitsbedenken und Vögel

An der Decke der Haupthalle kann man bei genauem Hinsehen die Schlusssteine erkennen, die sich wie eine Schnecke zum finalen Stein hinziehen. „Dass man damals eine solche Konstruktion schaffen konnte, ist beeindruckend, gerade auch, was das Thema Statik betrifft“, meint Setzer. Die Bauleute hatten damals keine Berechnungen, wie es sie heute gibt.

Deswegen sieht man aber auch bereits Bausteine, die sich aus dem Raster wölben. „Aus dem Grund wollen wir nicht, dass hier jemand reingeht. Wir können das Mauerwerk nicht jeden Tag kontrollieren, es ist einfach viel zu gefährlich, weil immer etwas hinunter stürzen und jemanden treffen könnte“, erklärt er.

Auch sei das Bauwerk nicht mehr ganz dicht, sodass sich Feuchtigkeit ansammelt. Die Sicherheitsvorkehrungen könnten bei diesem Mauerwerk, das zusätzlich noch beschossen wurde, nicht gewährleistet werden, das weiß man bei der Hofkammer. Auf dem Boden der Eingangshalle liegen zusätzlich immer noch die Bohrkerne, mit denen Fachleute kontrolliert haben, wie stabil das Mauerwerk ist. Daher gibt es heute auch Kartierungen, die zeigen, wie es hinter dem Felsen aussieht und wo verfüllt werden müsse, sagt Setzer. Das möchte die Hofkammer noch in Angriff nehmen. Aber auch dann handle es sich nach wie vor um eine Ruine. Zusätzlich gilt die Insel als Vogelschutzgebiet, auf der die gefiederten Tiere brüten. Im Gewölbebau beispielsweise sammeln sich auch immer wieder Fledermäuse.

Eines jedoch steht fest: Die Kapellenruine ist ein märchenhafter Platz, um den sich Geschichten und Legenden ranken, die in eine andere Welt entführen. Und ganz bestimmt die ein oder andere Horrorstory.

 
 
- Anzeige -