Ludwigsburg Entführt in eine Traumwelt

Von Jonathan Lung
Weißclown Gensi spielt mittlerweile seine 21. Saison mit dem Zirkus Roncalli. Foto: /Oliver Bürkle

Bis zum 6. September gastiert der Zirkus Roncalli in Ludwigsburg: Die 50-Jahre-Jubiläumstournee brachte alle Elemente auf die Bühne, die den Zirkus so erfolgreich machen.

Im warmen Licht unzähliger Glühbirnen empfing der Zirkus Roncalli seine Gäste, leitete sie auf roten Teppichen an den bunten Wagen vorbei, die livrierten Platzanweiser zeigten einem den Weg, nachdem man sich mit Popcorn versorgt hatte. Schon beim Betreten des Blühenden Barocks wurde die besondere Atmosphäre spürbar, die den Traditionszirkus ausmacht – und das inzwischen seit 50 Jahren. Am Mittwochabend war die Ludwigsburger Premiere der Jubiläumstournee, nachdem Roncalli 2016 das erste Mal in der Residenzstadt gastierte und seither fünf Mal wiederkam.

Sowohl neue Künstler waren dieses Mal im Ensemble als auch altbekannte Gesichter – etwa das weiß geschminkte von Clown Gensi, der inzwischen seine 21. Saison spielt. Das Roncalli-Ballett war ebenso dabei wie Pavel Valla Bertine mit seinem Einrad (das im Laufe seiner Nummer immer mehr Räder bekommen sollte) und die Muskelprotze des Duo Vitalis, die mit ihrer Adagio-Akrobatik die Grenzen der Leistungsfähigkeit des menschlichen Körpers austesteten – alles untermalt vom Roncalli Royal Orchestra. 25 Nationen bilde man im Ensemble ab, unterstrich Gründer Bernhard Paul.

Erster Zirkus ohne Tiernummern

Ein halbes Jahrhundert ist es also her, dass, nach der Gründung zusammen mit André Heller, 1976 in Bonn Premiere gefeiert wurde. Nach dem Bruch der Gründer und einer Krisenzeit kam der Durchbruch 1980 mit „Die Reise zum Regenbogen“, einer nostalgischen, märchenhaften Produktion, die Roncalli europaweit bekannt und kulturell bedeutsam machte. Ein weiterer Meilenstein: 1986 trat Roncalli als erster westdeutscher Zirkus in der UdSSR auf.

In den 90ern dann der Entschluss: keine Tiernummern mehr, „als erster Zirkus der Welt“, wie der Zirkusdirektor in der Manege nicht ohne Stolz unterstrich, aber auch zugab: „Das war keine leichte Entscheidung.“ Inzwischen sind viele dem Verzicht gefolgt, 85 Prozent hätten Tiere aus dem Programm gestrichen. Und Paul will vorangehen: der Buffetbereich ist inzwischen komplett plastikfrei, der Zirkus bewältigt seine Tourneereisen, statt komplett auf der Autobahn, mit einem Zug, der von einer E-Lokomotive gezogen wird.

Ehrengast Cem Özdemir geladen

„Wir wollen Sie erfreuen und ablenken von den Problemen, die es heute leider gibt“, verkündete der Direktor das Ziel des Abends und seines Zirkus’ allgemein – das Jubiläum ist für ihn, das wurde deutlich, kein Anlass zum Stillstand, er denkt schon in die Zukunft. „Danke, dass Sie seit 50 Jahren Kinder und Erwachsene zum Lachen zu bringen“, sagte Ehrengast Cem Özdemir, der neben ihm in der Manege stand, und fügte hinzu: „Stellen Sie sich vor, wir würden auf der Welt unsere Konflikte im Zirkus austragen: mit Witzen.“

Das Entführen in eine bunte Zauberwelt, so viel kann verraten werden, gelang: die Besucher erwartete ein Feuerwerk aus Farben, Klängen und immer märchenhafteren Kostümen. Man lachte schon, wenn Clown Housch-Ma-Housch nur sein „Kaputt“ sagte – und hielt im nächsten Moment den Atem an, wenn bei den Akrobatiknummern immer noch eins draufgesetzt wurde, nachdem man gerade dachte, das Maximum des Menschenmöglichen gesehen zu haben.

Beeindruckendes aus nächster Nähe

Auch in einer Zeit von unzähligen lustigen Clips in den Sozialen Medien und KI-generierten Actionvideos ist es doch schlicht etwas anderes, wenn sich ein Akrobat direkt vor einem fünf Meter in den Himmel katapultiert, wenn die Akrobatin mühelos lächelnd nur auf dem Nacken ihrer Kollegin balanciert, nur an Zöpfen hängend geschaukelt wird – oder wenn Clown Gensi verzweifelt versucht, etwas Romantik in die Manege zu bringen. Als sich die versammelte Zirkuscrew nach gut zwei Stunden in einem Regen von Konfetti aus der Manege verabschiedete, nicht ohne zuvor noch das Publikum zu einem Geburtstagstanz von den Plätzen geholt zu haben, war eins klar: Das Konzept funktioniert auch nach einem halben Jahrhundert noch wie am ersten Tag. Staunen, Lachen und Träumen prägte den Abend, wie berauscht verließen die Besucher das Zelt.

 
 
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