Ludwigsburg Essstörung: Beratung muss schließen

Von Claudia Mocek
2021 erkrankten mehr junge Menschen im Kreis Ludwigsburg an Essstörungen. Doch die Fachberatungsstelle der Caritas muss Ende des Jahres schließen. Foto: peopleimages.com/Yuri Arcurs/Imago

Trotz hoher Zahlen: Der Kreistag hat die Fördergelder gestrichen, die einzige Fachstelle im Kreis hat einen Aufnahmestopp verhängt.

Magersucht ist laut Uniklinikum Tübingen die psychische Erkrankung mit der höchsten Todesrate – etwa zehn Prozent der Betroffenen sterben an den Folgen einer extremen Unterernährung oder nehmen sich das Leben. Dennoch hat der Kreistag jetzt beschlossen, der einzigen Fachstelle im Kreis bei Essstörungen (zu der Magersucht zählt) den Zuschuss vollständig zu streichen. Die Folge: Ab 31. Dezember 2025 muss die Beratungsstelle der Caritas schließen. „Eine direkte Fortführung der Fachstelle Essstörungen ist im Gesundheitsamt nicht vorgesehen“, heißt es aus der Pressestelle des Landratsamts.

„Die Entscheidung des Kreistags hat uns überrumpelt“, sagt Monika Miller, Fachleitung Soziale Hilfen bei der Caritas. Im Frühjahr 2025 habe man sogar noch über eine personelle Aufstockung der Beratungsstelle gesprochen. Auch die Beteiligung am Aufbau einer Fachstelle für den Rems-Murr-Kreis sei diskutiert worden. Doch dann standen Kürzungen im Raum.

Zunächst hieß es, dass die Beratungsstelle, die vom Kreis mit 75 bis 80 Prozent bezuschusst wird (rund 47.000 Euro), ab Mai 2026 zu 50 Prozent von der Caritas getragen werden müsse. Doch dann wurden die Mittel des Kreises komplett gestrichen. Schon immer beteiligt sich die Caritas mit Eigenmitteln an Beratungsstellen, auch eine Kürzung des Kreis-Zuschusses hätte unter Umständen kompensiert werden können. Doch eine vollständige Finanzierung durch die Caritas sei nicht leistbar, sagt Miller.

Beratungsbedarf wächst

Man habe Verständnis für den Sparzwang, betont sie, die Liga der freien Wohlfahrtspflege in Ludwigsburg sei gut in die Gespräche eingebunden gewesen. Doch die Beratungsstelle für Essstörungen sei durchs Raster gefallen, weil die Zuschüsse beim Gesundheitsamt angesiedelt seien und nicht beim Sozialamt. Miller hätte sich „mehr Wertschätzung für unsere Arbeit und eine transparente Kommunikation“ gewünscht.

Die Leidtragenden sind die Menschen mit Essstörungen und deren Angehörige, sind Miller und Sozialpädagogin Judith Weyhing-Müller überzeugt. Denn der Bedarf an Beratungen steige ständig. Laut Daten der KKH Kaufmännische Krankenkasse vom Mai 2025 haben die Fälle von Magersucht, Bulimie und Binge Eating (wiederkehrende Essanfälle) bei der Hauptgruppe der zwölf- bis 17-jährigen Mädchen in Deutschland besonders drastisch zugenommen: vom Vor-Corona-Jahr 2019 auf 2023 von 101 auf 150 Fälle pro 10.000 Versicherte. Das entspreche einem Plus von fast 50 Prozent.

Mehr Erkrankungen im Kreis

Für den Kreis Ludwigsburg weist der Versorgungsatlas des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland mehr Kinder und Jugendliche bis zu 17 Jahren als im bundesweiten Vergleich aus, die 2021 an Essstörungen litten: mit 36,8 pro 10.000 Jugendliche drei mehr als beim Bundeswert. Hinzu kommen je 10 an Anorexie Erkrankte (Bundeswert: 7,1), je 2 an Bulimie (Bundeswert: 1,7) und je 27,3 an sonstigen Essstörungen (Bundeswert: 26,8).

Die Pressestelle des Landratsamt verweist darauf, dass es sich bei der Fachberatung um eine freiwillige Leistung handele und die unmittelbare ambulante psychotherapeutische Versorgung weiterhin durch psychologische oder ärztliche Psychotherapeuten gesichert sei. Der Sicherstellungsauftrag obliege hier der kassenärztlichen Vereinigung (KV). Darüber hinaus biete die Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie Bietigheim tagesklinische und stationäre Behandlungen von Essstörungen an.

Die Klinik bietet laut Ärztlichem Direktor Dr. Jürgen Knieling 18 Betten und 17 Tagesklinikplätze für das gesamte psychosomatische Diagnosespektrum an: „Wir haben kein spezielles Kontingent für Essstörungen“, sagt er. Im Durchschnitt werden zeitgleich etwa drei bis fünf Patienten mit Essstörungen (Anorexia nervosa, Bulimie, Binge Eating Störung mit und ohne Adipositas) behandelt – „multimodal und leitliniengerecht, wir sind aber keine auf Essstörungen spezialisierte Einrichung“, sagt er. Die Wartezeit für einen Platz dauert ein bis drei Monate. Die teil- oder vollstationäre Behandlungszeit betrage in der Regel sechs bis acht Wochen, in Einzelfällen auch länger.

Caritas-Beraterin Weyhing-Müller hat eine halbe Stelle und wird zu fünf Prozent von einer Kollegin unterstützt. Die Wartezeit auf ein Beratungsgespräch bei der Fachstelle liegt derzeit bei drei Monaten, sagt sie. Eine noch längere Zeit könnte für mache Menschen lebensgefährlich sein.

„Essstörungen sind keine Süchte“

„Wir stellen keine Diagnose“, sagt Weyhing-Müller, die sich seit vielen Jahren intensiv mit der Thematik Essstörungen befasst, eine Zusatzausbildung absolviert hat und in Netzwerken aktiv ist. „Essstörungen sind keine Süchte, sondern zählen zu den psychischen Problemen“, sagt sie. Deshalb seien Betroffene auch nur bedingt gut aufgehoben bei Suchtberatungen. Ein Grundverständnis für Essstörungen sei bestimmt vorhanden, doch es fehle an Spezifikationen. Neben Beratungen sei auch die Nachsorge nach einem Klinikaufenthalt wichtig, um die Wartezeit zu überbrücken, bis ein Therapieplatz gefunden ist. Ein weiteres unverzichtbares Angebot sind für Weyhing-Müller von der Fachberatung die Gruppenangebote für Eltern und Angehörige.

Angesichts der hohen Sterblichkeitsrate von Betroffenen sei es wichtig, dass es Raum für deren Ängste, Sorgen und Fragen gebe, diese würden bei Ärzten und in Therapieeinrichtungen oft zu kurz kommen. Dabei sei der Druck auf die Angehörigen hoch, schon kleine Äußerungen könnten Betroffene triggern.

Prävention und Gruppenangebote

„Was uns auch traurig macht, ist, dass Prävention und Gruppenangebote vermutlich komplett wegfallen werden“, sagt Weyhing-Müller. Dabei hat sie junge Menschen im Blick, die noch nicht chronifiziert erkrankt sind. Darüber hinaus berät sie Kollegen aus Suchtberatungsstellen sowie Sozialarbeiter. Diese Zielgruppen würden vom Gesundheitssystem nicht mitbehandelt, sagte Judith Weyhing-Müller, die darin auch eine gesellschaftliche Aufgabe sieht.

Aus dem Landratsamt heißt es dazu: Präventionsprojekte in Bezug auf Essstörungen, wie das Projekt „Is(s) was?!“, ein Workshop für Mädchen ab Klassenstufe 7, sollen „nach Möglichkeit fortgesetzt werden“. Die Netzwerkarbeit soll künftig im Arbeitskreis Essstörungen „sofern möglich, fortgesetzt werden“, heißt es aus dem Kreishaus.

Weinende Eltern

Was passiert mit den Familien, die die Fachstelle Essstörungen jetzt noch begleitet? Darauf kann Weyhing-Müller keine Antwort geben. Derzeit herrscht ein Aufnahmestopp bei Betroffenen von Essstörungen. Das sei eine harte Zeit, wenn man weinenden Eltern erklären müsse, dass man ihnen leider nicht mehr helfen könne. Zumal Angehörige für direkt Betroffene eine große Ressource sein könnten, die jedoch Unterstützung bräuchten. Eltern dürften nicht das Gefühl haben, „ich lasse mein Kind sterben.“

Bei Übergewicht und Adipositas soll laut Landratsamt eine 2024 gegründete Arbeitsgruppe den Beratungsbedarf bei Kindern und Jugendlichen zu decken. Diese befinde sich aber noch im Aufbau durch das Gesundheitsamt. Betroffene und Angehörige können sich unter Telefon (07141) 144 2520 oder per Mail an kinder.adipositas@landkreis-ludwigsburg.de melden.

Zusammenfassend seien Hilfsangebote für Personen mit Essstörungen speziell von Seiten des Landkreises „wünschenswert, jedoch im bisherigen Umfang aufgrund der Haushaltslage mittelfristig leider nicht realisierbar sind“, heißt es weiter aus dem Landratsamt.

Auch die berufliche Zukunft von Judith Weyhing-Müller ist offen. Die Caritas sei bemüht, eine passende Stelle für die Expertin für Essstörungen zu finden. Doch da an vielen Stellen gespart werden müsse, sei das nicht einfach: „Wir werden neue Lösungen finden müssen – in vielerlei Hinsicht“, sagt Miller.

In 2024
hat die Beratungsstelle Essstörungen 278 Gespräche mit 89 Betroffenen geführt und 38 Eltern/Bezugspersonen in 67 Gesprächen begleitet. Es gab 343 Beratungsgespräche, 55 Kurzberatungen per Mail und 63 per Telefon. Außerdem wurden vier Präventionsveranstaltungen mit 373 Adressatinnen und vier Multiplikatorenveranstaltungen für 62 Personen organisiert. 47 Prozent der Ratsuchenden waren bis 25 Jahre alt. Zehn Prozent der Hilfesuchenden waren über 51 Jahre alt. Von den insgesamt 127 Klienten (Betroffene und Angehörige) waren 23 männlich.  

 
 
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