Nach 23 Jahren ist der Leiter des Staatsarchivs Ludwigsburg, Dr. Peter Müller, Ende April in den Ruhestand verabschiedet worden. An seinem vorletzten Arbeitstag hat er mit der BZ über seinen Traumjob, den Umgang mit dem schriftlichen Kulturerbe und die Begegnungen mit Archivbesuchern gesprochen.
Ludwigsburg „Für mich war es ein Traumjob“
23 Jahre lang hat Dr. Peter Müller das Staatsarchiv Ludwigsburg erfolgreich geleitet. Nun verabschiedet sich der Mann, für den Begegnungen im Mittelpunkt standen, in den Ruhestand.
Herr Müller, mit welchem Gefühl verlassen Sie Ihren Arbeitsplatz?
Dr. Peter Müller: Ich gehe mit einem gemischten Gefühl. Für mich war es ein Traumjob, der mir nicht nur inhaltlich viel Spaß gemacht hat, sondern auch wegen der Zusammenarbeit mit den Leuten hier im Haus. Und beides verlasse ich nun. Als Historiker kann ich natürlich zu den Akten als Benutzer zurückkommen, aber das ist dann schon etwas anderes.
War das Archiv von Anfang an Ihr Traumberuf?
An der Universität habe ich einen Kurs zum Lesen von alten Schriften besucht. Da haben wir im Magazin einige Originalurkunden aus dem Mittelalter vorgelegt bekommen, da war ich hin weg und dachte, dass das ein interessanter Beruf ist. Aber es war gar nicht so einfach, Archivar zu werden, die Ausbildungsplätze nach dem Studium waren begrenzt.
Sie haben den Ruf, ein pragmatischer Ermöglicher zu sein. Sind Sie ein Optimist?
Ja, Inzwischen reagiere ich fast schon allergisch darauf, wenn immer nur geklagt oder geschimpft wird. Wir sind alle ein Teil des Ganzen, jeder kann an seiner Stelle etwas tun, um etwas in eine andere Richtung zu bewegen.
Sie haben in Ludwigsburg sehr viel auf den Weg gebracht: das Archiv geöffnet, Bildungsangebote aufgebaut und Künstler einbezogen. – was lag Ihnen besonders am Herzen?
Es schlagen zwei Seelen in meiner Brust. Das eine ist der Mensch in den Akten – das historische Interesse an den Schicksalen in den Quellen. Das andere sind die Begegnung und der Austausch mit Menschen. Beides konnte ich hier im Haus kombinieren.
Die Öffnung des Hauses für neue Zielgruppen neben Wissenschaftlern und Studierenden spielte dabei eine große Rolle. Wir haben uns von Anfang an darauf verständigt, vor allem junge Leute anzusprechen über die Schulen. Wir haben eine interessante Grundsatzentscheidung getroffen und uns dafür entschieden, zunächst insbesondere Grundschulklassen in den Fokus zu nehmen. Diese sind von der Unterrichtsgestaltung her flexibler als weiterführende Schulen. Ihnen geht es erst einmal um eine Begegnung mit dem schriftlichen Kulturerbe: Im Magazin haben wir den Kindern dann alte Quellen gezeigt: Wie sieht so eine alte Urkunde aus? Was steht da drin? Das haben wir dann pionierhaft fast für ganz Deutschland und auch mit großem Erfolg aufgebaut.
Sie haben auch viel mit Künstlerinnen und Künstlern zusammengearbeitet.
Ja, aber in dem Fall war es so, dass die Künstler auf mich zugekommen sind. Klar, wir sind keine Galerie, aber wenn die Kunst etwas mit Archivalien zu tun hat, können wir diesen Dialog auch zeigen. Bei der ersten Ausstellung ging es um Farbe – wo kommt im grauen Archiv Farbe vor? Das war keine rein künstlerische Ausführung, sondern ein Dialog mit dem Material. Das hat sich herumgesprochen und von da an kamen immer wieder neue Künstlerinnen und Künstler auf mich zu. Eine Künstlerin hat zum Beispiel unseren Ausstellungsraum in eine Installation mit Karteikästen, Mikrofilmrollen und Archivtaschen verwandelt.
Über beide Gruppen – Künstler und Grundschüler – erreicht man auch immer deren Umfeld. Bei den Kindern waren das dann die Eltern, die uns angesprochen haben und von den begeisterten Kindern erzählt haben. Das freut einen natürlich und dadurch ist das Staatsarchiv bekannter geworden.
Hatten Sie sich das zum Ziel gesetzt?
Bevor ich nach Ludwigsburg kam, habe ich das Staatsarchiv in Wertheim im Kloster Bronnbach geleitet, das damals von der Schließung bedroht war. Um dem etwas entgegenzusetzen, habe ich dort mit solchen Angeboten begonnen. Ziel war es, die Einrichtung einem breiteren Publikum vor Ort zugänglich zu machen.
Wenn man merkt, dass man die Menschen mit dem Material in Berührung bringen kann – von der Optik her oder indem man die Geschichten erzählt, die das Dokument enthält – dann macht das sehr viel Spaß. Das habe ich fortgeführt. Auch hier in Ludwigsburg geht niemand nach einer Führung aus dem Haus, der nicht begeistert ist. Nicht nur ich freue mich darüber, sondern auch die Kollegen. Da hat jeder sein Steckenpferd, das er einbringen kann. Ein Kollege begeistert die Besucher zum Beispiel mit seinen Kriminalführungen.
Was ist Ihr Steckenpferd?
Das kann ich so ganz direkt gar nicht sagen. Natürlich habe ich hier in Ludwigsburg schnell gemerkt, dass das Thema Nationalsozialismus das größte Interesse auslöst. Das war früher aufgrund der Sperrzeiten der Akten zehn Jahre nach dem Tod noch nicht so, das ist immer stärker geworden und hält bis heute an.
Sie haben das Archiv auch in die sozialen Medien gebracht.
Ja, 2017 war ich neugierig auf Facebook und habe ein wenig ausprobiert. Nach und nach habe ich gemerkt, dass das ankommt und man Leute erreicht, an die man sonst vielleicht gar nicht herankommt. Es haben sich dann regelrechte Fanclubs gegründet. In den Feedbacks wurde auch betont, dass die Posts des Archivs, in denen etwas verständlich erklärt wird, eine seriöse Ecke in Facebook seien. Das ist natürlich auch ein tolles Lob.
Sie haben auch in den Archivnachrichten des Landesarchivs immer wieder populäre Themen aufgegriffen.
Ja, das macht mir Spaß. Dort werden allgemeinere Themen abgehandelt, etwa über das Glück oder über Schauergeschichten. Wenn ich dann über solch ein Rahmenthema nachdenke, fallen mir immer Beispiele aus den Quellenbeständen hier ein. Häufig handelt es sich dabei Geschichten von Einzelschicksalen, die sich anhand der Akten erzählen lassen.
Den Benutzern Zugang zu den Quellen zu ermöglichen, ist auch eine Form der Archivöffnung. Welche Rolle spielt die Digitalisierung dabei?
Eine sehr große. Gerade die NS-Bestände stoßen auf großes Interesse auch über die Region hinaus. Die Materialien und Kataloge digital zu erfassen war vor allem am Anfang eine sehr große Herausforderung, wir haben praktisch bei null angefangen, es musste sehr viel abgetippt werden. Mittlerweile gibt es kaum noch Kataloge, die online nicht zu finden sind.
Dann kam vor zehn, elf Jahren das Thema auf, nicht nur die Katalogdaten zu digitalisieren, sondern auch die Dokumente selbst und das wollten wir natürlich auch. Stand heute haben wir über neun Millionen solcher Scans online. Das ist zwar nur ein Bruchteil des Bestandes, darunter sind aber viele stark nachgefragte Archivalien wie Fotos, Karten oder Kirchenbücher.
Was werden Sie ab nächster Woche vermissen?
Ich werde die Menschen hier im Haus vermissen, aber auch die Menschen und ihre jeweiligen Geschichten aus den Akten. Die personenbezogenen Akten, von den Straf- bis zu den Personalakten, sind das Kennzeichen unseres Archivs. Es ist nicht so, dass man daraus automatisch eine Biografie über die Menschen ableiten kann. Aber etwas Relevantes aus deren Leben kann man herausfiltern und das sind menschliche Schicksale. Das ist auch mit Blick auf unsere Zeit lehrreich. Man merkt, dass es nicht nur Schurken und Helden gibt, sondern dass die grauen Töne dominieren.
Werden Sie sich im Ruhestand nun ans Schreiben machen?
Wenn man über die NS-Zeit heute etwas für ein breites Publikum publizieren möchte, muss man viel an Literatur lesen, das war bei uns im Haus aus zeitlichen Gründen kaum möglich. Ja, es gibt ein, zwei Themen, die mich interessieren und sie betreffen die Geschichte meiner Familie und die NS-Geschichte. Noch habe ich keine konkreten Pläne, aber ich werde dem Haus auch als Besucher treu bleiben.
Vielen Dank für das Gespräch.
Zur Person: Peter Müller (66) studierte Geschichte und Germanistik in Mainz und schrieb seine Doktorarbeit in mittelalterlicher Geschichte. Er absolvierte eine Ausbildung für den höheren Archivdienst. Anschließend war er unter anderem als Referent in der Landesarchivdirektion zuständig für den Denkmalschutz im Archivwesen. 1997 übernahm er die Leitung des Staatsarchivs Wertheim. 2002 wurde Peter Müller Leiter des Staatsarchivs Ludwigsburg. Als sein Nachfolger tritt Michael Aumüller, langjähriger Leiter des Grundbuchzentralarchivs in Kornwestheim, den Dienst am 1. Juli an.
