„Sein oder Nichtsein“, ist Hamlets berühmte Frage, die in der außergewöhnlichen Inszenierung im Ludwigsburger Theatersommer gestellt wird. Doch im Cluss-Garten, unter der kaufmännischen Leitung von Susanne Schmidt, geht es um weit mehr: Hier dominieren Liebe, Rache und Verzweiflung, gepaart mit viel Witz und Humor.
Ludwigsburg Hamlet begeistert im Cluss-Garten
Beim Theatersommer geht es um Liebe, Rache und Verzweifelung. Auch Humor und Witz kommen nicht zu kurz.
William Shakespeares längstes Stück fundiert auf einer alten Sage des Prinzen Amleth aus dem 12. Jahrhundert, handelt um 1600 in Dänemark und wird von der Regisseurin Christine Hofer geschickt mit der Gegenwart verknüpft: Sie nimmt die historischen Texte des Dramas auf und kombiniert sie zunehmend mit einer modernen Ausdrucksweise, bis irgendwann beide Formen gekonnt miteinander verschmelzen.
Die Tragödie spielt in einer „Zeit, die keinen Frieden kennt“, wie Horatio (Sebastian Egger) weiß. Aber als Hamlet (Linda Prinz) fragt, gegen wen gekämpft wird, lautet die Antwort nicht, wie im Originaltext, „Polen“, sondern „gegen die Badenzer“.
„Nicht gut für die Psychohygiene“
Hamlet, Dänemarks Prinz, ist aufgebracht. Seine Mutter Königin Gertrude (Undine Schmiedl) hat kurz nach dem Tod ihres Gatten dessen Bruder Claudius (Felix Jeiter) geehelicht. Und als nun der Geist des Verstorbenen bei Hamlet aufkreuzt, untermalt von düsterer Musik, Nebel, Wind und den unheimlichen Klängen einer E-Gitarre, die er mit sich trägt, wird Hamlet in tiefste Verwirrung gestürzt. Sein Vater bezichtigt Claudius des Mordes, verlangt von Hamlet tödliche Rache und verschwindet mit einem „Ade“ in die Schattenwelt. Hamlet gerät in einen inneren Zwiespalt, der ihn in den Wahnsinn treibt. Er verliert dadurch seine große Liebe Ophelia (Sophia Reisgies), die letztlich ums Leben kommt und tötet versehentlich deren Vater Polonius (Marvin Rehbock). Weitere Tote folgen.
Drei Stunden lang wechseln sich ernsthafte, schwermütige Szenen mit Äußerungen wie „Das ist nicht gut für die Psychohygiene“ ab, ohne dabei deplatziert zu wirken. Ophelia liest in einem Krimi und Horatio klagt über den „Super-GAU“, weil die Schauspieler für Hamlets selbst inszeniertes Theaterstück „Die Mausefalle“ nicht bezahlt werden können. Kurzerhand fordert er aus dem Publikum die beiden Ludwigsburger Günther Rösner und Heinz Albrecht auf, die kurzen Sprechrollen zu übernehmen. Auch eine Mitarbeiterin der BZ wird davon überzeugt, die Rolle der Herzogin zu mimen, was in der nachfolgenden Pause für reichlich Gesprächsstoff unter den Zuschauern sorgt. „Man rechnet nicht damit“, meint Lydia Ament aus Bietigheim beeindruckt, während sich ihr Mann Rüdiger begeistert: „Man stellt sich Theater ganz anders vor. Hier ist alles so direkt, nichts kaschiert.“ Tatsächlich sitzen die Schauspieler mal mitten im Publikum, mal werden „frisch gesägte Leichenteile“ an die amüsierten Gäste verteilt. Eine Überraschung folgt der nächsten. „Sorry, ich habe keine Ahnung, wie es weitergeht“, offenbart König Claudius und öffnet eine Plastikflasche mit Wasser, die er dem in den Thron eingebauten Kühlschrank entnommen hat.
Das sechsköpfige Ensemble aus Deutschland und Österreich überzeugt mit seinem leidenschaftlichen, temperamentvollen Spiel, das zunehmend an Tempo und Dynamik gewinnt.
Upgecycelte Kostüme
Für die gekonnt inszenierten Fechtszenen übten die Darsteller rund sechs Stunden unter der Choreographie von Franzy Deutscher, erzählt Prinz der BZ. Die lockeren Sprüche „gibt Shakespeare her; nicht jedes Stück verträgt so viel Humor“, schmunzelt Jeiter über die lebendige Aufführung mit den vielen Toten. Reisgies deutet auf die fantasievolle schwarze Kleidung, die Kostümbildnerin Paula Gehrlein individuell angefertigt hat. Die meisten Teile sind upcycelt, aus alten Reißverschlüssen, einem Nierengurt oder anderem“.
Ganze Arbeit haben auch Dirk Seesemann und Leonie Thiele mit der Bühne geleistet, an deren zentralem Punkt vor dem Thron der authentische Nordstern prangt. Corinna Müller
