Ludwigsburg „Ich sehe jüdisches Leben in Gefahr“

Von Markus Wirth
Der Historiker Professor Tobias Arand möchte Studierende an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg für den Antisemitismus sensibilisieren. Foto: Privat

Prof. Tobias Arand ist Antisemitismusbeauftragter an der PH Ludwigsburg. Mit der BZ spricht er über seine Arbeit und den wachsenden Antisemitismus in Deutschland.

Professor Dr. Tobias Arand ist an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg als Antisemitismusbeauftragter tätig – ein Novum an der PH. Braucht es diesen Posten, was war der Auslöser, diesen einzurichten? Die BZ hat sich mit dem Historiker unterhalten.

Herr Professor Arand, warum braucht es die Stelle des Antisemitismusbeauftragten an der PH Ludwigsburg?

Es handelt sich nicht um eine eigene Stelle. Ich bin lediglich der Senatsbeauftragte gegen Antisemitismus an der Hochschule. Das mache ich also neben meiner eigentlichen Tätigkeit und zusätzlich zu meinem Deputat. Damit sind keine weiteren personellen oder finanziellen Ressourcen verbunden. In Zeiten eines unübersehbaren Anstiegs antisemitischer Handlungen und Stimmungen in Deutschland von rechts, von links und leider auch immer wieder aus einer unbedarften bürgerlichen Mitte heraus, die sich ihrer antisemitschen Stereotype oft nicht bewusst ist, ist ein Senatsbeauftragter gegen Antisemitismus schlichtweg notwendig, um auf eventuellen Fälle auch an unserer Hochschule reagieren zu können.

Wie groß ist das Problem an der PH Ludwigsburg?

Ludwigsburg ist zum Glück nicht Berlin, aber man muss trotzdem auch hier Strukturen haben, um bei Vorfällen reagieren zu können. Ich wünsche mir, dass sich an meiner Hochschule jüdische Studenten und Studentinnen sicher fühlen können und dass sie im Zweifelsfall einen Ansprechpartner haben, der für sie da ist. Doch auch nichtjüdische Studenten und Studentinnen sollten jemanden haben, mit dem sie reden können, wenn sie antisemitische Äußerungen oder Handlungen an der Hochschule wahrnehmen sollten.

Darüber hinaus ist die Schaffung einer solchen Stelle einer der berechtigten Wünsche des Forderungskatalogs, den die ‚Jüdische Studierendenunion Deutschlands (JSUD) zuletzt vorgelegt hat. An manchen deutschen Universitäten ist die Situation für jüdische Studenten und Studentinnen mittlerweile unerträglich geworden. So weit werden wie es an der PH Ludwigsburg nicht kommen lassen.

Gab es bereits konkrete Vorfälle?

Die PH Ludwigsburg hat, abgesehen von einem mir bekannten Fall, in dem von Coronaleugnern während der Pandemie vor fünf Jahren an der Hochschule einige antisemitische Plakate aufgehängt wurden, keine Vorfälle zu verzeichnen. Aber der RIAS-Bericht über antisemitische Vorfälle an baden-württembergischen Hochschulen, der zuletzt für das Jahr 2025 vorgelegt wurde, zeigt, dass es an jeder Hochschule zu Vorfällen kommen kann, die einen Beauftragten gegen Antisemitismus notwendig machen.

Sehen Sie allgemein das jüdische Leben in Deutschland in Gefahr? Wie sehen die jüdischen Mitbürger beispielsweise das Erstarken der AfD? Fühlen diese sich noch sicher?

Das jüdische Leben in Deutschland ist in Gefahr. Das Erstarken der AfD ist nur ein Teil des Problems, gegenwärtig sogar eher der kleinere Teil. Der völkische Flügel der AfD um Höcke und Konsorten bedient sich zwar verdeckt, aber dennoch für Anhänger und Experten offen erkennbar und in ekelerregender Weise antisemitischer Codes und Verschwörungserzählungen. Das ist aber zumindest derzeit noch nicht das Hauptideologem der AfD.

Welche Gefahren sehen Sie sonst?

Für das jüdische Leben bedrohlicher ist seit dem 7. Oktober 2023 der links-bürgerliche, postkoloniale, propalästinensische Antisemitismus, der an Schulen, Hochschulen oder an Arbeitsstätten, berechtigte Kritik an der israelischen Regierung antisemitisch auflädt, antisemitischen Islamismus duldet und entschuldigt oder in der Form der Unterstützung von ‚BDS’ den alten NS-Slogan ‚Kauft nicht beim Juden’ wieder sagbar macht. Nach dem 7. Oktober wurden Häuser, in denen Juden wohnten, von propalästinensischen Aktivisten gekennzeichnet, ohne dass Protest aus dem erwähnten Milieu zu hören gewesen wäre. Stattdessen wird der Holocaust relativiert und mit dem, was in Gaza passiert, unhistorisch gleichgesetzt. Dieses dröhnende Schweigen von ‚links’ und aus der Mitte nach dem 7. Oktober - dem größten antijüdischen Massenmord seit der Shoah – hat die Juden in Deutschland, dem Täterland von 1933 bis 1945, enorm verletzt. Viele fühlen sich nicht mehr sicher, viele denken über Auswanderung nach.

Sollte die Bekämpfung von Antisemitismus in der Gesellschaft deutlicher in den Mittelpunkt gerückt werden?

Selbstverständlich. Die Frage zu stellen, heißt, das Problem zu verkennen. Antisemitismus ist mittlerweile keineswegs nur bei den altbekannten Rechtsextremisten oder beim verfassungsfeindlichen Rand der AfD zu finden, sondern ist im Zuge des ‚Gaza-Konflikts’ unter dem Deckmantel der sogenannten ‚Israelkritik’ auch längst im postkolonialen linken Milieu angekommen und prägt auch in Teilen Parteien wie die ‚Linke’ oder BSW.

Es deutet sich ein rechts-linker, lagerübergreifender Antisemitismus an, der sich in beängstigender Weise der altbekannten Stereotype bedient, um einfache Antworten für komplexe Probleme zu finden. Dazu kommt der islamistische – nicht per se islamische – Judenhass unter Jugendlichen, der an Schulen mittlerweile ein alltägliches Problem darstellt. Auch das Coronaleugner-Milieu, das weit in die bürgerliche Mitte greift und dessen Verschwörungstheorien noch immer wirksam sind, ist antisemitisch grundiert.

Vervollständigen Sie zum Schluss bitte folgenden Satz: Der Kampf gegen Antisemitismus…

...ist die erste Bürgerpflicht für jeden, dem die deutsche Demokratie eine Anliegen ist.

Vielen Dank für das Gespräch.

 
 
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