Eine Deponie auf Feldern zwischen Ludwigsburg und Marbach? Hinter den Kulissen der Lokalpolitik sorgt dieses Szenario derzeit für Unruhe. Nach den Deponien Froschgraben in Schwieberdingen und Burghof in Vaihingen könnte im Kreis Ludwigsburg eine weitere Anlage für Bodenaushub, mineralischen Bauschutt, Ziegel, Beton und andere Abfälle entstehen.
Ludwigsburg Neue Deponie bei Ludwigsburg?
Ein Gutachten des Regionalverbands legt ein Gelände bei Neckarweihingen nahe und sorgt für Diskussionen. Doch noch steht das Verfahren am Anfang.
Hintergrund ist ein brisantes Gutachten des Regionalverbands Stuttgart, in dem ein Standort in Ludwigsburg-Neckarweihingen als grundsätzlich geeignete Fläche genannt wird. Bei den Bürgermeistern regt sich bereits Widerstand. Der Regionalverband selbst tritt auf die Bremse: Eine Entscheidung für einen Standort sei damit noch lange nicht gefallen.
Warum wird überhaupt gesucht?
Wo in der Region Stuttgart gebaut wird, fällt Abfall an – und der muss irgendwo hin. Dazu gehören nicht nur harmloser Bauschutt, sondern auch belastete Materialien wie teerhaltiger Straßenaufbruch, Industriebauschutt oder Schlacken. Der Verband Region Stuttgart hat die Aufgabe, dafür ausreichend Deponiekapazitäten in der Region zu sichern, damit diese Abfälle nicht über weite Strecken abtransportiert werden müssen. Das ist gerade im dicht besiedelten Großraum Stuttgart eine Herausforderung. Denn die vorhandenen Deponien kommen an ihre Grenzen. Deshalb wird jetzt nach neuen Standorten gesucht.
Im Landkreis Ludwigsburg gibt es bereits zwei Deponien für solche mineralischen Abfälle: den Froschgraben bei Schwieberdingen und den Burghof nördlich von Vaihingen-Ensingen. Der Froschgraben erstreckt sich auf einer Fläche von rund 700 Metern Länge und 360 Metern Breite. Der Burghof ist ähnlich groß.
Was ist geplant?
Auf der Suche nach weiteren Flächen hat der Verband Region Stuttgart ein Gutachten erstellen lassen. Darin wurden mehrere Bereiche in der Region identifiziert, die aus gutachterlicher Sicht für eine Deponie infrage kommen. Eine dieser Flächen liegt zwischen Ludwigsburg-Neckarweihingen und Marbach.
Es geht um die Anhöhe zwischen Lechtstraße und Ludwigsburger Straße. Heute wird das Gebiet vor allem landwirtschaftlich genutzt. In unmittelbarer Nähe liegen mehrere Aussiedlerhöfe, das Restaurant Schützenhaus sowie ein Robinsonspielplatz und ein Waldspielplatz.
Was wird kritisiert?
Die Reaktionen aus Ludwigsburg, Marbach und dem Landratsamt sind deutlich: Eine weitere Deponie im Landkreis stößt auf Widerstand. Die Verantwortlichen haben dafür ihre ganz eigenen Argumente.
Landrat Dietmar Allgaier verweist vor allem auf die bereits bestehende Belastung des Landkreises. Seit mehr als 25 Jahren leiste der Kreis seinen Beitrag zur Entsorgung mineralischer Abfälle. Eine weitere Deponie würde die bereits bestehende ungleiche Verteilung zwischen den Landkreisen noch verschärfen. Seine Forderung: „Nun gilt es, Alternativen außerhalb der Kreisgrenzen zu entwickeln.“
„Die Benennung eines Standorts auf Ludwigsburger Gemarkung hat die Stadt durchaus erstaunt“, heißt es aus dem Ludwigsburger Rathaus. Das Gebiet sei städtebaulich und landschaftlich bedeutsam, zudem sei die Fläche für eine Deponie schlecht angebunden und liege nahe an Wohnbebauung. „Für Mistgabeln ist es noch zu früh“, sagt der Ludwigsburger Oberbürgermeister Matthias Knecht. Gleichzeitig kündigt er an: „Wir werden aber die Interessen unserer Stadtteile, unserer Bürgerschaft und der Gesamtstadt von Anfang an aktiv vertreten.“
Auch Marbach sieht die Stadt durch die mögliche Standortwahl unmittelbar betroffen. Bürgermeister Jan Trost sorgt sich vor allem um die Verkehrsbelastung. Anders als bei den bestehenden Deponien Froschgraben und Burghof müssten Lastwagen auf dem Weg zum Standort in Neckarweihingen und Marbach voraussichtlich mitten durch die Innenstädte von Marbach oder Ludwigsburg fahren. Auch mit Blick auf die geplante Gartenschau in Marbach 2033 und die Bundesgartenschau 2043 in Ludwigsburg hält Trost einen solchen Deponiestandort für „unvorstellbar“.
Was sagt der Regionalverband?
„Es ist fatal, zu glauben, dass schon irgendetwas entschieden ist“, sagt Alexander Lahl, Direktor des Regionalverbands Stuttgart. Richtig sei, dass ein Fachgutachter in der Region unterwegs gewesen sei, um mögliche Flächen zu identifizieren. Dabei habe er zunächst nur mit groben Ausschlusskriterien gearbeitet: Wo gibt es beispielsweise keine Überschwemmungsgebiete oder Landschaftsschutzgebiete?
Welche Flächen konkret im Gutachten genannt werden, dazu äußert sich der Regionalverband bislang nicht näher. Auch den Standort in Ludwigsburg wollen die Verantwortlichen weder bestätigen noch dementieren. Lahl betont jedoch: „Die vom Gutachter vorgeschlagenen Flächen sind noch keine vorgeschlagenen Standorte.“
Das Gutachten sei lediglich ein erster Schritt. Das eigentliche Verfahren beginne erst im kommenden Jahr mit dem sogenannten Regionalplanänderungsverfahren. Dann sollen Bürger, Institutionen, Gemeinderäte und weitere Beteiligte einbezogen werden. Ihre Argumente sollen gehört und gegeneinander abgewogen werden. Vereinfacht gesagt: Das Gutachten zeigt Flächen auf, die nach den bisher geprüften Kriterien grundsätzlich infrage kommen. Ob sie tatsächlich als Standort für eine Deponie geeignet und sinnvoll sind, ist eine andere Frage – und Gegenstand des weiteren Verfahrens.
Auch wie viele der im Gutachten genannten Flächen überhaupt in das Planänderungsverfahren aufgenommen werden, stehe bisher nicht fest. Die Botschaft des Regionalverbands lautet daher: Noch ist alles offen, die Inbetriebnahme einer neuen Deponie könnte noch acht bis zehn Jahre dauern.
Warum wird die Region kritisiert?
Nicht nur der mögliche Deponiestandort sorgt bei den Bürgermeistern für Unmut. Auch mit der Kommunikation des Regionalverbands über das Gutachten sind sie unzufrieden. Die betroffenen Kommunen seien zu spät einbezogen worden, heißt es aus dem Ludwigsburger Rathaus. „Aus Sicht der Stadt ist das bisherige Verfahren unbefriedigend verlaufen.“ Auch Marbachs Bürgermeister Jan Trost hätte sich eine frühere Information gewünscht: „Im Sinne eines transparenten Miteinanders hätten wir uns eine deutlich frühere Information seitens des Verbandes erwartet.“
Tatsächlich wurden die Landräte der Region Stuttgart bereits im Februar über das Gutachten informiert. Die betroffenen Städte erst Anfang Juli. Mitte Juli folgte ein direktes Gespräch des Regionalverbands mit Trost und Knecht.
Der Regionalverband weist die Kritik an einer zu späten Information der betroffenen Kommunen zurück. Der Verband sei nicht zu spät auf diese zugegangen. Den richtigen Zeitpunkt für die Kommunikation zu finden, sei allerdings schwierig: Einerseits stehe das Verfahren noch ganz am Anfang, andererseits sei dem Verband bewusst, welche Reaktionen die Veröffentlichung des Gutachtens mit seinen genannten Flächen auslösen könne.
