Ludwigsburg „Politik ist immer ein Kompromiss“

Von Johannes Stiefel
Neujahrsempfang der Grünen im Franck-Areal (von links): Silke Gerike, Tayfun Tok, Bundesvorsitzender Felix Banaszak, Meike Günter, Dr. Sandra Detzer und Lars Schweizer. Foto: /Martin Kalb

Auf dem Neujahrsempfang des Kreisverbands von Bündnis 90/Die Grünen erteilten die Kandidatinnen und Kandidaten polarisierenden Debatten eine Absage.

In dicke Winterjacken eingepackt, kamen am vergangenen Samstag etwa 150 Gäste zum Neujahrsempfang der Grünen in den unbeheizten „Raum80“ auf dem Franck-Areal. So „frostig“ wie die Temperaturen in der ehemaligen Rösterei des Caro-Kaffees, sei laut Kreisvorstand Lars Schweizer auch „das Klima in unserer Gesellschaft“. Dem wollen die Grünen im Kreis Ludwigsburg bewusst etwas entgegensetzen. So stand der Abend unter dem Motto „Klarer Kurs in unruhigen Zeiten“.

Laute Kampfansagen bekam man von den beiden Landtagskandidatinnen und dem Kandidaten auf der Bühne daher nicht zu hören. Vornehmlich betont wurden stattdessen die Bereitschaft zu Kompromissen sowie der Wille zur Koalitionsfähigkeit mit anderen Parteien. Polarisierenden Debatten erteilte man eine Absage. Unterstützung erhielt der Kreisverband dabei von einem prominenten Gast: Der Bundesvorsitzende Felix Banaszak gab Einblicke in die aktuelle Oppositionsarbeit im Bundestag – und erklärte, warum man in der aktuellen Ausgabe des „Playboy“ ein Interview mit ihm findet.

Grüne Antwort für Autoindustrie

Nur einmal wurde es an diesem Abend etwas lauter auf der Bühne – als der wirtschaftspolitische Sprecher der Landtagsfraktion, Tayfun Tok, das Thema Automobilindustrie ansprach. „Die Hütte brennt wirklich“, rief der Direktkandidat für Bietigheim-Bissingen in den Saal. Die Menschen in der Industrie würden sich ernsthaft Sorgen um ihre Zukunft machen und darüber, wie sie ihr „Häusle“ bezahlen und ihre Familien ernähren sollen. Hier müsse man den Menschen eine „grüne Antwort“ geben. Zwar solle man die Tradition zum Verbrenner wahrnehmen und respektieren, man wisse aber auch, dass es keine Garantie für den Erfolg dieser Technologie im 21. Jahrhundert gebe.

„Wir wollen, dass das Auto hier in Baden-Württemberg erforscht, entwickelt und gebaut wird“, so Tok. Um die Menschen für ihre Ideen zu gewinnen, müssen die Grünen laut Tok dahin gehen „wo wir nicht mit offenen Armen empfangen werden“. Menschen, die anderer Meinung sind, dürften nicht gleich in eine „extreme Ecke“ gestellt werden. Stattdessen solle man auf diese zugehen und sie für die liberale Demokratie zurückgewinnen.

Die Fähigkeit, auf sein Gegenüber zuzugehen, sei laut Silke Gerike auch im Parlament wichtig. „Politik ist immer ein Kompromiss“, sagte Gerike, die für den Wahlkreis Ludwigsburg kandidiert. Man müsse immer offen dafür sein, im Gespräch zu bleiben, um nach dem Wahlkampf wieder koalitionsfähig zu sein. Als verkehrspolitische Sprecherin will Gericke in der kommenden Legislaturperiode an die bisherigen Erfolge anknüpfen. Besonders im Verkehrsministerium habe man in den vergangenen Jahren „saugute Ideen“ gehabt. „Das was gesät ist, über 15 Jahre hinweg, das muss uns die Motivation geben, dass wir es weitere fünf Jahre nach außen tragen“, so Gericke.

Günter: Ehrenamt ausweiten

Meike Günter tritt als „Newcomerin“ im Kreisverband das erste Mal für Vaihingen als Direktkandidatin an. Im Mittelpunkt stehen für die studierte Sozialpädagogin soziale Themen und die Stärkung des Ehrenamtes. Das Wichtigste sei, „dass wir uns bewusst machen, welchen Stellenwert Carearbeit künftig einnehmen kann und soll“, sagte Günter. Den Begriff der „Carearbeit“ dürfe man nicht nur mit der Kinderbetreuung verbinden, sondern solle diesen auch auf die Altenpflege und das Ehrenamt ausweiten. An dieser Stelle griff Günter eine bundesweite Debatte auf: „Es muss uns allen möglich sein, in Teilzeit zu arbeiten, um andere Dinge in unserer Gesellschaft am Laufen zu halten“, so Günter. Hier gelte es, die Strukturen zu schaffen.

Auf emotional geladene Themen, wie „Lifestyle-Teilzeit“, Gendern oder Fleischkonsum, möchte sich der Bundesvorsitzende Felix Banaszak lieber nicht einlassen. Stattdessen rät er den Grünen und der gesamten politischen Landschaft: „Raus aus dem Kulturkampf“. Man solle das Land nicht spalten mit Fragen, ob man die Wurst, die man isst, mit „W“ oder mit „V“ schreibt. Stattdessen müsse man sich um die „ganz handfesten Probleme der Menschen kümmern“, so der gebürtige Duisburger.

 
 
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