Zwei Todgeweihte warten auf ihre Hinrichtung – darf man darüber lachen, fragte sich Intendantin Christine Hofer schon bei der Vorstellung von „Marie-Antoinette oder Kuchen für alle“ als Stück in der diesjährigen Theatersommersaison. Ihre Antwort bestätigte das Publikum am vergangenen Samstag lautstark bei der Premiere: Man darf. Denn das Stück von Peter Jordan, das dieser während der Corona-Pandemie schrieb, eilte nur so von Pointe zu Pointe.
Ludwigsburg Rollende Köpfe und begehrter Kuchen
Die Premiere von „Marie-Antoinette“ beim Theatersommer endete mit Standing Ovations: An einem ereignisreichen Abend hatte das Publikum einiges zu lachen – kam aber auch ins Grübeln.
In den Hauptrollen zwei neue Gesichter
Neben den im Theatersommer schon wohlbekannten Elias Baumann und Josephine Bönsch waren in den Hauptrollen zwei neue Gesichter: Alexandra Marinescu brillierte als Marie Antoinette zwischen trotzig-spöttischem Teenager und durchtriebener Strippenzieherin im Palast, die auch im Angesicht des Todes noch über das Volk spottete und Reichtümer anhäufte.
Karsten Zinser riss als eher infantiler letzter König der Franzosen das Publikum mit – spätestens als der Monarch Justin Timberlake rappte, um seine nun doch kurzfristig von einer dunklen Vorahnung geplagte Gattin aufzuheitern, hatte er die Lacher auf seiner Seite. Lieber wäre der Monarch aber wohl doch Heimwerker, ist ständig am Schrauben und baut sich eine Guillotine zum Probeliegen – und schon bald rollen die ersten Köpfe.
„Lieber köpfen als vergessen“ solle man sie, sind sich die Eheleute einig – das Exil mit bürgerlichem Job, Homeoffice und Lastenrad wäre die Hölle.
„Etwas mit Satire zu verarbeiten und nicht mit Hass, das ist für mich das Wesentliche in diesem Stück“, erklärt Theatersommer-Intendantin Hofer, die die Regie führte, nach der Premiere.
„Wahnsinnig viele aktuelle Bezüge“ biete es. Denn es wurde eine enorme Bandbreite von Themen angerissen: Verschwörungstheorien zur Revolution, die die Krone von der Macht vertrieb (gar fremdgesteuert durch finstere Mächte oder gar Corona?!). Ein sich verselbstständigender Behördenapparat, Bürokratiechaos, wo auch eine Hinrichtung in Leitzordnern versandet.
Dass auf die Herrschaft der Monarchen mit Robespierre und Napoleon mindestens ebenso schlimme Machtmenschen folgten – und nicht etwa die Herrschaft liberaler Aufklärung: „Die Revolution frisst ihre Kinder und Robespierre frisst Kuchen“, ruft der Jakobiner aus dem Palastfenster – auch in der Herrschaft des Volkes kommt es offenbar auf Statusprotzerei an.
Auch der Pöbel selbst sucht bei der Stürmung des Palasts nicht wirklich die Werte der Freiheit, sondern eher das ganz eigene Stück vom Kuchen. Und dass Napoleon mit in Hitler-Manier gerolltem „R“ über die Einverleibung fremder Territorien sinniert, angeblich notwendig, damit sich sein Land „entfalten“ könne, zieht plötzlich eine Linie über das 20. Jahrhundert bis zu den Kriegen unserer Zeit. „Über so Gestalten wie Robespierre oder Napoleon muss man lachen“, findet Hofer – „wir verharmlosen sie ja nicht.“
Zwischen zwei Lachern nachdenklich
„Wahrscheinlich schafft jede Epoche ihre Ketten aus guten Absichten“, bemerkte die Königin im Stück plötzlich, ein Zitat in Anlehnung an Heiner Müller, und da konnte man zwischen zwei Lachern schon ins Grübeln kommen. Ebenso, wenn man mit Robespierre über die „Guillotine des richtigen Gedanken“ nachdachte.
Zwischen bitterböser Satire und tiefsinniger Gesellschaftskritik bewegt sich also das Stück, dessen Aufnahme in das Repertoire des Theatersommers wegen der neuen Engagements der Künstler in der kommenden Saison noch offen ist – wer es sehen will, sollte nicht darauf bauen, so die Intendantin.
Und dass man heute über all das lachen darf, ist auch eine der Freiheiten, die in der Französischen Revolution damals erstritten wurden.
