Ludwigsburg schlägt Bayern München 101:98 Riesen gewinnen Krimi und Spiel eins

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Der frech und unbekümmert aufspielende Riese Jonah Radebaugh (am Ball) im Duell mit Bayerns Superstar Vladimir Lucic.⇥ Foto: Avanti/Ralf Poller

Der Vizemeister aus Ludwigsburg hat sich dank einer fulminanten Anfangsphase und viel Leidenschaft in der ersten Halbfinal-Partie mit 101:98 gegen Pokalsieger Bayern München durchgesetzt.

In der Pressekonferenz nach dem Spiel brach Andrea Trinchieri mit dem Protokoll, welches dem Gästetrainer den Vortritt lässt, und überließ zunächst John Patrick das Feld. Kein Wunder, schließlich dürfte der Coach der Bayern nach der knappen 98:101-Auftaktniederlage seiner Supertruppe gegen die Riesen Ludwigsburg im ersten Halbfinale einiges an Aufbauarbeit in der Kabine zu leisten gehabt haben. Erst um Punkt 23 Uhr, genau 34 Minuten nach dem Abpfiff, setzte sich Trinchieri am späten Samstagabend schließlich doch noch ans Mikrofon, um zumindest ein paar Takte zum Auftritt seines Teams loszuwerden.

Matchwinner Radebaugh

„Der Sieg von Ludwigsburg war verdient“, gab sich der Italiener mit 34 Minuten Abstand als fairer Sportsmann. Doch während des Spiels und selbst nach der Partie hatte der frühere Erfolgscoach von Brose Bamberg immer wieder den Kontakt mit den Unparteiischen gesucht und heftig diskutiert. „Ich wollte nur wissen, was meine Spieler gegen so eine aggressive Ludwigsburger Abwehr tun müssen, damit die Schiedsrichter ein Foul pfeifen“, spielte Trinchieri die Angelegenheit herunter. Doch auch zum rein sportlichen Teil hatte der Mailänder noch etwas zu sagen: „Wir hatten mehr Assists und mehr Rebounds und dennoch haben wir verloren, weil wir zu viele Ballverluste hatten und weil wir McLean nicht stoppen konnten.“

Auf 27 Punkte hatte es eben jener Jamel McLean gebracht. Und auch wenn John Patrick die Leistung des Bundesliga-MVPs von 2015 honorierte, wäre Patrick nicht Patrick, wenn er nicht auch einen anderen Spieler aufs Podest gehoben hätte. „Natürlich war die Leistung von Jonah Radebaugh sehr wichtig. Darüber bin ich sehr stolz. Er kam im Winter aus Schweden und es haben sich viele Menschen gewundert, weshalb wir ihn unter Vertrag genommen haben. Er hat hier eine unglaubliche Entwicklung genommen, immer gekämpft und war auch heute der Gamewinner in der Verteidigung“, so Patrick über den frech und unbekümmert aufspielenden US-Amerikaner.

Doch nicht nur Radebaugh zeigte im ersten Halbfinale in der Ludwigsburger MHP-Arena einen couragierten Auftritt, auch seine Mitspieler agierten von Anfang an nicht etwa wie das gelbe Kaninchen vor der roten Schlange, sondern knacksten mit einer kompromisslosen Defensive gewaltig am großen Selbstvertrauen der Gäste. Die ersten drei Angriffe der Bayern liefen ins Leere, auch weil sich der beste Verteidiger der Liga, Yorman Polas Bartolo, den ersten Ball schnappte. Der frühere kubanische Nationalspieler traf auch für die Hausherren zur 2:0-Führung. In der Folge entwickelte sich zunächst ein Spiel auf Augenhöhe, in dem die Riesen nach fünf Minuten mit 9:8 in Front lagen. Jordan Hulls mit zwei Dreiern auf Reihe sorgte dann jedoch für die 15:11-Führung, die der überragende Polas Bartolo kurz danach noch auf 18:11 ausbaute.

Trinchieri hatte genug gesehen, er nahm die Auszeit. Doch auch im Anschluss daran biss sich der Pokalsieger an der Weltklasse-Verteidigung der Ludwigsburger die Zähne aus. Mit zwei Dreiern in Folge zum 24:11 führte sich der in den ersten Playoff-Spielen gegen Bamberg noch schmerzlich vermisste Barry Brown Jr. bärenstark ein – wären an diesem Abend Zuschauer in der MHP-Arena zugelassen gewesen, die Halle hätte Kopf gestanden.

Mit 29:17 hatten die Ludwigsburger das erste Viertel beendet. Mit genau diesem Zwischenergebnis hatten die Bayern im Pokalfinale gegen Alba Berlin zwei Wochen zuvor noch nach dem ersten Abschnitt zurückgelegen und die Partie dennoch drehen können. Doch in Ludwigsburg sah zunächst nichts nach einer Wende aus. Die Riesen machten im zweiten Abschnitt mit Power-Basketball weiter und zogen auf 37:22 davon. Die Bayern, allen voran der im letzten Hauptrundenspiel in der MHP-Arena nicht zu stoppende Jalen Reynolds, begannen zu lamentieren. Als MVP Jaleen Smith nach einem Dreier zum 44:32 seinem Gegenspieler Reynolds frech ins Gesicht lachte, sah es aus, als könnten die Bayern endgültig den Faden verlieren. Aber weit gefehlt: Vor allem Bayerns Primus inter Pares, der serbische Superstar Vladimir Lucic, und Ex-NBA-Star Paul Zipser rissen das Spiel an sich. München holte auf, auch weil die Riesen plötzlich selbst von der Freiwurflinie ungewohnte Schwächen zeigten. Zur Halbzeit war die Führung auf acht Punkte geschrumpft (55:47).

Nach der Pause versuchten die Münchener weiterhin nicht nur in die Köpfe ihrer Gegner, sondern auch in die der Schiedsrichter zu kommen. Jede Aktion wurde lautstark kommentiert. Und es zeigte Wirkung: Nachdem Hulls kurz nach einem Dreier verletzt vom Feld humpelte (Patrick: „Ich glaube nicht, dass es schlimm ist“), verkürzten die Gäste auf 67:63. Ein Dreier von Radebaugh zum 70:63 brach den Bann. 45 Sekunden vor dem Drittelende netzte McLean zum 74:65 ein, brachte dann allerdings das Kunststück fertig, drei Freiwürfe in Serie zu versemmeln. Ein Buzzer Beater von Smith zum 76:66 machte den Fauxpas jedoch wieder wett.

Im Schlussabschnitt verkürzten die Bayern noch einmal auf 95:97, doch zehn Sekunden vor dem Ende erlöste Smith die Riesen mit einem Dreier. Sekunden vor dem Ende hätte Lucic mit einer Doppelchance doch noch die Verlängerung erzwingen können, doch der Wurf des Serben verfehlte das Ziel. „Jaleen hat, wie schon in der gesamten Saison, in der Crunchtime geliefert. Der letzte Wurf von Lucic war ein bisschen zu viel Drama. Am Ende ist es aber egal: Wir haben gewonnen und es steht 1:0“, freute sich Patrick über den gelungenen Start seiner Truppe ins Halbfinale, das am heutigen Montag (19 Uhr) erneut in Ludwigsburg in die nächste Runde geht.

 
 
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