Gericht und Staatsanwaltschaft wehrten jetzt im Prozess um ein illegales Autorennen in der Ludwigsburger Innenstadt, bei dem zwei junge Frauen getötet wurden, die dreisten Lügen der Zeugen ab und gingen gegen Falschaussagen mit einer Festnahme im Gerichtssaal vor.
Ludwigsburg Staatsanwaltschaft lässt Zeugen im Gerichtssaal festnehmen
Der Mann, dem Falschaussage vorgeworfen wird, hat eine gemeinsame Vergangenheit mit den Angeklagten.
Geduldig unternahmen die Richter mehrere Versuche, dem Zeugen an diesem fünften Verhandlungstag noch einmal Zeit zu geben, genau über seine Aussagen im Gerichtssaal nachzudenken. Doch der 36-Jährige blieb stur dabei: „Es tut mir leid, mit den Aussagen zur Polizei, ich war da so emotional.“ Er war in der Nähe des Unfallorts und sah dort „schreckliche Bilder“. Zudem hat er nach eigenen Aussagen selbst einmal einen nahen Verwandten durch einen Autounfall verloren. „Warum fahrt ihr immer so schnell, grad‘ hier, du musst da aufpassen“, so sprach er es ins Aufnahmegerät der Polizei, die ihn zweieinhalb Wochen nach dem tragischen Ereignis befragte. Der Kumpel habe daraufhin immer gelacht, und gesagt, „da passiert doch nichts, ist doch uns egal.“ Auch den Bruder habe er aufgefordert, „fahr doch mal vorsichtiger“.
Unter Druck gesetzt?
Davon wollte der arbeitslose Mann nun im Zeugenstand vor der 19. Schwurgerichtskammer des Landgerichts Stuttgart gar nichts mehr wissen. Die Staatsanwaltschaft ließ den Zeugen daraufhin von zwei Polizeibeamten wegen Falschaussage noch im Gerichtssaal festnehmen.
Bereits frühere Zeugen zeigten eine starke Tendenz zur Entlastung des Brüderpaars, nahmen Erinnerungslücken für sich in Anspruch, und unterstrichen mit diesem Verhalten die Annahme des Nebenkläger-Anwalts Fatih Zingal, dass Zeugen aus dem Umfeld der Angeklagten „massiv unter Druck gesetzt“ worden seien.
Zwei Brüder türkischer Staatsangehörigkeit und ihr Cousin lieferten sich am 20. März dieses Jahres in Ludwigsburg einen Geschwindigkeitsrausch, bis der 32-Jährige in das Auto mit den beiden 22 und 23 Jahre alten Freundinnen prallte, die gerade eine Tankstelle verließen. Alle Rettungsversuche der beiden Frauen waren vergeblich. Für die Staatsanwaltschaft begingen die drei mit ihrem Verhalten Mord und versuchten Mord. Seit 2017 ist ein illegales Autorennen ein eigener Straftatbestand im Gesetz.
Spätestens bei der langen Verlesung der Vorstrafen der beiden in Ludwigsburg geborenen Brüder wurde klar, warum der Zeuge an diesem Freitag so unbedingt alle früheren, belastenden Aussagen zurücknehmen wollte. Die drei Männer haben eine gemeinsame kriminelle Vergangenheit, da waren sie gerade einmal 16 und 19 Jahre alt. Damals ging es um einen gemeinschaftlich begangenen Diebstahl, Körperverletzung und auch um Fahren ohne Fahrerlaubnis. Fünf Jahre später ging es wieder in einem gemeinsamen Strafverfahren um versuchten Betrug.
Langes Vorstrafenregister
Praktisch einmal im Jahr standen die Brüder seit ihrer Jugend vor Gericht, kamen zunächst für ihre Vergehen mit Arbeitsleistungen oder Geldstrafen davon, später folgten Bewährungsstrafen. Während das Vorstrafenregister des mitangeklagten Cousins leer ist, sind bei den Brüdern jeweils über zehn Einträge. Und wie ein roter Faden ziehen sich immer und immer wieder Verkehrsdelikte durch diese Vorgeschichte.
Petra Häussermann
