Gestern hat das Stadtensemble Ludwigsburg sein neues Projekt für 2026 in der Karlskaserne vorgestellt. Nach „L‘Utopia – Atlas der unentdeckten Stadtteile“ 2024 wagt sich das künstlerische Team um Produktionsleiterin Bettina Gonsiorek diesmal an ein schwereres Thema. Mit Performances in und um die Zentrale Stelle in Ludwigsburg, die seit 1958 bundesweit zuständig ist für die Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen, entsteht ein Stationentheater mit dem Arbeitstitel „Das ist kein Rückblick“, getragen von 17 Laiendarstellern zwischen 24 und 76 Jahren.
Ludwigsburg Theaterstück gegen das Vergessen
Das Stadt-Ensemble stellt sein Projekt „Das ist kein Rückblick“ vor. Performances verbinden Historie und aktuelle Gesellschaftsfragen.
Körperliches Erlebnis
Im Kern geht es bei der Projektarbeit um aktuelle Gesellschaftsfragen: Was können wir tun, damit es in Zukunft keine Täter und Opfer mehr gibt? Ist Wegsehen eine Entscheidung? Kann Schweigen Folgen haben? Wo beginnt persönliche Verantwortung? Unter Einbeziehung des Publikums würden aber keine Antworten vorformuliert, so Axel Brauch (Text und Regie), vielmehr sollen „die Geister der Vergangenheit“ für kleine Gruppen, die Auge in Auge mit den Darstellenden stünden, spürbar werden. „Jeder muss dabei ständig überprüfen, welche Position er in dem interaktiven Spiel einnimmt und bleibt so immer im Diskurs“, wie es Markus Tomczyk, zuständig für Bewegungsarbeit und Choreografie, ausdrückt. Das Projekt zielt also nicht auf Rekonstruktion, sondern auf Perspektivwechsel – mit Chorpassagen, Monologen und Bewegung als künstlerische Interventionen.
Die Zentrale Stelle in der Schorndorfer Straße 58, ein ehemaliges Frauengefängnis, vermittle im Innenhof ein „Gefühl des Eingeschlossen seins“, das direkt körperlich erlebbar sei, sagt Gesine Mahr, die für Kulissen und Kostüme verantwortlich ist. Die Textcollagen von Brauch ließen hier Stimmen von Insassen hörbar werden. Das Stationentheater nimmt sein Publikum aber auch mit auf einen geführten Weg über das Gelände und in die Räume der Zentralen Stelle.
100 Laien waren interessiert
Nach einem Aufruf im November vergangenen Jahres hatten sich 100 Interessierte gemeldet, die mitmachen wollten. Aus Termingründen und wegen der besonderen Herausforderung eines Stationentheaters blieben für das Casting im Januar am Ende 17 Spielende übrig, die sich für einige Proben- und Auftritts-Wochenenden verpflichtet hätten, so Gonsiorek. Der Wunsch des Ensembles Zukunftsperspektiven herauszufinden und Hoffnung zu geben, sei von Anfang an sehr stark gewesen, verrät Tomczyk. Schon das Casting hätte Proben-Charakter gehabt, die Spielenden seien mit großer Ernsthaftigkeit bei der Sache und – über alle Altersgrenzen hinweg – tief am Thema interessiert. „Dabei machen alle Alles“, freut sich der Choreograph: Sprache, Bewegung, Bezug zum Publikum – ohne Berührungsängste.
Hierarchien und Uniformen
Bei den Kostümen hat sich Gesine Mahr stark mit Hierarchien und Uniformen beschäftigt, die durch das Wechseln von kleinen Details ganz unterschiedliche Assoziationen hervorrufen. „Wir wollen das Publikum damit bewusst verwirren, um die Frage aufzuwerfen: Wer ist wer?“
Die geplanten Aufführungen (jeweils etwa 50 Minuten) finden an den Wochenenden 3. und 4. Oktober sowie 7. und 8. November statt. Außerdem gibt es drei Schulvorstellungen.
