Ludwigsburg Umarmungen im Reithaus

Von Jörg Palitzsch
Rund 500 Gäste nahmen am Neujahrsempfang des Kreises im Ludwigsburger Reithaus teil. Foto: /Oliver Bürkle

Beim Neujahrsempfang des Landkreises sorgte Dr. Eckart von Hirschhausen vor rund 500 Gästen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft für einige Perspektivwechsel.

Mit einer überraschenden Absage von Landrat Dietmar Allgaier, der kurzfristig aufgrund eines Todesfalles in der Familie der Veranstaltung fernbleiben musste, sowie einem humorvollen Vortrag des Arztes, Wissenschaftsjournalisten und Stiftungsgründers Dr. Eckart von Hirschhausen ging in diesem Jahr der Neujahrsempfang des Landkreises über die Bühne. Rund 500 Gäste aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft waren dazu ins Ludwigsburger Reithaus gekommen. Für die musikalische Umrahmung sorgte die Musikschule Besigheim, zum Auftakt verlas Rainer Gessler, Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler im Kreistag und ehrenamtlicher Stellvertreter des Landrates, die Rede von Allgaier.

Sozialstaat zukunftsfest machen

Neben einem Rückblick auf das abgelaufene Jahr, etwa auf die partnerschaftlichen Beziehungen zum Oberen Galiläa und die Haushaltskonsolidierung (Re-)Set 2026, wurde der Blick auf die aktuelle Lage gerichtet. Trotz eines einmaligen Entlastungspakets habe der Landkreis keinen ausgeglichenen Haushalt erreicht. Und da Bund und Land fortlaufend neue Rechtsansprüche beschließen würden, ohne die Kommunen finanziell auszustatten, benannte Gessler, was zu tun sei. Den Sozialstaat zukunftsfest aufstellen, die Landkreise in die Lage versetzen, das kommunale Finanzierungsgleichgewicht wiederherzustellen und die Krankenhäuser auskömmlich zu finanzieren.

Stichwort Krankenhäuser: Diese sollen sich künftig keine Konkurrenz mehr machen, sondern gezielt ergänzen. In Bietigheim-Bissingen etwa mit einem Herzkatheter-Messplatz als Vorsorge von Herzinfarkten, in Ludwigsburg mit einer Angiografie-Anlage zur besseren Versorgung von Gefäßerkrankungen. Und in Markgröningen sollen die Fußchirurgie und die minimalinvasive Bandscheibenchirurgie ausgebaut werden.

Plädoyer für Katastrophenschutz

Mit einem Blick auf den jüngsten Blackout in Berlin sieht sich Landrat Allgaier weiter darin bestärkt, sich für den Bau eines Katastrophenschutzzentrums mit Integrierter Leitstelle im Landkreis einzusetzen. Im Ernstfall würden kurze Entscheidungswege zählen, dies müsse auch funktionieren, wenn Strom, Notruf und Telekommunikation ausfallen. Der Landrat hofft darauf, dass der Kreistag den Weg für das Projekt im Frühjahr ebne.

Ein weiterer Schwerpunkt seiner Rede war das Thema Desinformation, die auch vor der Kommunalpolitik nicht halt mache. Emotionen würden mittlerweile immer öfters Fakten zurückdrängen. Wenn es um Schulen, Unterkünfte, Verkehr und Bauprojekte gehe, würden sich einfache Erzählungen schneller verbreiten als nüchterne Zahlen und Fakten.

Auch die Medien würden hier eine besondere Verantwortung tragen. Wer sich allein von Klickzahlen und Geschwindigkeit leiten lasse, entferne sich vom seriösen Journalismus. Deshalb rief Gessler in Stellvertretung für den Landrat im Reithaus dazu auf, Transparenz, Dialog und Medienkompetenz zu stärken, um populistische und falsche Erzählungen zu entkräften.

Attacke auf die AfD

Im Abschluss versah von Hirschhausen in seinem Vortrag medizinische Erkenntnisse und gesellschaftliche Fragestellungen mit eine großen Prise Humor. Er dankte den politisch Engagierten, bei der Landtagswahl am 8. März müsse man ein klares demokratisches Signal setzen. Später wurde er noch deutlicher. Was sei von einer AfD zu halten, die Europa ablehne, die Demokratie abschaffen und die Menschenrechte beschneiden wolle – und bei über 20 Prozent liege? Für seine politischen Seitenhiebe erhielt von Hirschhausen viel Applaus.

In seinem Diskurs fügte er viele Themen zusammen, unter anderem sprach er sich deutlich für ein Katastrophenschutzzentrum aus. Ein Herzensanliegen des Landrates, mit dem aber kein Blumentopf zu gewinnen sei. Von Hirschhausen verwies in diesem Zusammenhang auf die Flutkatastrophe im Ahrtal, wo keine Sirenen funktioniert hätten. Auch mit dem Hitze-Aktionsplan des Landkreises sei kein Blumentopf zu gewinnen, gleichwohl sei jeder hitzegefährdet. „Früher hatten alle Angst vor dem Winter, heute vor dem Sommer.“ Das Zukunftsthema, die Kommunikation über Extremwettersituationen, soll daher mit der Ärztekammer, seiner eigenen Stiftung „Gesunde Erde – Gesunde Menschen“ und der Filmhochschule in zeitgemäße Aufklärungsvideos münden. Ziel ist es, einen Impuls in die Zivilgesellschaft zu geben, der an vielen Stellen Früchte tragen und weiterwirken soll.

Begrüßung wie die Affen

Bei allem machte von Hirschhausen deutlich, dass es ohne Humor nicht gehe, wobei Humor ein Rätsel sei. So glaube jeder Mensch von sich, Humor zu haben, aber jeder kenne jemanden, der keinen Humor hat. Dazu zeigte er viele Fotos, die er selbst bei seinem Gang durch Ludwigsburg gemacht hat, die mehr und auch etwas weniger witzig waren. Ein Höhepunkt war, als von Hirschhausen die Gästeschar dazu aufrief, sich wie Affen zu begrüßen. So war er im Austausch mit der am 1. Oktober 2025 verstorbenen Primatenforscherin Jane Goodall, die das Sozialverhalten und die Begrüßungsrituale von Menschenaffen untersuchte, um Parallelen zum Menschen aufzuzeigen. Im Reithaus gab es nach seinem Aufruf Umarmungen und ein Aneinanderpressen der Köpfe.

Sein Vortrag sollte im Kern Dialogen den Weg ebnen, offen, ehrlich und mit der Bereitschaft, auch einmal die Perspektive zu wechseln. Im Reithaus gelang dies.

 
 
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