Der Ordenssaal des Ludwigsburger Residenzschlosses zählt zu den schönsten Konzertorten der Stadt. Fast voll besetzt war er am Donnerstagabend, als Michael Barenboim mit dem Nasmé-Ensemble zu einem ungewöhnlichen Kammermusikabend einlud. Die Verbindung europäischer und arabischer Musikkulturen war dabei nicht nur Thema des Programms, sondern spiegelte sich auch im Ensemble selbst wider: Fünf palästinensische Musikerinnen und Musiker musizierten gemeinsam mit Michael Barenboim.
Ludwigsburger Schlossfestspiele Arabische Melodik trifft auf Kammermusik
Michael Barenboim und das Nasmé-Ensemble musizieren bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen im Ordenssaal des Schlosses.
Spätromantische Klangsprache
Den Auftakt bildete Salvador Arnitas „Andante meditativo“ für Streicher. Der 1915 in Jerusalem geborene Komponist verbindet darin spätromantische Klangsprache mit einer ruhigen, nach innen gerichteten Ausdruckswelt. Das Ensemble fand hierfür einen warmen, homogenen Ton. Die Linienführung wirkte sorgfältig gestaltet, die Musiker hörten aufeinander und entwickelten einen atmenden Gesamtklang. Nicht jede Phrase besaß die letzte Raffinesse, doch entstand eine Atmosphäre konzentrierter Ruhe.
Im Zentrum des ersten Konzertteils stand Mozarts Klarinettenquintett A-Dur KV 581. Hier offenbarte sich eine etwas problematischere Seite des Abends. Mozarts Musik verlangt größte Präzision und höchste Aufmerksamkeit im kammermusikalischen Miteinander. Bereits im ersten Satz wirkte die Interpretation stellenweise etwas zu schwergewichtig und romantisierend. Einzelne Einsätze gerieten nicht ganz synchron, manche Übergänge verloren an Spannung. Dabei zeigte sich erneut, wie schonungslos Mozart jede Unsicherheit hörbar macht.
Der Klarinettist Ibrahim Alshaikh überzeugte mit kultiviertem Ton und feinen Piano-Nuancen, ohne jedoch jene Leuchtkraft zu entfalten, die andere Spitzen-Interpretationen dieses späten Mozarts prägt. Auch im Finale verlor sich die Aufführung gelegentlich in klanglichen Verästelungen, sodass die dramaturgische Entwicklung des Satzes nicht immer ihre volle Wirkung entfalten konnte.
Nach der Pause gelang dem Ensemble mit Giovanni Bottesinis selten gespieltem „Gran Quintetto“ der überzeugendste Beitrag des Abends. Die melodische Erfindungskraft des italienischen Komponisten, seine opernhafte Kantabilität und die farbige Streicherbehandlung kamen den Musikern hörbar entgegen. Besonders die Cellostimme trat mehrfach mit schön geformten Kantilenen hervor. Zwar hätte man sich stellenweise einen volleren Gesamtklang wünschen können, doch überzeugte die Aufführung durch Spielfreude und stilistische Geschlossenheit. Das Stück selbst erwies sich als lohnende Wiederentdeckung.
Den stärksten programmatischen Akzent setzte Kareem Roustoms 2024 entstandenes „Palestinian Songs & Dances“. In diesem Werk begegnen sich arabische Melodik und westliche Kammermusiktradition auf Augenhöhe. Roustom vermeidet folkloristische Effekte und entwickelt stattdessen eine eigenständige musikalische Sprache, die ständig zwischen den kulturellen Bezugspunkten pendelt.
Starke Programmatik
Gerade dieses produktive Schweben zwischen Orient und Okzident verlieh der Aufführung ihre besondere Spannung. Das Ensemble fand hier zu großer Präsenz und gestalterischer Freiheit. Zugleich strahlte die Musik trotz aller historischen und politischen Bezüge bemerkenswerten Optimismus aus. So konnte man dieses Opus als eigentlichen Höhepunkt des Abends wahrnehmen.
Der lang anhaltende Beifall des Publikums führte schließlich zu einer weiteren Komposition Salvador Arnitas als Zugabe. Das Konzert glänzte weniger durch instrumentale Perfektion denn als klug konzipierte musikalische Begegnung unterschiedlicher Traditionen. Gerade dort, wo Programmidee und musikalische Aussage ineinandergriffen, gewann der Abend seine größte Überzeugungskraft.
