Ludwigsburger Schlossfestspiele Ein kleiner Fiat als Raumwunder

Von Helga Spannhake
Das kleine italienische Automobil wurde in der Aufführung der Ludwigsburger Schlossfestspiele zum fünften wichtigen Darsteller. Foto: Reiner Pfisterer

Joseph Haydns Oper „Lo Speziale“ wurde bei den Schlossfestspielen aufgeführt. Musikalisch und komödiantisch beeindruckte die Darbietung die Besucher.

Die Ludwigsburger Schlossfestspiele sind eines der ältesten Festivals im deutschsprachigen Raum und beeindrucken stets durch hochkarätige Konzerte, aber auch Opernproduktionen stehen auf dem Programm. Mit der Aufführung von Joseph Haydns „Lo Speziale“ gelang eine wunderbare Melange zwischen klassischer Musik und moderner Inszenierung.

Schon der Aufführungsort sorgte für Staunen, denn das wunderschön erhaltene Schlosstheater des Ludwigsburger Residenzschlosses ist nicht immer zugänglich für Publikum. Nun aber nahmen die 24 Musikerinnen und Musiker des Stuttgarter Kammerorchesters im kleinen Orchestergraben Platz und stimmten unter der musikalischen Leitung Jan Willem de Vriend zuerst Joseph Haydns Sinfonie Nr. 45 in der, für damalige Zeiten ungewöhnlichen Tonart fis-Moll, genannt die „Abschiedssinfonie“ an. Temporeich drängend in der Dynamik ist der 1. Satz mit seinem Stakkato sowie pulsierenden Tonrepetitionen zu Beginn und wunderbar leidenschaftlich agierte das Stuttgarter Kammerorchester.

Überraschung zum Finale

Mit einem Lächeln im Gesicht schwelgten sie in der von ihnen gespielten Musik – technisch brillant und äußerst feinfühlig in der Tongebung, dass das Zuhören eine wahre Freude war. Nachdem in den ersten drei Sätzen der Sinfonie alles seinen gewohnten musikalischen Gang nahm, wartete das Finale mit einer Überraschung auf: So verstummte zuerst die Oboe, gefolgt von einem Horn und weiteren Instrumenten. Zum Schluss blieben nur zwei einsame Violinen übrig, die das Werk im zarten Pianissimo beendeten. Es ist nicht genau überliefert, was Haydn zu diesem Exodus antrieb, aber es könnte die Folge einer geplanten Reduzierung seines Orchesters auf Schloss Esterházy gewesen sein und er wollte mit dem Verstummen die Konsequenzen verdeutlichen – jedenfalls verfehlte es auch diesmal nicht seine Wirkung und in Zeiten in denen Kulturetats bedroht sind, erschien es ebenso aktuell wie zu Haydns Zeiten. Mit viel Applaus und Bravorufen bedankte sich das Publikum für dieses erstklassige Hörerlebnis.

Nach der Pause öffnete sich der Theatervorhang für das selten gespielte dreiaktige Dramma giocoso „Lo Speziale – der Apotheker“ von Joseph Haydn. Seine Komödie ist eine Vierecksgeschichte: Da gibt es den alten Apotheker namens Sempronio, der es auf sein Mündel Grilletta abgesehen hat – allerdings weniger aus Liebe als mit Blick auf ihre Mitgift. Ebenfalls ein Auge auf das hübsche Mädchen hat der reiche junge Volpino geworfen. Sie allerdings liebt Mengone, der nur in der Apotheke begonnen hat zu arbeiten, um ihr nah zu sein.

Auto als Darsteller

In der Aufführung der Schlossfestspiele gab es allerdings noch einen fünften Darsteller, der nicht der Feder Haydns entsprungen war: Einen Fiat Cinquecento und dieses kleine Gefährt entwickelte sich in der Inszenierung der Schweizer Regisseurin Eva Buchmann zum wahren Raumwunder: Viele verschieden große Koffer auf dem Gepäckträger, im Kofferraum das Bullauge einer Waschmaschine, unter der Motorhaube grüne Pflanzen und im ausziehbaren Heck entstand sogar noch eine Dusche mit echtem Wasserstrahl. In und um das kleine Auto entspann sich die rasante Geschichte und Marina Zyatkova als Grilletta, Renate Arends als Volpino (eine Hosenrolle), Álvaro Zambrano als Mengone und Enrico Marabelli als Sempronio bewiesen in dieser kurzweiligen knapp anderthalbstündigen komischen Oper nicht nur ihr fantastisches schauspielerisches Talent, sondern überzeugten auch mit schönem Stimmtimbre, klarer Textverständlichkeit und technisch sehr gut geführten Stimmen.

Erneut brillant war auch das Stuttgarter Kammerorchester mit ihrem Dirigenten Jan Willem de Vriend, der den unvollständigen dritten Akt der überlieferten Partitur Haydns ergänzt hatte und so für musikalische Kontinuität sorgte: „Haydns Opern sind fantastisch, sie sind einfach unglaublich gut“, schwärmte er.

 
 
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