Unterschiedlicher können zwei Choreografien, getanzt am selben Abend und vom selben Ensemble, gar nicht sein: Das Ballettensemble des Staatstheaters am Gärtnerplatz München beendet die Saison 2025 der Ludwigsburger Schlossfestspiele – die erste von Intendant Lucas Reuter – mit „An American in Paris – Farewell in Paris“ und „Le Sacre du Printemps“.
Ludwigsburger Schlossfestspiele Finale der Gegensätze
Den Schlusspunkt zur Saison 2025 der Schlossfestspiele setzen Ballett und Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz München.
Der erste Teil des Ballettabends war rosa
Ungewöhnlich ist es schon, ein Festival, das den Fokus auf die Musik legt, mit Ballett zu beenden. Das Forum war bei beiden Tanzveranstaltungen, am Donnerstag und Freitag, auch nicht voll besetzt. Verdient hätte das Ensemble des Gärtnerplatz-Theaters ausverkaufte Vorstellungen, die Standing Ovations entschädigten die Künstler und Künstlerinnen etwas. Der erste Teil des Ballettabends mit Livemusik – endlich saß wieder einmal ein Orchester im Graben bei einer Tanzveranstaltung – war rosa.
George Gershwins „An American in Paris“ wurde von in rosa Anzüge gesteckten Tänzern mit Schwung, Elan und viel Spaß auf die Bühne gebracht. Unterschiede zwischen Mann und Frau sind nicht sichtbar, selbst zwei Bräute in weißen Kleidern werden von einem Mann und einer Frau getanzt. Bei Choreograf Jeroen Verbruggen, der sein Werk „Farewell in Paris“ nennt, verschwimmen die Geschlechter.
In einer Art Manege, einem Leuchtring auf dem Boden, tanzt zusammen, wer Lust darauf hat, zusammen zu tanzen. Ein Pas de deux ist bei ihm nicht an Geschlechter geknüpft. Paris, die lebendige Stadt, wird mit dekorativen Elementen symbolisiert. Die Tuilerien – ein Kandelaber, die Hochzeitskutsche – zwei Schaukelpferde. Verbruggens Choreografie auf die Musik von Gershwin und der „Billy the Kid“- Suite von Aaron Copland ist einerseits eine zuckersüße Revue im Stile der 1920er-Jahre, aber auch eine rosarote Verdrängung der Realität.
Vergnügungssucht beherrscht die Masse und das Publikum fühlt sich als Beobachter mit einer rosaroten Brille. Die Tanzsprache ist eine Anknüpfung an die Broadway-Shows, in denen Dandys ihre Hüte in die Luft werfen und mit männlichem Ausfallschritt marschieren. Jede Geste, jeder Schritt wird übertrieben und mit akrobatischer Manier überspitzt. Die Wirkung auf die Zuschauer ist die gewünschte: für eine Zeit lang die Realität zu vergessen, bis uns der Alltag wieder zurückholt.
Dann passiert ein starker Schnitt: Die zweite Choreografie ist „Sacre du Printemps“ von Igor Strawinsky. Geradezu bedrohlich und martialisch ist die Choreografie von Marco Goecke. Keine Farbe, nur schwarze Kostüme in schwarzem Bühnenbild. Nebelschwaden wabern wie angsterregende Gespenster. Die Tänzer und Tänzerinnen tanzen Goeckes bekannte Tanzsprache: Wie unter Strom werden Hand-, Fuß- oder Kopfbewegungen realisiert. Die Körper zucken und beben, der Zuschauer ist überfordert von all den vielen, einzelnen Bewegungen, die auch in großen Gruppenszenen nur selten zur Ruhe kommen. Fazit: Beide Choreografien sind ganz großes Kino, fesseln den Blick und fokussieren die Aufmerksamkeit auf dieses Beispiel großer Ballettkunst.
