Da war es also wieder, das einzigartige Open-Air-Flair: Wenn der Wind in einer lauen Sommernacht sanft durch die Haare weht, wohlige Geborgenheit entsteht und unter Beigabe der Musik die Realität ein bisschen Richtung Mystik entrückt. Bei Veranstaltungen unter freiem Himmel kommt der Witterung eine nicht ganz unerhebliche Bedeutung zu: Als ein Großteil der Zuschauer auf das Gelände strömte, begann es beharrlich zu regnen. Vorsichtshalber verteilten Mitarbeiterinnen der Schlossfestspiele Regencapes. Doch die Wolken verzogen sich und kamen – entgegen der Vorhersage des Regenradars – auch nicht mehr zurück. Dem vollumfänglich positiven Erleben des letzten großen Monrepos-Open-Airs stand somit nichts mehr im Weg.
Ludwigsburger Schlossfestspiele „Grande Finale“ einer Ära
Das Monrepos-Open-Air verabschiedete sich nach drei Jahrzehnten vor rund 6000 Zuschauern mit einer beeindruckenden Gala.
Rund 6000 Besucher
Rund 6000 Besucher waren zur 30. Auflage des beliebten Klassikers gekommen, der diesmal zu Ehren von Johann Strauß‘ 200. Geburtsjahr unter dem Motto „Alles Walzer!“ stand. Erstmals in der Geschichte saßen nicht die Musiker des eigenen – inzwischen aufgelösten – Schlossfestspielorchesters auf der Bühne, sondern Gäste aus Wien: das Orchester Divertimento Viennese unter der Leitung von Vinzenz Praxmarer. Vor der 45-minütigen Pause präsentierte das Ensemble ausschließlich Stücke des Jahrhundertwende-Komponisten Alexander von Zemlinsky, zunächst das Walzer-Zwischenspiel aus „Kleider machen Leute“, anschließend das pompöse viersätzige „Tanzpoem“ aus „Der Triumph der Zeit“. Werke, die nicht zum Standardrepertoire gehören, auf der Monrepos-Bühne aber effektvoll Eindruck machten.
Musik von Johann Strauß
Nach der Pause und der mächtig beklatschen „Fledermaus“-Ouvertüre traten die Solisten des Abends auf. Dem Wiener Tenor Norbert Ernst und seiner Tenor-Stimme voll herrlich weichem Operetten-Schmelz hörte man in „Sei mir gegrüßt, du holdes Venezia“ aus der Strauß-Operette „Eine Nacht in Venedig“ sehr gerne zu. Im Duett mit Anna Gabler sang er zudem mit feiner Klinge die populäre Titelmelodie von „Wiener Blut“. Mit dem berühmten „Kaiserwalzer“ erreichte das fabelhafte Orchester einen vorläufigen Höhepunkt des Abends.
Nebel zieht auf
Doch dann folgte das „Grande Finale“. Wie groß war das Bedauern, dass das Feuerwerk dieses Jahr ausfallen muss. Da der geschützte Nachtreiher seit einigen Jahren auf der Amorinsel im Monrepos-See brütet, hatte das Regierungspräsidium Stuttgart das Feuerwerk verboten (die BZ berichtete). Einige Besucher dürften aus diesem Grund enttäuscht weniger Interesse am Event gehabt haben und ihm ferngeblieben sein.
Doch was haben sie verpasst. Denn auf die „Rosenkavalier-Suite“ von Richard Strauss war eine leuchtende Show abgestimmt worden – nur eben ohne Knall, Peng und Bumm. Zunächst wurde das Seeschloss mit verschiedenen Licht-Mustern und Farben angestrahlt. Plötzlich roch es leicht modrig, Nebel zog auf. Sollte etwa Kunstnebel ein Feuerwerk ersetzen? Kurz später sendeten Strahler farbiges Licht ins Dunkel. Um die Illumination der Luft sichtbar machen zu können, war der Nebel unverzichtbarer Gegenstand. Und an den Seiten tanzten vermeintlich die Zweige der Bäume, als warmes Licht über sie schwenkte.
Licht- und Feuershow
Die vier Strahler, die frontal an der Bühne angebracht waren, schickten ihr Licht in Richtung der Zuschauer, sodass es aussah, als lägen über den vorderen Sitzblöcken durchlässige Segel. Sie wechselten Farben und Form, leuchten flächig oder als einzelne Lichtstäbe, verquirlten sie, ließen sie wandern. Da alles im Blickfeld der Zuschauer hin zu Bühne geschah, lenkte die Show nicht von der Musik ab, sondern ergänzte sie – genau so wie die Feuerwerksfontänen und aufflammenden Feuersäulen seitlich und hinter der transparenten Bühne. Dabei ging es sehr geräuscharm zu, die Musik wurde dadurch viel sensibler und wertschätzender behandelt als bei einem Feuerwerk, wobei sie oft unter dem lauten Knallen kaum mehr zu hören ist. Das aus der Not heraus gewählte Ersatzkonzept erwies sich als mindestens ebenbürtige Alternative zum Feuerwerk.
Und vielleicht ist es ein Modell für die Zukunft, denn wie die Ludwigsburger Schlossfestspiele im Vorfeld bekannt gegeben hatten, wird die traditionelle Veranstaltung nach der 30. Auflage eingestellt. Zum letzten Mal also fand das Monrepos-Open-Air als großes Orchesterkonzert statt. An Konzepten für die Zukunft werde getüftelt, heißt es aus internen Kreisen, aber aus Fan-Sicht ist zu befürchten, dass Dimension und Strahlkraft andere sein werden. Es war am Samstagabend der würdige Schlussakt einer Ära.
