Ludwigsburger Schlossfestspiele Hoffnungsvolles Ende der Schlossfestspiel-Saison

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Eine Performance zu der Komposition „I can’t breathe“ von Georg Friedrich Haas: Edivaldo Ernesto tanzt im Ehrenhof des Schlosses zu den Trompetenklängen von Marco Blaauw.⇥ Foto: Reiner Pfisterer

Am Ende gab es in dieser Corona-gebeutelten Spielzeit doch noch eine Woche lang Balsam für die Kulturseele.

Am Ende einer Festspielsaison der Ludwigsburger Schlossfestspiele, die keine war, gab es doch noch Hoffnung: Eine Woche lang, dieses Risiko ging Festspielleiter Jochen Sandig ein, gab es unter dem Motto „Al fine da capo“ Konzerte unter Corona-Bedingungen: Maximal 100 Besucher durften vom 19. bis 26. Juni kostenlos in den Schlosshof, um die aus aktuellem Anlass ins Programm genommene Performance aus dem Jahr 2015, „I can’t breathe“, zu sehen. Schon damals hatte ein Schwarzer, Eric Garner, die Worte „I can’t breathe“ gegenüber Polizisten gerufen, trotzdem starb der Asthmatiker in Polizeigewalt. Nun wurde es nicht nur eine Hommage an Garner, sondern auch an den kürzlich getöteten George Floyd.

Und auch zu den Veranstaltungen im Ordenssaal des Schlosses durften maximal 100 Personen, um die Abstandsregeln zu wahren. Auch unter erschwerten Bedingungen: Die paar wenigen Konzerte der Schlossfestspiele machten Hoffnung. Hoffnung auf mehr Kultur und den Willen, diese zu verteidigen. „Mit diesen Veranstaltungen wollen wir ein Zeichen setzen, ein Signal, dass Kultur und ihre Live-Erlebnisse das Wasser sind, das man in einer Wüste braucht“, sagte Intendant Jochen Sandig.

Und Hoffnung machten die Konzerte auch auf die Saison 2021, sollte sie faktisch die erste vollständige sein, die Jochen Sandig als Leiter der Schlossfestspiele präsentiert. Man sah dem gebürtigen Esslinger die Freude über diese paar Konzerte an, aber auch die Enttäuschung über die verpatzte Saison, die Corona-bedingt ins Wasser gefallen war.

Doch diese neun Konzerte, klein aber fein, waren Balsam für die Seele der Besucher, die so lange auf Kultur verzichten mussten. „Natürlich ist es schade, dass nur so wenige Konzerte stattfinden, und auch nur so wenige Besucher kommen konnten, aber wir genießen das noch mehr als sonst“, sagte ein Paar aus Ludwigsburg beim Konzert  des Oberon-Trios und des Sängers Christoph Prégardien. „Dieses Live-Erlebnis ist doch einmalig. Ich habe viele der Konzerte online im Live-Stream gesehen, das ist nicht dasselbe, Kultur muss live sein“, so ein Student an der Pädagogischen Hochschule, der eigens aus Tuttlingen angereist war.

Sandig machte aber auch noch einmal klar, warum gerade die Veranstaltungen der Schlossfestspiele wichtig seien: „Wir setzen auch gesellschaftliche Statements, wie mit der Performance I can’t breathe oder mit dem Programm zu Beethovens „Eurovisionen“, wie ich sie nenne“, sagte der Intendant.

Tänzer Edivaldo Ernesto zeigte eindrücklich die Empfindungen, Ängste, die Atemlosigkeit, die Hoffnungslosigkeit, die farbige Menschen fühlen. Marco Blaauw begleitete und unterstützte seinen Tanz mit den Trompetentönen der Komposition von Haas. Es war mucksmäuschenstill im riesigen Schlosshof, als die berührende Performance begann, die den Betrachter fast atemlos machte, so sehr war die Bedrängnis zu spüren, die Ernesto in Bewegung packte. Jede ruckartige Bewegung war eine Bedrohung, eine Abwehrhaltung, ein Schrei nach Hilfe. Ohne Worte zeigt diese perfomance mehr als jeder Schlachtruf.

Dann ging es am Samstagabend in den Ordensssaal, das Schmuckstück des Schlosses. Ein Liederabend war das Pendant zum Aufschrei der „I can’t breathe“- Performance. Volksliedbearbeitungen von Ludwig van Beethoven standen auf dem Programm des Oberon Trios mit Henja Semmler (Violine), Antoaneta Emanuilova (Violoncello) und Jonathan Aner (Klavier).

Tenor Christoph Prégardien führte mit seiner unvergesslichen Stimme durch die Welt der volkstümlichen Melodien und zeigte damit Beethovens Liebe zu der Vielfalt Europas. In Deutschland und  Ländern wie Italien, Schottland, Wales Ukraine, Irland oder Russland sind die Weisen meist schon zu Evergreens und Gassenhauern geworden und verbinden durch die musikalische Kraft des Komponisten die Länder miteinander. Also war auch dieser Liederabend ein Statement: Eine Zustimmung zum vereinten Europa.

Kurzum: Diese kleinen Konzerte wiesen einerseits vielversprechend auf künftige Festspielzeiten, andererseits taten sie nach langer Zeit der Entbehrung einfach nur gut.

 
 
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