Wie schon im vergangenen Jahr beginnt die Saison der Ludwigsburger Schlossfestspiele mit einem „Prélude“. Mit dem Fahrrad geht es am Sonntag, 7. Juni, von Alt-Hoheneck über Marbach und Benningen bis zur Amanduskirche nach Freiberg. „Festspiele am Neckar“ nennt Intendant Lucas Reuter dieses Vorspiel, bei dem es an den einzelnen Stationen viel Musik gibt. Am Freitag, 12. Juni, folgt dann ein Klavierkonzert mit Vsevolod Zavidov und am Samstag, 13. Juni, wird im Schlosstheater das musikalische Drama „Orlando“ aufgeführt. Die Festspiel-Eröffnung findet dann erst am Sonntag, 14. Juni statt. Aufgeführt wird die Oper „Nabucco“ von Verdi im Forum. Die BZ sprach mit Intendant Lucas Reuter über seine Konzeption der diesjährigen Saison.
Ludwigsburger Schlossfestspiele „Traditionen dürfen nicht starr sein“
Die Eröffnung der Schlossfestspiele steht erst am vierten Spieltag an. Intendant Lucas Reuter erklärt, warum Erneuerung sowohl als Kontinuität wichtig sind.
Sie fragen in Ihrem Vorwort zur Saison, „Was sollen Festspiele sein“ und erklären, dass es eine Zeit sein soll, in der Routinen verblassen sollen. Können Sie das erläutern?
Lucas Reuter: Festspiele sollen eine besondere Zeit sein, in der Routinen bewusst zurücktreten. Es geht darum, den Blick zu öffnen für neue Perspektiven, künstlerische Risiken und ungewohnte Begegnungen zwischen Werken, Künstlerinnen und Künstlern sowie dem Publikum. In dieser Verdichtung entsteht ein Raum, in dem Kunst intensiver erlebt und anders wahrgenommen werden kann als im regulären Saisonbetrieb. So werden die Festspiele zu einer Zeit, in der sich Gewohnheiten lösen und neue Erfahrungen möglich werden.
Warum haben Sie sich für den neuen Termin der Eröffnung der Schlossfestspiele entschieden?
Wir starten in den Festspielsommer 2026 mit einem Eröffnungswochenende, bei dem die drei zentralen Bühnen der Ludwigsburger Schlossfestspiele im Mittelpunkt stehen und bespielt werden: der Ordenssaal, das Schlosstheater und das Forum am Schlosspark. Mit dem Klavierabend von Vsevolod Zavidov, Händels „Orlando“ mit Les Musiciens du Louvre sowie „Nabucco“ von Verdi mit Luca Salsi in der Titelrolle formiert sich eine ausdrucksstarke Trias zum Festspielauftakt. „Nabucco“ ist im europäischen Kontext ein großes Freiheitsstück. Zugleich besitzt das Werk in der Ludwigsburger Festspielgeschichte eine besondere Tradition: Wolfgang Gönnenwein lag die Oper sehr am Herzen. Er dirigierte sie bei den Schlossfestspielen mehrfach, unter anderem auch bei seinem Abschied im Jahr 2004.
Warum gibt es keine Eröffnungsrede mehr?
„Nabucco“ ist im Grunde genommen bereits eine große, kraftvolle und musikalisch-rhetorische Rede. Traditionen dürfen nicht starr sein. Überraschung und Erneuerung sind für ein Festival ebenso wichtig wie Kontinuität. Ich möchte aber gar nicht ausschließen, dass es irgendwann wieder eine Rede geben wird – zur Eröffnung oder an einer anderen Stelle im Festival.
Haben Festspiele nicht auch die Aufgabe, wenn nicht Pflicht, sich mit gesellschaftlichen Fragen und Problemen auseinanderzusetzen?
Festspiele und Theater sind in ihrem künstlerischen Wirken frei, es gibt keine Pflichten in diesem Sinne. Ich denke jedoch, dass sich gute Kunst immer mit der Lebenswirklichkeit der Menschen und mit der Gegenwart auseinandersetzt.
Sie stellen vor allem das Haus Europa in den Fokus, als kulturellen Geist, in welchen Veranstaltungen?
Das „Haus“ beziehungsweise die „Familie Europa“ zieht sich als Leitgedanke im Grunde genommen durch alle Produktionen der Festspielzeit 2026 – in ganz unterschiedlichen Facetten.
Ein zweiter Schwerpunkt ist der Musikernachwuchs. Welche Veranstaltung ist hier für Sie vor allem wichtig?
Mir ist es wichtig, junge internationale Musikerinnen und Musiker in die Ludwigsburger Schlossfestspiele zu integrieren. Besonders deutlich wird das in unserer Reihe mit den Preisträgern und Preisträgerinnen des ARD-Musikwettbewerbs und natürlich beim Festspiel-Finale mit dem European Union Youth Orchestra.
Einer der jungen Nachwuchsmusiker, Robin Paillet, tritt in der Kelter in Bietigheim-Bissingen auf. Warum wurde gerade er für Bietigheim gewählt?
„Nachwuchsmusiker“ ist hier sicher untertrieben: Robin Paillet zählt zu den besten jungen Trompetern weltweit. Und das Publikum in der Alten Kelter in Bietigheim-Bissingen darf sich auf einen außergewöhnlichen Konzertabend mit ihm freuen.
Statt dem Monrepos-Open-Air gibt es nun die Parkmusik in drei Teilen.
Das Feuerwerksverbot war Anlass, das Monrepos-Open-Air neu zu erfinden. Das Ergebnis sind nun sogar drei Monrepos-Open-Airs mit drei hochkarätigen Orchesterkonzerten – unter anderem mit Starpianist Kit Armstrong.
Die Harmonika-Gemeinschaft Ludwigsburg gestaltet einen Teil der Parkmusik. Wie passt das zum Festspielcharakter?
Die Einbindung der Harmonika-Gemeinschaft Ludwigsburg passt ausgezeichnet zum Charakter der Schlossfestspiele, weil Partizipation dabei eine zentrale Rolle spielt. Diverse Ensembles aus Stadt und Region sind bewusst Teil des Festivals und prägen es mit. Dadurch entsteht ein Dialog zwischen internationalem Spitzenniveau und lokaler musikalischer Praxis. So gewinnt das Festival an Offenheit, Vielfalt und Nähe zur Stadtgesellschaft.
Was ist der Gedanke hinter den Festspielnächten?
Mit den Festspiel-Nächten im Innenhof der Karlskaserne eröffnen wir ein komplett neues Format und tauchen an zwei Abenden in die vielfältige Welt von Weltmusik, Jazz, Pop und Performance ein – mit Künstlerinnen und Künstlern von Südkorea über Amsterdam, Venedig und Lissabon bis nach Rio de Janeiro.
Warum gibt es die kostenlosen Konzerte auf dem Marktplatz nicht mehr?
Auf dem Marktplatz gibt es in diesem Jahr eine spektakuläre, kostenfrei zugängliche Produktion zum 300-jährigen Bestehen der Stadtkirche Ludwigsburg. Die venezianische Tanzkompanie Il Posto – Danza Verticale wird an zwei Abenden die Fassaden der Kirchtürme sozusagen „betanzen“. Darüber hinaus gibt es insgesamt fünf Konzerte der Reihe „Musik im Park“ bei Schloss Favorite und dem Seeschloss Monrepos – allesamt kostenlos zugänglich.
Wie ist momentan der Stand des Kartenverkaufs?
Wir erleben aktuell eine große Resonanz auf den Festspielsommer 2026. Für das Eröffnungs-Wochenende gibt es nur noch wenige Restkarten, einige Vorstellungen sind bereits seit einiger Zeit ausverkauft. Insgesamt zeigen wir jedoch auch 90 Veranstaltungen – eine so große Zahl wie lange nicht zuvor.
Das Schlosstheater tritt mehr in den Fokus?
Das Schlosstheater ist ein europaweit einzigartiger Bühnenraum mit einer ganz besonderen Atmosphäre. Ludwigsburg ist seit dem 18. Jahrhundert eine Theaterstadt. Die insgesamt 15 Opernvorstellungen im Schlosstheater bilden eine Säule unserer Programmatik.
Wo gehen Sie neue Wege?
Mit jeder Produktion gehen wir neue Wege. Jede Vorstellung ist ein künstlerisches Wagnis, Abend für Abend ein Abenteuer, das – wenn es gelingt – zu einem ungeheuren Erlebnis für Publikum und Künstlerinnen und Künstler gleichermaßen führt.
Welche Eigenproduktionen gibt es?
Wir zeigen eine ganze Reihe internationaler Koproduktionen und deutscher Erstaufführungen, die in Zusammenarbeit mit herausragenden Ensembles aus Madrid, Monte Carlo und Paris entstehen. Eine Besonderheit ist sicher auch unsere beginnende Zusammenarbeit mit der Opera Royal de Versailles sowie die Eigenproduktion von Jommellis „Didone abbandonata“ mit dem Freiburger Barockorchester.
Das Forum und seine Sanierung sind derzeit ein großes Thema. Welche Alternativen haben Sie während der Sanierung?
Das Forum am Schlosspark ist als Festspielhaus die größte und vielseitigste Spielstätte der Schlossfestspiele und ermöglicht es ihnen, künstlerisch auf europäischem Spitzenniveau zu agieren. Für die Sanierungszeit gibt es zunächst einmal keine adäquaten Alternativen. Da die Schlossfestspiele im Sommer stattfinden, bieten sich jedoch diverse Open-Air-Möglichkeiten an, die zwar anders sein werden als im Forum, aber nicht weniger spannend.
