Nach einem atemberaubenden Saint-Saëns und einem Beethoven, der bis an die Schmerzgrenze ging, durfte man gespannt sein, wie sechs so eigenständige Künstlerpersönlichkeiten im abschließenden Chausson-Konzert zu einer gemeinsamen Sprache finden würden. Genau darin lag die Dramaturgie dieses außergewöhnlichen Kammermusikabends im gut besuchten Ordenssaal des Residenzschlosses – und zugleich seine große Stärke.
Ludwigsburger Schlossfestspiele Virtuosität ohne Eitelkeit
Lisa Batiashvili, Nino Gvetadze und das Schumann Quartett finden bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen zu einer gemeinsamen Sprache.
Camille Saint-Saëns’ erste Violinsonate zählt zu jenen Werken, die ihren Interpreten kaum einen Augenblick Erholung gönnen. Bei ihrer Entstehung galt sie bei vielen Geigern als unspielbar. Lisa Batiashvili ließ davon nichts spüren. Sie schien mit ihrer Guarneri del Gesù aus dem Jahr 1739 geradezu verwachsen und entlockte ihr eine Fülle unterschiedlichster Klangfarben. Bemerkenswert war vor allem ihre Risikobereitschaft. Im Finale wählte sie ein Tempo hart an der Grenze des technisch Machbaren. Dennoch blieb jede Phrase geformt, jeder Ton behielt seine Ausdruckskraft.
Im Dienst des Musizierens
Hier demonstrierte niemand Virtuosität um ihrer selbst willen; sie entstand ganz aus der Musik heraus. An ihrer Seite erwies sich Nino Gvetadze als kongeniale Partnerin. Die georgische Pianistin verfügt über eine brillante Technik, stellte sie jedoch jederzeit in den Dienst des gemeinsamen Musizierens. Man spürte, dass beide Künstlerinnen seit Jahren zusammen auftreten. Sie reagierten aufeinander mit einer Selbstverständlichkeit, als entstünde die Musik tatsächlich erst in diesem Augenblick.
Ganz andere Anforderungen stellt Beethovens elftes Streichquartett f-Moll op. 95. Das Schumann Quartett glättete diese zerrissene, kühn gebaute Musik nicht. Es ließ Brüche, Schärfen und innere Unruhe bewusst stehen und nahm ihr damit nichts von ihrer Radikalität. Gerade dadurch gewann die Interpretation ihre ungeheure Spannung.
Beeindruckend war auch die nonverbale Kommunikation innerhalb des Ensembles. Oft genügte ein kurzer Blick oder eine kaum wahrnehmbare Bewegung, um gemeinsam zu atmen oder den Charakter einer Phrase zu verändern. Gleichzeitig arbeiteten Erik, Ken und Mark Schumann sowie Bratschist Matthew McDowell den harmonischen Reichtum der Partitur mit großer Klarheit heraus. Ein Beethoven, kompromisslos, überraschend gegenwärtig und von erstaunlicher Modernität.
Höhepunkt des Abends
Nach zwei so unterschiedlichen ersten Konzerthälften könnte das abschließende Werk leicht wie ein bloßer Epilog wirken. Das Gegenteil war der Fall. Ernest Chaussons Konzert für Violine, Klavier und Streichquartett bildete den eigentlichen Höhepunkt des Abends. In Wahrheit begegneten sich hier nicht sechs gleichberechtigte Solisten. Vielmehr glich das Werk einem Violinkonzert, das nicht mit einem Orchester, sondern mit Klavier und Streichquartett in einen ebenso feinsinnigen wie intensiven Dialog trat. Gerade dieses kammermusikalische Miteinander gelang den sechs Interpreten auf beglückende Weise. Klanglich fanden Violine, Klavier und Quartett zu einer beeindruckenden Balance. Den poetischen Mittelpunkt bildete die berühmte „Sicilienne“, in der die Seele der französischen Romantik aufscheint: edel im Ton, emotional, aber niemals sentimental, voller Eleganz und Poesie. Umso leidenschaftlicher entlud sich das Finale, das alle sechs Musiker mit mitreißender Energie gestalteten.
Auf eine Zugabe verzichteten sie angesichts der Hitze im Ordenssaal. Der lange Beifall zeigte jedoch, dass diesem Abend nichts mehr hinzuzufügen ist. Seine größte Qualität lag nicht in der demonstrierten Weltklasse der Mitwirkenden. Sie lag darin, dass sechs Musiker jede Eitelkeit hinter der Musik verschwinden ließen.
