Als die Herzoge Eberhard Ludwig und Carl Eugen im 18. Jahrhundert das Theater im Ludwigsburger Residenzschloss errichten ließen, galt ihr Interesse vermutlich ausschließlich dem Luxus, sich Genüssen der Kunst hinzugeben. Kurze Fluchtwege gehörten damals noch nicht zum Anforderungsprofil von Kulturstätten. Und auch ein Belüftungssystem hätte den beiden sicherlich gefallen, Annehmlichkeiten wie eine Klimaanlage wurden aber erst rund 150 Jahre später überhaupt erfunden.
Ludwigsburger Schlossfestspiele Von Händel, Fächern und Feueralarm
Das Schlosstheater war am Freitagabend im Rahmen der Schlossfestspiele Schauplatz eines denkwürdigen Barockkonzertes.
In Anbetracht der Temperaturen, die die 40-Grad-Marke nur knapp unterboten, hatte Festspielintendant Lucas Reuter kurz vor Beginn des Konzertes „Aminta e Fillide“, bei dem zwei als „Cantaten“ getarnte Kurz-Opern aufgeführt werden sollten, verkündet, dass der zweite und dritte Rang geschlossen und alle Besucher im ersten Rang und im Parkett Platz finden würden. Auch dort wollte kaum jemand auf das Wedeln mit Programmheft oder Fächer verzichten – der Anblick von in der Barockzeit typischer Gesten, die die Authentizität des schmucken Raumes noch erhöhte. Und auch die beiden Solisten, Sopranist Bruno de Sá, der das Programm ausgesucht hatte, und Sopranistin Emmanuelle de Negri, fächerten auf der Bühne stilecht um die Wette.
Technischer Defekt: Theater muss geräumt werden
Mit der aus der damaligen Zeit original erhaltenen Bühnentechnik zählt das Ludwigsburger Schlosstheater weltweit zur erlesenen Zahl historischer Bauten, die unter diesen Umständen heutzutage noch bespielt werden. Hitze und Technik sind allgemein hin keine gute Kombination; Jahrhunderte alte Technik und Hitze erst recht nicht. Und während das Publikum 20 Minuten nach Konzertbeginn in den Koloraturen des Brasilianers versunken schien, piepte es plötzlich eindringlich. Feueralarm.
Weil sich nach den Herzögen und ihren Baumeistern die späteren Verantwortlichen sehr wohl Gedanken um Krisenmanagement gemacht haben, traten Konzertbesucher, -ausführende und -veranstaltende unverzüglich, aber ruhig den Weg nach draußen an. Die Fluchttreppen führten direkt vom Zuschauerraum an der Schlossfassade in den Hof. Binnen Sekunden war das Theater geräumt, da bog schon die Feuerwehr ums Eck. Wein, Sekt und Wasser auf Kosten des Hauses machten das Warten angenehmer, wobei die 18 Mitglieder des Kammerorchesters Basel und das Publikum ungezwungen miteinander ins Gespräch kamen. Nach Angaben von Schlossfestspiel-Geschäftsführer Johannes Ernst konnte der technische Defekt behoben und die Technik überprüft werden. So ging es nach einer einstündigen Unterbrechung weiter im Programm. Auf Wunsch des Orchesters wurde Händels Soprankantate „Il Delirio Amoroso“ nicht fortgeführt, stattdessen folgte gleich „Aminta e Fillide“.
Weil öffentliche Opernaufführungen zu Beginn des 18. Jahrhunderts aus moralisch-religiösen Gründen verboten waren, wurden in Länge und Besetzung reduzierte Bühnenwerke als Kantate getarnt. Heutzutage wiederum sind diese zu kammermusikalisch, um an Opernhäusern aufgeführt zu werden. Das Schlosstheater war also der perfekte Ort dafür. Und die Künstler die optimale Besetzung. Auf dem stabilen wie flexiblen Fundament des Orchesters glänzten die beiden Soprane stimmlich, hauptsächlich sukzessiv in ihren Arien, sowie am Ende des Werkes: der Harmonie des Duettgesangs als Höhepunkt.
Die Zuschauer waren enorm begeistert, auch die Musiker hatten sichtlich Spaß und nahmen sämtliche vermeintliche Widrigkeiten mit Humor: Bruno de Sá hatte sein quietschgrünes Sakko längst abgelegt und sang im Feinrippunterhemd; der musikalische Leiter am Cello, Christoph Dangel, bat vor der Zugabe lächelnd um Verständnis für eine kurze „Hydration break“.
Reibungsloses Krisenmanagement
Es war ein denkwürdiger Abend mit fantastischen Musikern, einem reibungslosen Krisenmanagement der Schlossfestspiele und einem Publikum, das seine Gelassenheit bei der Evakuierung in Begeisterung beim lang anhaltenden Schlussapplaus umwandelte.
