Es ist ein gewichtiges Werk, das laut Bürgermeister Jens Hübner das „Symbol für Zusammenhalt, Lebensfreude und Heimatverbundenheit“ in den historischen Blick nimmt: den Schäfertanz. Der traditionelle Tanz ist fester Bestandteil des Markgröninger Schäferlaufs, der jährlich Ende August das wichtigste Heimatfest in der kleinen Stadt ist und als zeitlicher lokaler Anker dient – ein Volksfest mit langer Tradition, das weit über die Region hinweg bekannt ist.
Markgröningen 100 Jahre Schäfertanz in einem Buch
Kürzlich ist eine umfangreiche Jubiläumsfestschrift erschienen, die die Geschichte des städtischen Kulturgutes von 1925 bis 2025 beleuchtet.
Mitte Juni ist das Buch unter dem Titel „100 Jahre Schäfertanz 1925–2025“ erschienen. Es umfasst über 400 Seiten und enthält mehr als 1000 historische und aktuelle Fotografien. Die Festschrift dokumentiert die Entstehung und Weiterentwicklung des Schäfertanzes sowie die Menschen, die ihn von Generation zu Generation geprägt haben: Tänzerinnen und Tänzer, Vortänzer, Organisatoren und zahlreiche Ehrenamtliche.
Die ehemaligen Schäfertänzer David Zechmeister und Erwin Herrmann haben als federführende Redakteure des Buches ein volles Jahr an dem Buch gearbeitet. Ein Ausschuss an freiwilligen Autoren und Helfern haben mitrecherchiert und Beiträge verfasst. So gelte besonderer Dank auch Magdalene Weigel, die Schäfertänzerin in den 1950er-Jahren war, „die unermüdlich ihr Wissen teilte“, so Zechmeister. „Wir haben zig Leute gesucht und ausfindig gemacht, Geschichten und Fotografien gesammelt.“ 1600 Bilder haben er und Herrmann für das Buch eingescannt. Finanziert ist das Werk über Vorbestellungen und Spenden.
Erstmals eine Vortänzerin 2025
Wie viel Tradition im Schäfertanz steckt, zeigen die Bilder von 1925 bis 2025 von den jungen Frauen und Männern in Tracht auf dem Stoppelfeld und Marktplatz. Dass „gelebtes Brauchtum mit der Zeit gehen kann ohne sich selbst zu verlieren“, habe sich laut Bürgermeister Hübner im vergangenen Jahr gezeigt, als erstmals in der Geschichte mit Kathrin Späth als Vortänzerin „eine Frau an der Spitze des Reigens“ steht – gemeinsam mit Vortänzer Marc Reutter.
„Jedes Jahr das gleiche unbeschreibliche Gefühl, wenn wir als Schäfertanz in unseren festlichen Trachten winkend auf dem Marktplatz einlaufen, wenn wir uns aufstellen auf dem Stoppelfeld und die ersten Töne der Blondin Polka ertönen, wenn der Applaus am Ende über die Tribünen hallt und wir verschwitzt, aber glücklich, zurück auf den Marktplatz laufen“, schwärmte Kathrin Späth in ihrer im Buch zu lesenden Rede zum 100-jährigen Jubiläum des Schäfertanzes.
Tänze barfuß im Matsch
In der Festschrift tauchen die Betrachter ein in die Welt der komplexen Figuren des Schäfertanzes wie dem großen Stern oder den Windmühlen. Auch dem traditionellen Hahnentanz als lustiger Teil des Schäfertanzes ist ein Kapitel gewidmet, und immer wieder im Buch gibt es Bilder zu entdecken. Auftritte der Gruppen in zahlreichen Ländern wie Frankreich, Schweden und den USA, Tänze im Starkregen und barfuß im Matsch zeugen von der lebendigen Geschichte der Schäfertänzergemeinschaft.
Kleine Anekdoten und Zeitungsausschnitte sorgen für eine abwechslungsreiche Lektüre. Das Festgedicht der Markgröninger Schriftstellerin Claire Beyer bringt die Geschichte und die Faszination des Schäfertanzes poetisch auf den Punkt. Augenscheinlich ist, wie sehr heute wie damals die Geselligkeit und der Spaß bei den jungen Markgröningern im Vordergrund steht und stand: In den Bildern sind zahlreiche erwartungsvolle, stolze, fröhliche Gesichter der Tänzerinnen und Tänzer zu sehen. Der ein oder die andere dürfte sich selbst, die Eltern, die Großmutter oder den Urgroßvater darin wiederkennen.
600 Exemplare des Werks wurden laut Zechmeister in hochwertiger Qualität gedruckt und der Absatz sei bisher gut. Das Buch ist für 50 Euro in der Buchhandlung am Markt in Markgröningen erhältlich.
Eine besondere Ehre für die Schäferzünfte
Die Geschichte der Schäfertänze in Markgröningen reichen weit mehr als 500 Jahre zurück. Die älteste bekannte Nennung eines Markgröninger Schäfertanzes reicht laut der Festschrift auf einen Eintrag des Historikers Jakob Frischlin aus dem Jahr 1593 zurück.
Darin schreibt er von einem alten Brauch der Stadt Gröningen, bei dem auf einem Jahrmarkt Schäfer zusammenkommen, Töchter und junge Gesellen, und einen Tanz halten. Der Berufsstand war im Mittelalter wenig geachtet. Für die Schäferzünfte war der von ihrem Landesherren zugesprochene Tanz ein Privileg. Die Tradition des Tanzes wurde im Jahr 1925 in ihrer heutigen Form neu belebt. bfi
