Tränen fließen nicht bei Sigrid Schütz an diesem Vormittag, dennoch werden ihre Augen immer wieder feucht. Schließlich endet am heutigen Mittwoch mit dem Aus des Dorfmarkts eine 134-jährige Geschichte der Nahversorgung im Markgröninger Teilort Unterriexingen. „Eigentlich wollte ich noch zwei Jahre dranhängen“, sagt die 68-Jährige, „aber dann hat Herr Sieber mir ein Angebot über die Fortführung des Ladens mit einem anderen Konzept gemacht, welches ich interessant fand.“
Markgröningen Abschied von einer Institution
Nach 134 Jahren endet heute die Geschichte des Dorfmarkts Schütz in Unterriexingen.
Noch sind die Regale gut gefüllt, auch wenn hier und da eine Lücke klafft. Gerade sortiert Sigrid Schütz Obst ein, Äpfel vom Talhof in Erligheim und Bananen aus Equador. Auch Stammkunde Siegfried Scholz ist da. „Do, Siggi, I hab wiedr dei ,Royal Gala’ kriegt, nemm se noh glei“. Man kennt sich im Lädle, man schätzt sich. Man freut sich und leidet miteinander, wenn es mal nicht so eben läuft.
Sigrid Schütz, die den Laden vor 28 Jahren von ihrer Mutter übernommen hat, war wichtig, dass zwischen Regalen und Kühltheken auch immer Platz für Kommunikation war, davon zeugen die beiden „Erzählbänkle“, die mitten im Laden stehen. Gerade kommt eine Kundin vorbei, deren Mann kürzlich verstorben ist. Die beiden Frauen umarmen sich, Schütz tröstet die Frau mit empathischen Worten. Diese bedankt sich unter Tränen: „Komm doch nächste Woche auch zur Trauerfeier in die Moschee.“ Eine andere Kundin fragt nach Bratensaft: „Do hanna isch er, Frau Kuhnle“.
Der Dorfladen Schütz war eine Institution im Dorf und hat vier Generationen heranwachsen sehen. 1892 gegründet, war er zunächst lange Jahre ein ein Gemischtwarengeschäft, in dem es neben Lebensmitteln auch Essig aus Fässern gab und Mehl aus großen Säcken geschaufelt wurde.
Doch das Angebot wuchs immer weiter, selbst Textilien gab es, Kurzwaren und Schreibwaren. Immer wieder wurde die Ladenfläche erweitert, das Haus mit dem nebenstehenden alten Rathaus vereint und letztmalig 1985 umgebaut auf die heutige Größe von 250 Quadratmeter Fläche. 1998, Mutter Maria ging es gesundheitlich nicht gut, wollte Schütz für den Übergang den Laden übernehmen, bis dann ihre Schwester Karin dazustoßen sollte. Schließlich war diese ausgebildete Einzelhandelskauffrau und sie selbst branchenfremd Webmeisterin. Doch ihre Schwester entschied sich kurzerhand für die Familie, sodass Sigrid Schütz, damals 40-Jährig, dann doch in den Lebensmittelhandel einstieg, unterstützt von ihrer Mutter, die lange noch hochbetagt mit 90 Jahren im Lädle mithalf.
„Ich habe die ganzen Jahre viel Freude an meiner Arbeit gehabt, meine Kunden sind mir ans Herz gewachsen“, sagt sie und räumt – wahrscheinlich zum letzten Mal – Zahncremetuben ein, denn eine kleine Auswahl von Kosmetika gehört ebenfalls zum Sortiment. „Ich habe immer darauf geachtet, dass wir eine möglichst breite Produktpalette anbieten, auch Kurz- und Schreibwaren gehören dazu, ebenso wie Backwaren vom Bäcker Fessler aus Vaihingen.“
Regionalität war ihr wichtig
Überhaupt war es ihr immer wichtig, neben den gängigen Artikeln auch vor allem regionale Dinge anzubieten – gerade wie die Backwaren, das Obst, aber auch Gemüse, Honig, Wein und Mehl aus der unmittelbaren Umgebung. Es gab auch Dinge, die die Kunden nachfragten, die nicht fest im Sortiment waren. „Wenn es ging, habe ich das dann immer extra bestellt, das gehörte für mich wie selbstverständlich zu einem guten Service dazu.“
Ebenso wie der Hol- und Bringdienst für betagte oder in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkte Unterriexinger, den sie übrigens beibehalten möchte, wenn die Ladentüre heute zum letzten Mal öffnet. Schütz hätte noch gerne zwei Jahre drangehängt, um dann mit 70 endlich mehr Zeit für ihren Ehemann zu haben, „mein Arbeitstag ging meist von 7 in der Früh bis abends gegen 22 Uhr“.
Doch dann wurde Sven Sieber von Edeka Hoffmann & Sieber auf den Dorfmarkt aufmerksam und schlug ihr vor, aus diesem einen 24/7-Laden mit Selbstbedienung rund um die Uhr zu machen. Allerdings wird sich die Fläche um 100 auf dann noch 150 Quadratmeter verringern, so wollen es die rechtlichen Vorgaben für diesen Ladentypus, der sich am Stuttgarter Flughafen schon bewährt hat.
Nach dem Umbau soll dann die Nahversorgung im Herzen der Gemeinde am 18. November neu durchstarten. Personal wird es hier weiterhin geben, zumindest vormittags, und so werden mit Maria Montalbano und Karin Rosswog auch künftig zwei der treuen „Schütz-Seelen“ die Regale auffüllen. Lediglich Sigrid Schütz wird es langsamer angehen lassen und immer, so hat sie es zumindest vor, mittwochs zum Einkaufen vorbeischauen und auch den Hol- und Bringservice weiterhin ehrenamtlich anbieten.
