Der Sitzungssaal war bei der Gemeinderatssitzung am vergangenen Dienstag bis zum Anschlag voll. Zahlreiche Besucher kamen, inklusive Demonstrationsschild mit der Aufschrift: „Wo sollen unsere Kinder zukünftig schwimmen lernen?“ Grund war die Schließung des Stadtbads, die als Tagesordnungspunkt aufgeführt war. In der Einwohnerfragestunde überschlugen sich die offenen Fragen: Wo soll die Schwimmabteilung des Turnvereins trainieren? Was ist mit den Schwimmstunden im Lehrplan, mit Fördermitteln, einem interkommunalen oder teilprivaten Schwimmbad? Warum fährt man nicht weiter „auf Sicht“ und nutzt das Stadtbad, solange es noch geht?
Markgröningen Stadtbad wird vorerst nicht geschlossen
Die Stadträte waren sich uneinig, die Gemüter der Bürger erhitzt.
Doch von Anfang an: Warum soll das Stadtbad geschlossen werden? Diese Frage beantwortete Volker Heiden vom technischen Service der Stadtverwaltung. Ein Statikbüro erstellt bereits seit vielen Jahren regelmäßig Gutachten zur Statik und zum Zustand des Stadtbads. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt: Bereits 2008 wurde die Stahlbetondecke über dem Becken untersucht. Hier wurde festgestellt, dass das Wasser mit dem Beton reagiert hat, wodurch der Stahlbeton aufgeplatzt ist. Durch „unplanmäßige Beaufschlagung mit Wasser“, wie es fachlich heißt, entstanden hier schon Schäden.
Zustand weiter verschlechtert
2016 fand dann die erste Überprüfung der Statik statt. Das Ergebnis lautete, dass das Stadtbad zwar nicht einsturzgefährdet, aber auch nicht mehr standsicher ist. In den Jahren 2017, 2023 und zuletzt 2026 fanden weitere Begehungen statt, bei denen fortlaufend Zustandsverschlechterungen festgestellt wurden. Der Schaden habe sich vom Beckenbereich, der ursprünglich betroffen war, mittlerweile auf die Konstruktion des Gebäudes ausgeweitet, berichtete Heiden. Insgesamt wurden 140 Schadpunkte dokumentiert, darunter abgeplatztes Material, Aussetzungen und Korrosionen.
Der Rost könne an manchen Stellen mit der Hand abgeblättert werden, „da hält nichts mehr“, sagte Heiden, während er die Fotografien diverser betroffener Stellen durchging. Das Becken selbst ist undicht, aber auch von außen dringt Wasser durch die Wände in den Beckenumlauf ein – genau dorthin, wo sich die Technik befindet. Durch Abplatzungen an Wänden können diese dem Druck nicht mehr standhalten, um die Tragfähigkeit wieder herzustellen, wäre eine komplette Sanierung nötig. Statiker hätten zuletzt angeraten, dringend zu sanieren, ansonsten könne man keine Sicherheit mehr gewährleisten.
Für eine solche Sanierung betragen die grob geschätzten Kosten 300.000 bis 400.000 Euro, das Stadtbad müsste dafür ein Jahr lang geschlossen werden. Dazu komme, ergänzte Heiden, noch die Badewassertechnik. Sie sei teilweise so alt wie das Gebäude selbst, wie lang sie noch funktioniert, sei unklar.
Bürgermeister Jens Hübner ergänzte, dass es sich dabei nur um ein Flicken handeln würde, was nicht bedeute, dass man ein langfristig funktionierendes Stadtbad hätte. Von einer Generalsanierung sei man damit noch weit entfernt. Problematisch sei, so Hübner weiter, auch die rechtliche Situation: Wenn bei dieser bekannten Sachlage nun jemand im Stadtbad zu Schaden kommen würde, könne das für die haftende Stadt als „wissentlich in Kauf genommen“ gelten. Er verwies außerdem auf tragische Fälle in der Vergangenheit, in denen Personen in Bädern zu Schaden kamen. Dabei handelte es sich um ähnliche Fälle: Es gab Korrosionen und Feuchtigkeit, die Sanierung wurde verschoben, trotz Warnungen wurde der Betrieb aufrechterhalten. Auch im Stadtbad Markgröningen war der Sanierungsbedarf schon länger bekannt, aber wie heute galt auch damals: „Es war kein Geld da.“
Stadtbad gehört dazu
Nun legte die Stadt den Beschluss vor, das Stadtbad in den kommenden Sommerferien zu schließen. Bei den umliegenden Kommunen habe man auf der Suche nach einer gemeinsamen Lösung schon nachgefragt, aber allen fehle das Geld. Hübner wollte in dieser Hinsicht nicht zu viel Hoffnung machen. „Es ist für mich unstrittig, dass das Stadtbad zu Markgröningen dazu gehört“, sagte er. Aber selbst, wenn das Geld da wäre, könne er es nicht guten Gewissens in das Stadtbad stecken, sondern würde es lieber für ein neues Bad verwenden.
Matthias Reutter (Freie Wähler) sagte, dass eine Nutzung mit Sanierung durchaus möglich sei und die dafür nötigen Mittel an anderer Stelle eingespart werden müssten. Ein Neubau, auch gemeinsam mit anderen Kommunen, sei ein Wunschtraum. Seine Fraktion werde deshalb ablehnen.
Erich Hutflus (CDU) sprach von der Angst, dass jemand im Becken schwimme, sich ein Brocken aus der Decke löse und denjenigen treffe. Pedro Torres Fernandes (SPD) sagte, die Frage sei nicht, ob das Stadtbad wichtig sei, sondern, ob man eine Nutzung verantworten könne, und die Antwort darauf sei nein. Das Sanierungsgeld sei in einem neuen Standort besser aufgehoben. Er wolle in den Beschluss mitaufnehmen, dass sich die Stadt auf eine interkommunale Lösung fokussieren solle.
Dietmar Lust (GAL) sagte, man stehe vor einem Scherbenhaufen, aber „auf Sicht zu fahren“ sei gefährlich, denn wenn das Bad dann mitten im Schuljahr ausfalle, habe man ein Problem. Joachim Blank (FDP) bemängelte, dass man sich 19 Jahre lang den schlechten Zustand angeschaut und nichts getan habe, sodass man jetzt keinen Plan B habe: „Wir haben zu wenig getan.“ Reno Geisler (AfD) schloss sich Blank an.
Die Freien Wähler, die FDP und die AfD stimmten gegen eine Schließung, die CDU, SPD und GAL dafür. Mit zehn Stimmen dafür und zehn dagegen wurde der Beschluss wegen Stimmengleichheit abgelehnt. Lisa Lorenz
