Mehr Anfragen bei der Schuldnerberatung in Ludwigsburg Wenn Schulden krank machen

Von Claudia Mocek
Bei der Beratung fragt Daniela Saramat nach Einnahmen und Ausgaben und erstellt bei Bedarf einen Haushaltsplan mit den Klienten.⇥ Foto: Oliver Bürkle

Die BZ hat mit Geschäftsführerin Daniela Saramat von der Sozialberatung über die Beratung von Schuldnern gesprochen. Viele kommen erst spät, um sich Unterstützung zu holen.

Daniela Saramat ist seit März dieses Jahres neue Geschäftsführerin der Sozialberatung Ludwigsburg e.V. Der Verein bietet unter anderem Schuldnerberatung für den Landkreis Ludwigsburg an. Die BZ hat mit ihr über Schulden, Haushaltspläne und anonyme Beratungen gesprochen.

Wer kommt zu Ihnen?

Daniela Saramat: Viele unserer Klientinnen und Klienten leben am Existenzminimum, bekommen Arbeitslosengeld II oder haben eine geringe Rente und mussten schon immer rechnen. Es kommen aber etwa genauso viele Arbeitnehmer aus der Mittelschicht, die zum Beispiel mehrere Kleinkredite laufen haben und jetzt anfangen müssen bescheidener zu leben, weil alles teurer wird.

Haben Sie mehr Zulauf als vor der Pandemie?

Ja, allerdings warten wir auf einen noch größeren Zulauf. Wir rechnen mit vielen Menschen, die über Monate in Kurzarbeit gearbeitet haben, ihre Lohnsteuererklärung für 2020 und 2021 machen müssen und nicht beachtet haben, dass das Kurzarbeitergeld mit einem Mischsteuersatz nachträglich versteuert werden muss, der für die Betroffenen eher unvorteilhaft ist. Dadurch werden oft hohe Nachzahlungen fällig. Viele haben in der Pandemie sowieso weniger Geld zur Verfügung gehabt und knapp kalkuliert. Die Rückforderungen des Finanzamts werden sie nun in Bedrängnis bringen.

Was können Sie für diese Menschen tun?

Im Steuerrecht ist keine Ratenzahlung vorgesehen. Aber das Finanzamt weiß auch, dass es für viele unmöglich sein wird, die Forderung in einem Betrag zu begleichen. Wir versuchen daher mit den Finanzämtern eine Ratenzahlung zu vereinbaren, die die Betroffenen auch leisten können. Das Finanzamt legt in diesen Fällen meist auch eine quartalsweise Vorauszahlung für das nächste Jahr fest, um solche Rückforderungen künftig zu vermeiden.

Müssen Menschen, die zu Ihnen in die Beratung kommen, sich für ihre Schulden rechtfertigen?

Nein, auf keinen Fall. Uns ist wichtig, dass sich unsere Klientinnen und Klienten von uns angenommen fühlen – egal, was in der Vergangenheit passiert ist und warum Schulden entstanden sind. Jede Person hat eine eigene Geschichte, die sie mitbringt. Wir werten hier nicht, warum jemand in finanzielle Bedrängnis geraten ist. Wir sind froh, wenn die Menschen kommen und wir sie unterstützen können. Je früher sie kommen, desto aussichtsreicher ist der Versuch einer außergerichtlichen Schuldenregulierung. Denn Schulden machen krank. Sie belasten Körper und Psyche, Familien und Beziehungen.

Wie wirkt sich vor dem Hintergrund der Pandemie die steigende Inflation auf Ihre Klienten aus?

Zu uns kommen viele, weil sie jetzt Stromnachzahlungen erhalten, die sie jedoch nicht leisten können. Für viele wird es immer schwieriger, die notwendigen Fixkosten etwa Miete, Energie und Strom zu leisten und gleichzeitig noch unbeschwert Lebensmittel einkaufen zu können und den bisherigen Lebensstandard beizubehalten.

Wird der geplante Heizkostenzuschuss Abhilfe schaffen?

Nein, weil diesen Zuschuss nur Empfängerinnen und Empfänger von Wohngeld und Bafög erhalten sollen. Ein Arbeitnehmer, der gerade so über die Runden kommt, wird ihn nicht bekommen. Für diese Personengruppe wird es hart werden.

Wie viele Schuldnerberater arbeiten bei Ihnen?

Wir haben drei Vollzeitstellen, die sich auf fünf Mitarbeitende aufteilen. Die Schuldnerberatung bei uns wird zu 90 Prozent vom Landratsamt finanziert. Zehn Prozent stellen wir pro Stelle aus Eigenmitteln zur Verfügung.

Und die sind gut beschäftigt?

Ja, wir haben jeden Mittwoch eine offene Sprechstunde, wegen Corona zurzeit noch mit Terminvergabe. Wir bieten vier Termine an, einmal im Monat beraten wir auch am Nachmittag, dann sind es bis zu acht Beratungstermine, die wir vergeben. Für die nächsten drei Wochen sind bereits alle Termine vergeben.

Kommen zu Ihnen jetzt auch verstärkt Selbstständige?

Ja, das wird in kleinen Schritten mehr. Die ehemals Selbstständigen, die zu uns in die Beratung kommen, sind durch die gesetzlichen Einschränkungen der Pandemie zum Opfer gefallen. Menschen, die aktuell noch selbstständig sind, dürfen wir – aufgrund von Vorgaben des Landratsamtes – allerdings nicht beraten.

Gibt es mehr Privatinsolvenzen?

Ja, auch aufgrund der Verkürzung der Laufzeit von sechs auf drei Jahre sind die Erfolgsaussichten für viele besser. Auf die leichte Schulter nimmt das aber niemand. Und für uns ist die Privatinsolvenz immer das letzte Mittel. Als Schuldnerberater versuchen wir einen Ausgleich zwischen dem Gläubiger und dem Schuldner zu erreichen. Wenn das gar nicht funktioniert, dann bleibt oft nur die Privatinsolvenz.

Bei Ihnen kann man sich online anonym beraten lassen. Nutzen das Angebot viele Menschen?

Interessanterweise nein. Wir hatten das als Projekt für drei Jahre gestartet und während der Pandemie damit gerechnet, dass wir mit anonymen Anfragen überhäuft werden. Aber dem war nicht so. Wir haben vereinzelt anonyme Anfragen, aber das sind relativ wenige im Vergleich zu den Anfragen in der Beratungsstelle.

Bedeutet das, dass die Menschen diese Anonymität nicht mehr brauchen und sich in die Beratungsstelle trauen?

Nein, ich denke, wir sehen hier nur die Spitze des Eisbergs. Ein Problem ist auch, dass die Menschen oft erst viel zu spät in die Beratungsstelle kommen. Wenn wir früher in die Beratung einsteigen könnten, würden wir so manches verhindern können. Die Menschen, die bei uns ankommen, sind oft sehr verzweifelt und schämen sich. Sie haben alles versucht und sehen in der Beratung ihre letzte Rettung.

Wann ist denn der richtige Zeitpunkt, um in die Schuldnerberatung zu gehen?

Wenn man die eine oder andere Rechnung nach hinten schiebt, mit Zahlungen zu jonglieren beginnt und darüber nachdenkt, wie man die finanziellen Ausgaben in den nächsten Monaten bezahlt bekommt. Wenn die Ausgaben also nicht mehr routinemäßig vom Konto abgebucht werden können, sondern man sich über die Zahlungen Gedanken macht – dann ist der richtige Zeitpunkt, sich Unterstützung zu holen.

Wenn ich zu Ihnen in die Beratung komme, was erwartet mich dann?

Wir fragen nach den Einnahmen und Ausgaben und den Lebenshaltungskosten wie Miete, Stromkosten und so weiter und erstellen bei Bedarf einen Haushaltsplan. Wenn Miete und Strom nicht mehr regelmäßig bezahlt werden, ist das ein Zeichen dafür, dass es in anderen finanziellen Bereichen bereits Schwierigkeiten gibt. Miete und Strom werden immer so lange wie möglich gezahlt.

Wie helfen Sie dann konkret?

Wir betrachten die Ausgaben, suchen nach Sparmöglichkeiten und prüfen, wie viel Geld die Betroffenen für die Begleichung von Schulden auf die Seite legen können. Wenn die Person arbeitet, rechnen wir den pfändbaren Betrag aus, der zur Verfügung stehen würde. Damit arbeiten wir und nutzen den Betrag zur Regulierung der Schulden. Wir kontaktieren die Gläubiger, verschaffen uns einen Überblick und erarbeiten dann einen Schuldenbereinigungsplan für unseren Klienten. Bei der Schuldnerberatung ist der ganzheitliche Ansatz wichtig, nur so können die Menschen die ausgearbeiteten Pläne über die vereinbarte Laufzeit durchhalten.

Wie reagieren die Menschen darauf?

Wir haben viele, die sehr gut mitarbeiten. Denn in dem Moment, in dem wir nicht mehr am Prozess beteiligt sind, haben sie wieder einen vollen Briefkasten mit Mahnungen und Rechnungen. Das wollen die wenigsten haben.

Vielen Dank für das Gespräch.

 
 
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