Mögliche „politisch motivierte Sachbeschädigung“ in Bietigheim Stolperstein mit Farbe beschmiert

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Angelika Schneider kümmert sich als Patin um den Stolperstein in der Pfarrstraße 6 in Bietigheim, der an Frida Ziegelmaier erinnert. Sie entdeckte die schwarze Farbe auf dem Stein und informierte Thomas Reusch-Frey von der Stolperstein-Initiative.⇥ Foto: Martin Kalb

Der Stolperstein erinnert an Euthanasie-Opfer Frida Ziegelmaier. Wegen der Sachbeschädigung ermittelt das Staatsschutz-Dezernat der Kriminalpolizei.

Am Montag ist Angelika Schneider in Richtung Bietigheimer Altstadt unterwegs. Dabei kommt sie wie so oft am Stolperstein von Frida Ziegelmaier vorbei. „Erstarrt und fassungslos bin ich davor gestanden“, beschreibt sie jedoch diesen Spaziergang. „Der Stolperstein von Frida Ziegelmaier wurde gezielt mit einer schwarzen Farbe überstrichen.“ Er lasse sich nicht mehr reinigen und Angelika Schneider weiß, wovon sie spricht, denn sie ist seit Oktober 2017 Patin für den Stein in der Pfarrstraße 6 in Bietigheim-Bissingen. „Es ist ein Anschlag auf die Erinnerung an ihre Geschichte“, sagt sie und fügt hinzu: „Ich bin entsetzt.“ Wer auch immer, was auch immer damit bezwecken wollte: Keine Farbe dieser Welt könne das Vergessen übertünchen. Auch nicht das an Frida Ziegelmaier.“

Pechschwarze Farbe

Thomas Reusch-Frey zeigt sich ebenfalls entrüstet über diese Tat. „Mit einer pechschwarzen Farbe wurde der Stein gezielt unsichtbar gemacht.“ Doch bei den Stolpersteinen geht es vor allem um Sichtbarkeit, sagt der Initiator der Initiative Stolpersteine in Bietigheim-Bissingen. Er zeigte daher die Beschädigung bei der Polizei an. Die Anzeige wurde zunächst beim Polizeirevier Bietigheim-Bissingen aufgenommen und wird beim Staatsschutz-Dezernat der Kriminalpolizeidirektion weiter bearbeitet, sagt Polizeisprecher Peter Widenhorn und fügt hinzu: „Solche Delikte werden in der Regel als politisch motivierte Sachbeschädigung behandelt, sofern damit keine verächtlichen oder verunglimpfenden Äußerungen verbunden sind. In diesem Fall kann auch der Tatbestand der Volksverhetzung erfüllt sein.“ Allerdings, so der Polizeisprecher, lasse sich derzeit noch nicht absehen, ob hier ein Tatverdächtiger ermittelt werden könne. „Sachbeschädigungen durch Farbschmierereien sind aber eher aufklärungsunfreundlich.“

Im Falle des Stolpersteins von Frida Ziegelmaier kommt erschwerend hinzu, dass sich die Tat zwischen dem 20. Februar und dem 1. März ereignet haben kann. Denn am Samstag, 20. Februar, habe Angelika Schneider den Messing-Stein zuletzt poliert. Über die Zeit setzen die Steine Patina an, die durch Polieren wieder entfernt werden kann, erklärt Reusch-Frey. „Deswegen haben wir für alle neun Steine Paten, die nach ihnen schauen und sie reinigen.“

Es werde nun versucht, mit Nitro- und Farbverdünner den Stolperstein von Ziegelmaier zu reinigen, doch die schwarze Farbe sei wie Teer oder Pech, beschreibt es der Initiator. Schon die Wochen zuvor hatte die Patin den Eindruck, es sei etwas auf den Stein geschmiert worden – doch nie in dem Ausmaß wie jetzt.

Versuch, den Stein an Umgebung anzugleichen

„Frida Ziegelmaier ist wie alle anderen Euthanasie-Opfer nirgends in Erscheinung getreten“, erklärt Thomas Reusch-Frey. Durch die Recherche von Christian Hoffmann, mit Sonja Eisele vom Stadtarchiv sowie der Initiative wurde ihr Schicksal bekannt gemacht.

Im November 2014 wurde der erste Stolperstein in der Stadt verlegt. „Es gab in der Folgezeit nur Zustimmung, Bestärkung und Unterstützung“, sagt Reusch-Frey, „diese Tat ist jetzt eine ganz andere Tonart.“ Es sei ein Versuch, mit einer Geringschätzung die Erinnerung an die Euthanasie-Opfer auszulöschen. „Mit schwarzer Farbe wird versucht, den Stein an die schwarze Umgebung anzugleichen, damit es nicht mehr auffällt, vergessen wird und keine Bedeutung hat.“ Betroffen, traurig und fassungslos sei der Pfarrer.

„Stolpersteine lassen uns bis heute über Denkweisen stolpern, von denen wir meinen, sie wären längst überholt“, sagt Schneider. Sie erinnerten uns an unsere Geschichte und an unsere Verantwortung, dass sich diese Geschichte nicht wiederholt. „Als Patin für den Stolperstein von Frida Ziegelmaier ‚stolpere’ ich beim regelmäßigen Reinigen des Steines ein ums andere Mal über ihre schreckliche Geschichte. Frida ist mir ans Herz gewachsen.“

Im vergangenen Jahr sind der Polizei keine Beschädigungen an Stolpersteinen gemeldet worden. In diesem Jahr wurde im Januar ein zerkratzter Stolperstein in Vaihingen angezeigt. Der Tatzeitraum ließ sich dort aber nicht eingrenzen und ein Tatverdächtiger wurde bislang nicht ermittelt, sagt Polizeisprecher Peter Widenhorn.

Das Leben und Sterben von Frida Ziegelmaier

Frida Ziegelmaier wurde am 6. Juni 1901 geboren. Die Tochter des Korbmachers Christian Ziegelmaier hatte als kleines Kind eine Gehirnentzündung und litt von da an unter epileptischen Anfällen und „mit der Zeit auch abnehmender Geisteskraft“, wie es im Bericht eines Bietigheimer Arztes steht. Sie besuchte sieben Jahre lang die Schule, konnte danach aber keinen Beruf ausüben.

Bis zum plötzlichen Tod ihrer Eltern am 21. März 1928 lebte sie mit der Familie im Gebäude Pfarrstraße 6 in Bietigheim. Als Waise wurde sie am 31. Juli 1928 in der Anstalt Stetten untergebracht. Eine Pflegerin der Anstalt notierte im Juli 1934: „Frida Ziegelmaier hat von Natur ein immer freundliches Wesen und ist sehr anhänglich“ und sei eine schwache Person mit einem durchsetzungsstarken Willen.

„Es gab in dieser Zeit Menschen, die das Leben von Behinderten als lebensunwert einstuften“, sagt Stolperstein-Patin Angelika Schneider. Die junge Frau lebte bis zu ihrer Deportation nach Grafeneck in der Anstalt Stetten. Sie wurde mit dem letzten Transport von Stetten am 28. November 1940 nach Winnenden gebracht, tags darauf nach Grafeneck deportiert und dort am selben Tag ermordet.

 
 
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