Es geht hauptsächlich um die Landschaft“, sagt Dr. Herbert Müller gegenüber der BZ. Der Gesellschafter der Hessigheimer Weinmanufaktur „exNicrum“ hat zusammen mit seinem Mitgesellschafter Fabian Alber-Gailing am Mittwoch einen offenen Brief verschickt, in dem er seine Konzeption erläutert, um die landschaftsprägende Steillagen am Mundelsheimer Käsberg zu erhalten.
Mundelsheim Konzertierte Aktion für den Käsberg
Die Gesellschafter der Weinmanufaktur „exNicrum“ erstellen eine Konzeption um die einzigartige, noch fast vollständig bewirtschaftete Steillage als Naturdenkmal zu erhalten.
Der Brief ging an den Ludwigsburger Landrat Dietmar Allgaier, den Hessigheimer Bürgermeister Boris Seitz, an den Präsidenten des Weinbauverbands Württemberg, Dietrich Rembold, und an Herzog Michael von Württemberg, dessen Weingut unter anderem Rebpartnerschaften am Mundelsheimer Käsberg anbietet, und an die Presse, „um diese bewusst in die öffentliche Diskussion“ einzubeziehen.
Neubewertung der öffentlichen und privaten Maßnahmen.
„Bekanntlich befindet sich der Weinbau in der Region in einer schweren Krise“, betont Müller. In Branchenkreisen gehe man davon aus, dass 50 Prozent der Rebfläche in Württemberg verschwinden werden. „Besonders dramatisch ist der Niedergang des Steillagenweinbaus am Neckar und es verdichten sich Signale, dass dieser Tsunami auch nicht vor der Paradelage des Mundelsheimer Käsberg haltmacht“, so der Geschäftsmann und Weinliebhaber, der sich dem Erhalt dieser Kulturlandschaft verschrieben hat. Diese aktuell brisante Entwicklung stelle das Landratsamt, die Gemeinde Mundelsheim, die Lauffener Weingärtner und die betroffenen privaten Weinerzeuger vor eine vollkommen neue Lage. Sie erfordere eine Neubewertung der öffentlichen und privaten Maßnahmen.
Müller beschreibt die besondere Situation in Mundelsheim: „Die Bewirtschaftung des Käsbergs ist noch fast vollständig intakt. Mundelsheim verfügt deshalb als vielleicht letzte Gemeinde im Kreis Ludwigsburg, wenn nicht in Württemberg insgesamt, über ein noch vollständig erhaltenes, historisch gewachsenes und bedeutendes kulturgeschichtliches Naturdenkmal in der Gestalt von Weinbergterrassen, die das Dorf wie ein Amphitheater umgeben.“
Bekenntnis zur Erhaltung des Käsbergs gefordert
Es sei deshalb an der Zeit zu klären, ob es im öffentlichen Interesse liege, diese noch intakte Kulturlandschaft zu erhalten. Wenn dies der politische Wille sein sollte, bestehe akuter Handlungsbedarf. Diese Aufgabe kann durch einen Verein mit ehrenamtlich agierenden Bürgern nicht allein gestemmt werden. „Wir stellen das nachfolgende Konzept für eine konzertierte Aktion zur Diskussion“, so Müller. Darin wird gefordert, dass der Landkreis, die Gemeinde Mundelsheim und die Lauffener Weingärtner sich zur Erhaltung des Käsberg als historisch gewachsenem und bedeutendem kulturgeschichtlichen Naturdenkmal bekennen.
Müller und Alber-Gailing stellen weiter zur Diskussion, dass Wengerter, die aktuell noch Rebflächen am Mühlbächer bewirtschaften, diese stilllegen und der Natur überlassen. Dafür sollen ihnen bis dato bewirtschaftete Flächen am Käsberg angeboten werden, die der aktuelle Bewirtschafter aufgeben muss. Die Weinbaubetriebe, die ihre Rebflächen am Käsberg aufgeben müssen, sollten nach den Überlegungen von Müller und Alber-Gailing diese anderen Wengertern, insbesondere vormaligen Mühlbächer-Wengertern – zunächst für einen überschaubaren Zeitraum – ohne Pachtzins übergeben.
Letztendlich wird den Wengertern empfohlen, die Flurstücke am Käsberg weiterbewirtschaften, den Bewirtschaftungsaufwand aber „signifikant nach einem Konzept von Ernst Dautel“ zurückzufahren. „Das heißt unter anderem die Stockzahl deutlich zu verringern, um den Arbeitsaufwand zu reduzieren“, erklärt Müller auf Nachfrage.
In einem öffentliche Statement dankt Landrat Dietmar Allgaier Müller und Alber-Gailing für „ihr großes Engagement für den Erhalt der terrassierten Steillagen“. Mit ihrem Einsatz leisten sie, so Allgaier weiter, einen wichtigen Beitrag, „dieses einzigartige Kulturgut noch stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken“. Zugleich würden sie damit die vielfältigen Bemühungen des Landkreises unterstützen, diese prägende Kulturlandschaft zu bewahren.
Landrat betont das „herausragende Beispiel“ Käsberg
Die Aktivitäten des Landkreises seien breit gefächert: Sie reichen von der finanziellen Aufstockung kommunaler Förderprogramme über die Mitfinanzierung einer Marketingkampagne für einen gemeinsamen Steillagenwein bis hin zur Unterstützung der Wengerter bei der Beantragung von Fördermitteln – um nur einige Beispiele zu nennen, erklärt der Landrat: „Zugleich ist mir bewusst, dass es angesichts der derzeitigen Situation im Weinbau unrealistisch ist, alle terrassierten Steillagen dauerhaft in Bewirtschaftung zu halten. Der enorme Arbeitsaufwand in diesen Lagen stellt eine erhebliche Herausforderung dar.“
Es werde daher notwendig sein, sich besonders für jene Weinberge einzusetzen, die das Landschaftsbild unseres Kreises in besonderem Maße prägen. „Der Mundelsheimer Käsberg ist hierfür ein herausragendes Beispiel: Er steht seit Generationen für hochwertige Weine und prägt das Neckartal auf einzigartige Weise“, betont Allgaier. Initiativen zum Erhalt des Käsbergs können daher beispielgebend für ähnliche Lagen in anderen Kommunen sein.
Einklang mit den gesetzlichen Bestimmungen
Gleichzeitig müssten alle Maßnahmen – ob Flächentausch oder finanzielle Unterstützung – im Einklang mit den gesetzlichen Bestimmungen stehen. Die von Müller und Alber-Gailing eingebrachten Vorschläge werde das Landratsamt gerne prüfen. Eine über das bisherige Maß hinausgehende Unterstützung des Landkreises bedürfe allerdings entsprechender Beschlüsse der Kreisgremien, so Allgaier: „Angesichts der angespannten Finanzlage des Landkreises muss auch dieser Aspekt berücksichtigt werden.“
Der Ludwigsburger Landrat zeigte sich überzeugt, dass nur durch eine gemeinsame Kraftanstrengung – von Wengertern, Landkreis und Land – der Erhalt der einmaligen Steillagen dauerhaft gesichert werden kann.
„Sicher ist eine finanzielle Beteiligung der Gemeinde möglich und charmant, aber wir gehen aktuell andere Wege“, sagt Mundelsheimer Bürgermeister Boris Seitz und verweist auf die „Wir gehen Steil“-Initiative, die es seit zwei Jahren gibt und man lege sich auf Kernlagen fest „und dafür fallen andere Lagen“. Seitz erklärt weiter: „Wir haben dazu in der letzten Gemeinderatssitzung erst öffentlich beraten und sehen aktuell noch keine Beteiligung in finanzieller Art, wie von Herr Müller gefordert wird.“
Zahlungen an Wengerter
Wengerter, die Flächen am Käsberg weiter bewirtschaften, sollen nach der Konzeption von Dr. Herbert Müller und Fabian Alber-Gailing von der Hessigheimer „exNicrum“ Weinmanufaktur folgende Zahlungen erhalten:
5000 Euro/Hektar vom Land als Handarbeitszuschuss zur Erhaltung der Biodiversität (wie bisher).
Mindestens 5000 Euro/Hektar von der Genossenschaft Lauffener Weingärtner, die die Trauben abnehmen.
5000 Euro/Hektar von Gemeinde Mundelsheim und Landkreis zusammen für die Landschaftspflege zur Erhaltung des Käsberg als Naturdenkmal. Diese Entschädigung soll im Regelfall Wengerter-Familien zukommen, die aus Heimatverbundenheit in ihrer Freizeit und an Wochenenden den traditionellen Trollinger kultivieren und mit ihren mäßigen Einkünften daraus steuerrechtlich in die Kategorie der Liebhaberei fallen.
Bei einer Förderung von zehn bis 15 Hektar am Käsberg, so die Berechnungen von Müller und Alber-Gailing, fallen für Gemeinde und Kreis zusammen 50.000 bis 75.000 Euro pro Jahr an. Eine Förderung auf zunächst fünf Jahre könnte einen Dammbruch verhindern, so die Initiatoren.
Dieser Entschädigung stehe das Beihilferecht der EU nicht entgegen, weil es sich um einen Ausgleich für Kosten in Erfüllung einer Gemeinwohlverpflichtung handelt und der Trollingerverkauf im Wesentlichen rein lokal erfolgt und sich deshalb nicht auf den Handel zwischen Mitgliedstaaten der EU auswirkt. Eine Doppelförderung liegt wegen der unterschiedlichen Förderzwecke der Zuschüsse von Land und Kommune beziehungsweise Landkreis nicht vor.
