Mundelsheim/La Motte-Servolex Ein halbes Jahrhundert der Freundschaft

Von Jonathan Lung
Bürgermeister Boris Seitz und Bürgermeister Luc Berthoud bei ihrer gemeinsamen Rede. Foto: /Oliver Bürkle

Mit einem abwechslungsreichen Festwochenende haben Mundelsheim und La Motte-Servolex ihre Partnerschaft gefeiert. 100 Gäste waren aus Frankreich angereist.

Wie werden aus ewigen Feinden doch noch Freunde? In einem halben Jahrhundert ist Mundelsheim das gelungen. In seiner Partnerschaft mit dem französischen La Motte-Servolex sind zahlreiche Freundschaften entstanden. Kaum eine wusste das besser als Renate Bandelow, die von der französischen Gemeinde beim Jubiläumsfestakt am vergangenen Samstagabend für ihr persönliches langjähriges Engagement mit einer Medaille geehrt wurde.

Sichtlich gerührt von der unerwarteten Ehrung erzählte sie, wie sie ein Teil der „Jumelage“, der Partnerschaft, wurde: vor nicht weniger als 40 Jahren bot sie an, vertretungsweise als Dolmetscherin einzuspringen – und blieb im Amt. „Es freut mich ganz besonders, dass heute auch viele Junge dabei sind“, blickte sie über den vollen Saal. „Das war meine Befürchtung: dass das Engagement zurückgeht, wenn die Notwendigkeit nicht mehr so da ist“, sagt sie: „Ich stamme noch aus der Generation, als die Franzosen unsere Feinde waren, ich habe den Einmarsch der Franzosen erlebt.“

Französisch als erster Schritt

Das Lernen der Sprache in der Besatzungszone war für sie dann der erste Schritt zur Freundschaft: Und seither ist sie jedes Jahr dabei, immer machte das Engagement ihr Spaß – auch die Führung, die sie selbst an diesem Tag in der Kilianskirche organisierte. „Was mir an Herzlichkeit und Freundlichkeit entgegengebracht wurde, ist einzigartig“, stellt sie klar.

Feinde, die zu Freunden wurden, ein einzigartiger Prozess – der im Osten Europas leider nicht glückte, bedauert sie: „Ich habe gedacht, man kann das mit Russland genauso machen“, zu einer Freundschaft kommen, sich gegenseitig verstehen, „aber es gehören immer zwei dazu“, weiß sie. Mit La Motte-Servolex sei es eine gewachsene Freundschaft zwischen Familien geworden. 50 Jahre Freundschaft sei keine Selbstverständlichkeit, „das ist doch großartig“, findet Bandelow.

„Unzählige Momente der Freude“

Und dass das großartig ist, das fanden auch die Redner auf der Bühne: „Das Freundschaftsband ist noch immer unzerstörbar“, zwischen den beiden Gemeinden, war Bürgermeister Luc Berthoud zusammen mit seinem Gastgeber Boris Seitz in ihrer gemeinsam vorgetragenen Rede überzeugt. „Unzählige Momente der Freude“ hätten das halbe Jahrhundert der Partnerschaft gekennzeichnet – für die Partnerschaft sei schlicht „Freundschaft“ der richtige Begriff. „Europa ist nicht ein großes Projekt in Berlin oder Paris. Es passiert hier in Mundelsheim, in der Begegnung von Mensch zu Mensch“, brachte es Landrat Dietmar Allgaier auf den Punkt: „ein unglaublicher Wert“, sei das, „in Zeiten globaler Krisen.“

Die 100 französischen Gäste hatten schon einen vollen Tag hinter sich: Zahlreiche Aktivitäten hatten sie durch Mundelsheim geführt – aber an Ausspannen war am Abend nicht zu denken: Auf der Bühne inszenierten die Gäste französische Schlager, umgedichtet auf die Partnerschaft.

Seit 16 Jahren war Michael Wolf Partnerschaftsvorsitzender: „Warum gerade ich“, dachte der damalige Gemeinderat damals zuerst, gibt er zu, fand dann aber bald auch sprachlich in sein Amt: 1994 war er das erste Mal in der Partnergemeinde gewesen, wo er in einer Familie unterkam, die kein Wort Deutsch sprach, „und ich konnte fast gar nichts – das war sehr, sehr spannend“, lacht er heute über die Erlebnisse, die wohl viele Partnerschaftsengagierte hatten: „Aber wir haben es über die Runden gekriegt und wir haben lustige Abende verbracht.“ Daraus entstehen echte Freundschaften.

Häufige Austausche der Musikkapelle vor 25 Jahren sorgten damals noch für mehr Jugendliche, die sich in der Partnerschaft engagierten, erinnert er sich. Heute kommen immer wieder neue Interessierte zum monatlichen Zeitungslesen von Le Monde – daraus rekrutieren sich dann auch neue Engagierte. Niederschwellige Beteiligungsmöglichkeiten scheinen hier ein gutes Mittel zu sein, um Nachwuchs zu gewinnen.

„Härte, Stärke, Macht“

Auch die vor ein paar Jahren eigens komponierte Partnerschaftshymne wird in der Grundschule schon eifrig gesungen. Wolf selbst gab sein Amt an diesem Abend an Silke Grossmann weiter, die Medaille, die er zusammen mit Renate Bandelow verliehen bekam, sei ein guter Schlusspunkt seines Engagements, das er aber natürlich in anderer Funktion weiterführen will. Er betonte in seiner Rede dann die „beängstigende aktuelle politische Entwicklung der Nationalismen“: „Härte, Stärke und Macht“ seien das, was in der aktuellen Politik zähle – das stehe einer freundschaftlichen Partnerschaft entgegen, wie sie an diesem Abend in Mundelsheim gefeiert wurde.

Ein weiteres Völker verbindendes Element ist und bleibt auch der Fußball: An dem Abend, als PSG die Champions League gewann, und genau eine Woche, nachdem Bürgermeister und Landrat mit dem VfB mitfieberten, war das Geschenk der Gäste: ein Tischkicker. Die erste Partie gehörte den Bürgermeistern, und als guter Gast ließ Luc Berthoud den Gastgeber gewinnen. Der wahre Gewinner aber war an diesem Abend: Die Freundschaft. 

 
 
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