Wir in Kirchheim sind sehr an Teilhabemöglichkeiten in Verbindung mit Ehrenamt interessiert“, sagte Kirchheims Bürgermeister Uwe Seibold in einer Infoveranstaltung zur Hilver-App am vergangenen Mittwochabend. Das Ehrenamt sei in seiner Gemeinde tief verankert, es fehle nur an einem geeigneten Netzwerk. Der Kirchheimer Gemeinderat hatte im vergangenen Jahr beschlossen, die Hilver-App – was so viel bedeutet wie Hilfevermittlung –, eine Art Helfernetzwerk, einzuführen. Damit ist Kirchheim die erste Kommune im Landkreis Ludwigsburg, die Hilver nutzen wird. In anderen Landkreisen in Baden-Württemberg, Bayern, Nordrhein-Westfalen und auch in Nordfriesland arbeiten mittlerweile 30 Kommunen mit dieser Ehrenamtsapp.
Nachbarschaftshilfe Kirchheim geht mit einer Helfernetzwerk-App voran
Die Kommune ist die erste im Landkreis, die die Hilver-App, die Hilfesuchende und Helfer zusammenbringt, einführt.
Immer mehr ältere Menschen leben alleine
Erfunden hat sie Thomas Walter aus Ötigheim bei Rastatt. Er stellte die App am Mittwochabend circa 50 Gästen vor – vor allem potenziellen Ehrenamtlichen. Zwei Fakten, so Walter, brachten ihn dazu, eine Hilfevermittlungsapp zu kreieren: Immer mehr ältere und unterstützungsbedürftige Menschen leben alleine, möchten weiterhin eigenständig leben und dennoch gut versorgt sein. Aber sie sind eingeschränkt in ihrer Mobilität oder bestimmte alltägliche Dinge machen ihnen Schwierigkeiten. Gleichzeitig gibt es immer mehr Bürgerinnen und Bürger, die sich ehrenamtlich betätigen möchten.
Und genau hier setzt die Hilver-App an. Sie ist einfach zu bedienen. Hilfesuchende und Helfer können sich die App herunterladen und sich registrieren. Aber auch Senioren, die kein Smartphone haben oder schlecht mit ihm umgehen können, können teilnehmen. Dafür gibt es in Kirchheim Andrea Fritz, die für die Hilver-App zuständig ist und bei der man telefonisch eine Anfrage stellen kann. Fritz trägt dann die Hilfeanfrage in die App ein.
Seit der Einführung der App 2023 gibt es insgesamt 2000 registrierte Helfer, 3000 Nutzer und 8000 Anfragen. „Wir wollen in die Fläche“ sagt Walter, der mit seiner App die Teilhabe hilfsbedürftiger Menschen an der Gesellschaft voranbringen will. „Und wir schauen immer nach Teilhabemöglichkeiten für unsere Bürger“, sagt Bürgermeister Seibold. Deshalb entschied sich der Gemeinderat, bei der Hilver-App mitzumachen. 2000 Euro jährlich kostet die Betreuung der App, einmalig muss die Gemeinde 5000 Euro bezahlen. „Wir erhoffen uns eine gute Vernetzung unserer Bürger. In Kirchheim muss keiner alleine und einsam sein“, so Seibold.
Helfer müssen sich im Rathaus vorstellen und werden überprüft
Die Helfer müssen sich, nachdem sie sich in der App erstmals gemeldet haben, im Rathaus bei Andrea Fritz vorstellen, mit Führerschein, Personalausweis und polizeilichem Führungszeugnis. Sie werden dann registriert und melden sich auf die Anfragen nach kleinen Hilfen der Nutzer. Gemeint, so erklärt Walter, seien mit diesen kleinen Hilfen kurze Fahrten, zum Beispiel zum Arzt. Sie können kleine Aufgaben in Haus und Garten übernehmen, wie Lampe austauschen oder Rasen mähen, aber auch Freizeitbeschäftigungen wie ein Spaziergang, Musizieren oder ein Gespräch. Weitere mögliche Aufgaben sind Einkaufen, Medikamente abholen, aber auch Technikhilfe, wie den Fernseher einrichten.
„Die Helfer sind aber kein Pflegedienst oder Babysitter, Taxi oder Handwerker, größere Aufgaben oder Anliegen, die professionelle Hilfe benötigen, sind tabu“, sagt Walter, und betont, dass eine Hilfe über die Hilver-App nicht mehr als anderthalb Stunden in Anspruch nehmen soll. „Kann sein, dass eine Mutter auf dem Weg zur Kita, um ihr Kind abzuholen, gesehen hat, dass es eine Anfrage zu einem Gang in die Apotheke gibt, die auf ihrem Weg liegt, dann kann sie ganz kurzfristig zusagen“, erklärt Walter.
Um von beiden Seiten eine Ausnutzung auszuschließen, müssen beide Seiten die Aktion dokumentieren. Andrea Fritz von der Gemeinde überprüft dies und besucht auch immer wieder die Hilfesuchenden. Zudem sind die Ehrenamtlichen über die Ehrenamtsversicherung des Landes und eine Zusatzversicherung der Gemeinde abgesichert. Die Gemeinde hat auch eine sogenannte Dienstwagenversicherung, die Schäden an den Privatautos der Ehrenamtlichen in der Zeit der Hilfe übernimmt.
Im Schnitt, so Walter, dauere es zehn Minuten, bis ein Helfer auf eine Anfrage reagiert. Storniert er eine Zusage, wird der nächste mögliche Helfer kontaktiert. Die Verabredung zwischen Hilfesuchendem und Helfer geschieht dann telefonisch.
Schon jetzt können sichHelfer registrieren lassen
Die Kirchheimer Hilver-App soll am 2. März starten. Herunterladen kann man sich die App aber ab sofort und Helfer können sich auch registrieren. „Wir müssen vor den ersten Anfragen einen Helferpool zusammenbekommen“, sagt Walter, der die App mit seiner Firma auch weiterhin betreut und „nah an den Kommunen“ sein will. Thomas Walter und auch Bürgermeister Seibold machen sich keine Sorgen, dass nicht genügend Helfer zusammen kommen, da ihrer Erfahrung nach viele Menschen bereit sind, andere zu unterstützen – „halt nur nicht regelmäßig, sondern flexibel und nach individueller Zeiteinteilung“, so Walter.
Die Hilver-App
Die Hilver-App ist eine für die Nutzer kostenlose digitale Plattform, die ältere oder hilfsbedürftige Menschen mit ehrenamtlichen Helfern aus der Nachbarschaft vernetzt, um unkomplizierte Unterstützung im Alltag zu vermitteln, wie beim Einkaufen, für kleine Fahrten oder bei leichten Reparaturen und Technikproblemen.
Sie wird von Kommunen wie Schorndorf, Heilbronn oder Baden-Baden, aber auch in Gemeinden wir Enzklösterle, Weinsberg, Obersulm und Eberstadt unterstützt, ist einfach zu bedienen und kann per App, Web oder Telefon genutzt werden. Andrea Fritz unterstützt per Telefon für Menschen ohne Smartphone.
Hilver entstand aus einer Vision von Thomas Walter: Nach fast 30 Jahren in der IT und vielen direkten Gesprächen mit Menschen höheren Alters wurde deutlich, dass selbstständiges Wohnen im Alter oft nur an kleinen Alltagshürden scheitert, sagt er. Die App soll Nachbarschaftshilfe digital und einfach organisieren und soziale Nähe mit moderner Technologie verbinden.
In Kirchheim unterstützt die Gemeinde in Person von Andrea Fritz die Nutzung der App. Sie ist erreichbar per Telefon unter (07143) 8955415 und per Mail an hilver@kirchheim-n.de. Die Hilver-App gibt es im Android-Playstore oder für I-Phone und auf der Website.
Die Kirchheimer Variante wird am 2. März freigeschaltet, erst dann sind erste Anfragen möglich. Aber: Ehrenamtliche Helfer können sich jetzt schon registrieren und werden dann zu einem persönlichen Gespräch und einer Überprüfung eingeladen.
