Nachfahrentreffen Freudental Suche nach der familiären Identität

Von Gabriele Szczegulski
Nachfahren von einigen ehemaligen jüdischen Familien weilten einige Tage in Freudental und übernachteten im Gästehaus des PKC. Sie wurden durch den Ort geführt, nahmen an einem Theaterspaziergang teil und waren zu Gast in Freudentaler Familien. Foto: /Martin Kalb

Vier intensive Tage weilten Nachfahren jüdischer Familien aus der ganzen Welt in der Gemeinde, aus der ihre Vorfahren stammten.

Thomas Lahusens Familiengeschichte hängt eng mit Freudental zusammen und ähnelt der von vielen der insgesamt 20 Nachfahren, die sich in der Heimat ihrer Nachfahren treffen. Und doch ist sie speziell.  Im Pädagogisch-Kulturellen Centrum Ehemalige Synagoge in Freudental zeigte der Dokumentarfilmer am Sonntagabend zum Abschluss des Nahfahrentreffens (die BZ berichtete) seinen Film „Freudental“ über die Geschichte der Familien seiner Eltern.

Lahusens Großmutter Rahel Herrmann stammte aus Freudental und heiratete noch vor dem Zweiten Weltkrieg den Komponisten Christian Lahusen, einen „voll und ganz arisch-stämmigen“ Fabrikantensohn aus Delmenhorst, wie es im Film heißt, und lebte mit ihm in Überlingen am Bodensee. Thomas Lahusen wuchs bei seiner Großmutter Rahel auf, sie starb als er sechs Jahre alt war. „Ich habe nur sehr schöne Erinnerungen an meine Großmutter“, sagt er.

In dem Film „Freudental“ geht er der Geschichte seiner Vorfahren nach – die seines Großvaters einerseits und die seiner Großmutter andererseits. Aus gegensätzlicheren sozialen Schichten könnten Ehepartner nicht sein: Rahel Herrmann stammt aus einer jüdischen, schwäbischen Bauernfamilie. Großvater Christian Lahusen schrieb Ballettmusik für die Münchener Kammerspiele, aber auch Volks- und Bänkel- sowie geistliche Musik und ist eher nationalistisch eingestellt. Im Film seines Enkels wird seine Musik, zum Beispiel „Heimkehr im Abend“ gespielt, gesungen auch vom Freudentaler Gesangverein. Er bekommt unter den Nazis wegen seiner jüdischen Frau Berufsverbot. Er kann sie aber vor den Nazis retten, weil er in Argentinien geboren wurde und beide auch die argentinische Staatsangehörigkeit besitzen.

Begonnen hat Thomas Lahusen mit dem Film 2017 beim ersten Nachfahrentreffen in Freudental, denn hier, so sagt er, spürte er eine enge Verbindung mit dem Ort und die Sehnsucht, sich auf die Suche nach seiner Identität zu machen. Ein anderer Nachfahre Freudentaler Juden, Patrick Levi, fasst am Schluss des Films diese Identitätssuche der „wandernden Juden“ zusammen: „In Deutschland bin ich Franzose, in Frankreich bin ich Deutscher, bei den Katholiken bin ich Jude, bei den Juden Katholik“. „Wir jüdisch Stämmigen haben kein Zugehörigkeitsgefühl, deshalb sind uns unsere Wurzeln vielleicht auch so wichtig“, sagt Lahusen im Gespräch mit der BZ. Freudental – bringe ein Stück dieser Wurzeln zurück.

„Spuren von uns gibt es überall“

Es ist ein ruhiger, leiser Film, in dem viele Menschen erzählen, aber nicht alles ausgesprochen wird. Als Lahusen in Auschwitz ins Archiv geht und nach Spuren seines Großonkels Adolf Herrmann sucht, der dort im Alter von 16 Jahren umgebracht wurde, wirkt laut dem Filmemacher das wortlose Zuklappen des Archivbands „wie ein zweiter, endgültiger Tod“. Fast über die ganze Welt ziehen sich die Fäden der Familie Herrmann. „Spuren von uns gibt es überall, aber wo und was ist unsere Identität?“, fragt Lahusen.

„Wir alle können diese Identitätssuche nachvollziehen. Unsere Wurzeln wurden gekappt, nun können wir sie zumindest wiederentdecken“, sagt Barbara Rubin, eine Tochter der Freudentalerin Margot Stein. Ihr Bruder David Rubin sagt, dass seine Mutter ihm und seinen Geschwister verboten habe, jemals nach Deutschland zu gehen. „Doch wir haben es gewagt und das war gut so“, sagt sie. „Es fühlt sich ein bisschen wie Frieden an, hier zu sein“, sagt sie.

Um Gefühle ging es viel bei diesem Nachfahrentreffen: „Es war traurig und beglückend gleichzeitig, vor dem Haus meiner Großmutter zu stehen oder beim Theaterspaziergang „Der letzte Schammes“ zu sehen, wie unsere Vorfahren lebten“, sagt Elisheva Rubin, die Enkelin von Margot Stein. „Intensiv und tief“, seien die Begegnungen gewesen, sagt auch Freudentals Bürgermeister Alexander Fleig, stolz, dass die Gäste immer wieder die Freundlichkeit und die Offenheit der Freudentaler betonten. „Wir kommen wieder“ hätten die Gäste gesagt, so erzählt PKC-Leiter Michael Volz. „Und das ist die schönste Botschaft dieses Treffens.“ Eine Überraschung gab es noch: Der Freudentaler Reinhard Maier hat das Kunstwerk „The Dark Angels“ von David Rubin, das in dessen Ausstellung im Rathaus hing, für 5000 Euro gekauft und der Gemeinde übergeben. „Damit es in Freudental bleibt, denn das ist die Botschaft – aus dem Dunkel neues Licht zu erschaffen“, sagt Maier.

 
 
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