Die fast ebene, leicht geschwungene Tallandschaft zwischen Freiberg, Ingersheim und Pleidelsheim zählt zu den letzten naturnahen Flussabschnitten des Neckars im Landkreis Ludwigsburg. Ein Biotop, das heute wie ein Naturparadies aus Urzeiten wirkt, ist das Ergebnis eines engagierten Bürgereinsatzes und kluger Entscheidungen. Gleichwohl ist das Biotop durch Schlamm bedroht.
Neckar-Serie Bedrohte Natur-Oase am Altneckar
Zwischen dem alten Neckar-Flusslauf und einem früheren Baggersee hat sich ein wertvolles aber inzwischen bedrohtes Biotop nahe Freiberg, Ingersheim und Pleidelsheim entwickelt.
Im Pleidelsheimer Gemeinderat wurde jüngst die Sorge über den See im Wiesental geäußert und kritisiert, dass trotz der zunehmenden Verschlechterung des Zustands keine konkreten Maßnahmen erfolgen. Das Gebiet werde sich komplett selbst überlassen, dies geschehe unter Berufung auf die Naturschutzvorgaben, wonach kein menschlicher Eingriff erfolgen dürfe.
Bürgermeister Ralf Trettner erläuterte im Rat, dass die Problematik nicht neu sei, sie bestehe bereits seit mindestens fünf Jahren. Es habe intensive Gespräche darüber gegeben, wie man den See retten könne. Problematisch sei insbesondere der hohe Schlammeintrag durch Hochwasser und Laub, der durch den benachbarten Schifffahrtskanal belastet sei. Eine nahe liegende Variante wäre das Ausbaggern des Schlamms, schwierig sei die Entsorgung.
Ziel: Lösung vor Ort finden
Der Schlamm müsste zunächst austrocknen, bevor er deponiert werden könnte. Eine Deponierung komme allerdings nicht infrage, Ziel sei es, eine Lösung vor Ort zu finden. Eine Idee aus dem Jahr 2023 war, zwei Drittel des Sees zu erhalten und ein Drittel trockenzulegen, um den Schlamm vor Ort zu entwässern und zwischenzulagern. Dazu sollte eine niederländische Firma sogenannte „Big Bags“ einsetzen, die den Schlamm zurückhalten. Das Regierungspräsidium lehnte diesen Vorschlag ab, seither ruht das Projekt, so Bürgermeister Trettner, der diesen Stillstand für inakzeptabel hält. Er habe bereits mehrfach mit dem Regierungspräsidium Kontakt aufgenommen, um neue Lösungsmöglichkeiten zu prüfen, auch mit der Beteiligung von Landtagsabgeordneten habe sich bislang aber nichts bewegt. Dennoch werde er in Sachen Biotop erneut nachhaken.
Zwischen den Resten des alten Neckar-Flusslaufs und dem Schifffahrtskanal hat sich dieses wertvolle Biotop erhalten – ein kleiner, aber bedeutender Rückzugsraum für seltene Pflanzen und bedrohte Tierarten. Schon in den 1970er Jahren stand diese Landschaft kurz davor, für immer zu verschwinden. Als 1973 der Neckar für die Schifffahrt verbreitert und begradigt wurde, sollten nicht nur der Altneckar sondern auch die umliegenden Baggerseen mit Aushubmaterial verfüllt werden. Doch Proteste aus der Bevölkerung verhinderten dieses Vorhaben.
Nein zu EU-Schutzgebiet
Noch im Jahr 2000 lehnte die Gemeinde Ingersheim im Rahmen eines „Konsultationsverfahrens“ die Ausweitung des EU-Schutzgebietes allerdings ab. Ein Ja, so die damalige Meinung, hätte nicht im Einklang mit der Entscheidung für eine Umgehungsstraße über das Wiesental gestanden. Dabei war die Gesetzeslage eindeutig. Selbst wenn es schon konkrete Planungen für ein Brückenbauwerk gegeben hätte, hätte man diese wegen der Flächenausweisung als Fauna-Flora-Habitat-Gebiet im Wiesental nicht umsetzen können.
Der Ursprung des heutigen Sees im Naturschutzgebiet geht auf den Kiesabbau zwischen 1952 und 1957 zurück. Damals entstanden zwei Seen – ein großer, der verfüllt wurde, und ein kleiner, der zum Naturschutzgebiet erklärt wurde. Und mit dem Altneckar blieb ein Stück ursprünglicher Flusslandschaft erhalten – mit ruhigen und strömungsreichen Abschnitten sowie einer beachtlichen Artenvielfalt. Die Naturschutzgebiete „Altneckar“ und „Pleidelsheimer Wiesental“ dokumentieren bis heute einen großen ökologischen Reichtum. Als Bestandteil des europäischen Schutzgebietsnetzes „NATURA 2000“ sind sie sowohl als Fauna-Flora-Habitat-Gebiet als auch als Europäisches Vogelschutzgebiet ausgewiesen.
Das Naturschutzgebiet „Altneckar“, vom Landratsamt mit einem Betretungsverbot belegt, führt nur bei Hochwasser größere Wassermengen, große Teile der Flusssohle sind sichtbar. Bei Hochwasser verwandelt er sich in ein dynamisches Wildfluss-System, das durch neu gebildete Kies- und Sandbänke sowie wandernde Uferbereiche einen natürlichen Lebensraum für viele Fischarten schafft.
Viele Tierarten leben dort
Von den 44 Fischarten, die heute wieder im Neckar heimisch sind, leben allein 23 im Altneckar – darunter bedrohte Arten wie das Moderlieschen sowie strömungsliebende Fische wie Barbe, Schmerle, Gründling und Stichling. Auf der Insel im See brüten Kormorane, zu den 60 Brutvogelarten zählen der Eisvogel, Schwarzmilan, Mittelspecht, Haubentaucher, Teichralle und das Blesshuhn. Dazu kommen als gefährdet klassifizierte Fledermausarten, über 70 Wildbienenarten und Kleinlebewesen wie Muscheln und Wasserschnecken.
