Eine Art selbst ernannter Krisenstab tagte am Dienstag in der Mundelsheimer Georg-Hager-Schule. Die Teilnehmer an dem Symposium haben sich zur Aufgabe gemacht, Alternativen und Pläne für die Steillagen zu entwickeln, um eine zusammenhängende, bewirtschaftete Fläche zu erhalten. Opfern, so ein Fazit, müsse man eventuell dafür die, die nicht mehr „erhaltenswert“ seien. Das sei in den Steillagen wohl nicht mehr aufzuhalten, wie Dietrich Rembold, Geschäftsführer der Weingärtner Lauffen/Mundelsheim, einer der Symposiumsteilnehmer, sagte.
Neckartal bei Mundelsheim Krisenstab für die terrassierten Steillagen
Ein „Horrorszenario“ zeigen die Ergebnisse des Digitalen Zwillings im Neckartal. Bei einem Symposium wurden Rettungsmaßnahmen diskutiert.
Problem: Immer mehr brachliegende Weinberge
Vor allem brachliegende, verwilderte Weinberge – auf Hessigheimer Gemarkung beispielsweise am Brombergweg, aber auch am Mühlberg, schon mehr als 50 Prozent – machen die Bewirtschaftung auch für die anderen Wengerter nicht einfach. Und der Verfall ist noch nicht am Ende angelangt: Immer mehr Wengert werden aufgegeben.
Grundlage für das Symposium waren die Erkenntnisse des „Digitalen Zwillings“, den das Höchstleistungsrechenzentrum der Universität Stuttgart (die BZ berichtete) erstellte, um künftige Szenarien in den Weinbergen des Neckartals sichtbar zu machen. Vertreter des Landkreises und der betroffenen Kommunen, Weingärtnergenossenschaften und Winzer waren nach Mundelsheim gekommen, um Maßnahmen zu diskutieren, aber auch, um positive Beispiele der Steillagenrettung vorzustellen. Landrat Dietmar Allgaier, der mit einer Videobotschaft zugeschaltet wurde, hatte zur Analyse der Situation das Projekt „Digitaler Zwilling Neckarterrassen“ in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Michael Resch vom Höchstleistungsrechenzentrum der Universität Stuttgart initiiert. Im April wurde das Projekt auf einer Schifffahrt über den Neckar vorgestellt (die BZ berichtete). Das Neckartal bei Mundelsheim, Hessigheim und Besigheim soll dabei für andere Weingebiete des Landes als Vorbild dienen.
Nun liegen erste Ergebnisse vor und deswegen hatte Mundelsheims Bürgermeister Boris Seitz in die Schule zum Symposium geladen, das von Claus-Peter Hutter und Dr. Herbert Müller vom Initiativkreis Digitaler Zwilling moderiert wurde. „Es ist ein Horrorszenario“, so Herbert Müller angesichts der Ergebnisse des Digitalen Zwillings, die Dr. Uwe Wössner von der Abteilung Simulation des Höchstleistungsrechenzentrums vorstellte. Wössner zeigte anhand von Simulationen, wie gerade brachliegende Weinberge das Landschaftsbild verändern werden oder bei Starkregen ganze Berge abrutschen können. Nicht nur die Landschaft und die Wirtschaft seien davon betroffen, auch der Tourismus.
Er hatte beispielsweise auch simuliert, ob Photovoltaikanlagen sinnvoll als Alternative in den Weinbergen aufgebaut werden können. „Ja, im Frühjahr und Herbst ist die Energieernte sicher gut in den Weinbergen, aber im Sommer wären PV-Anlagen in der Ebene ertragreicher, da ihre Neigung das Sonnenlicht im Weinberg nicht einfangen würde“, so Wössner. Aber ungepflegte Grundstücke greifen unmittelbar auf noch bewirtschaftete Weinberge ein, indem Brombeeren, Büsche, Unkraut, aber auch Ungeziefer und Krankheiten sich ausbreiten und es den Bewirtschaftern auf Dauer unmöglich machen, ertragreich anzubauen.
Rodungen seien eine Möglichkeit, so Müller, dem „Flickenteppich“ Herr zu werden und hier müsse „ordnend“ eingegriffen werden, um die Wengerter zu unterstützen, die in den Steillagen weiter bewirtschaften wollen, „sonst geben auch die noch auf“. Zudem soll zumindest ein Teil der Steillagenlandschaft auch für touristische Zwecke, wie beispielsweise die Felsengärten, erhalten bleiben.
Ordnend eingreifen – auch mit Flächentausch
„Ordnend“ eingreifen will beispielsweise die Gemeinde Hessigheim. Bürgermeister Günther Pilz stellte vor, was die kleine Gemeinde zur Rettung ihrer Steillagenweinberge macht. So will der Gemeinderat demnächst über gemeinschaftliche Rodungen entscheiden. Pilz fasste das zusammen, was wohl künftig Ziel sein wird und auch von den anderen Teilnehmern genannt wurde: „Wir müssen den Fokus auf erhaltenswürdige Flächen setzen und hier alles dafür tun, dass diese weiter bewirtschaftet werden“.
