Seit Mai 2023 wird Block II des Kernkraftwerks Neckarwestheim zurückgebaut. Der Druckwasserreaktor mit einer installierten elektrischen Leistung von 1400 Megawatt war nach 34 Jahren Leistungsbetrieb der letzte, der in Deutschland vom Netz ging. Auf ihrer Sommertour hat Umweltministerin Thekla Walker das Reaktorgebäude am vergangenen Freitag besichtigt, „um sich einen Eindruck zu verschaffen“.
Neckarwestheim „Rückbau kann nicht jeder“
Seit 2023 wird Block II des Atomkraftwerks Neckarwestheim zurückgebaut. Umweltministerin Thekla Walker hat sich im Reaktorgebäude einen Eindruck von den Arbeiten verschafft.
„Von außen sieht es immer noch wie ein Kernkraftwerk aus“, sagt der Geschäftsführer der EnBW Kernkraft GmbH, Jörg Michels. Die Gebäudestruktur bleibe auch noch länger erhalten. Doch im Innern werden seit zwei Jahren Rohrleitungen, Systeme und andere technische Einrichtungen zurückgebaut. Eingesetzt werden industrieerprobte Techniken, sagt Michels, die mit „bewährten, robusten Geräten“ wie Seilsägen, Fräsern und thermischen Verfahren vorgenommen werden. Dabei könne die EnBW auf die Erfahrungen in anderen AKWs zurückgreifen, sagt Michels.
2023 wurde im Block GKN II der Primärkreis dekontaminiert. Im Reaktorgebäude wurden die Hauptkühlmittelleitungen, die Motoren sowie die Pumpen abgebaut. Auch die Frischdampfleitungen im Sicherheitsbehälter wurden demontiert. Über eine Schleuse betreten die Besucher das Reaktorgebäude. In der Umkleidekabine wird die Straßenkleidung zunächst gegen einen orangefarbenen Schamkittel und hellblaue Badeschlappen eingetauscht. Ausgestattet mit einem Dosimeter, das mögliche Strahlungen misst, geht es in eine weitere Umkleidekabine. Dort wird der Kittel durch einen orangenen Overall ersetzt. Sicherheitsschuhe und ein gelber Helm komplettieren die Ausstattung.
Anschließend geht es ans Herz der Anlage, auf einer Ebene über dem Abklingbecken. In dem gereinigten topasblauen Wasser lagern noch 560 verbrauchte Brennstäbe. „Wasser kühlt und schirmt fast alles ab“, sagt Michels. Drei bis fünf Jahre werden die Brennelemente dort gelagert, bevor sie aus der Anlage transportiert werden. Für 106 Brennelemente steht der Transport im Herbst an.
Millimeterarbeit beim Ausbau
Vier Dampferzeuger mit einer Höhe von rund 21 Metern waren bis 2023 hier in Betrieb. Diese aus dem Gebäude herauszuholen „wird Millimeterarbeit werden“, weiß Michels aus anderen AKWs. Zuvor muss eine größere Schleuse eingebaut werden, dann werden die Behälter angehoben und gleichzeitig gedreht. Solche Arbeiten und übernehmen Spezialfirmen. Doch zunächst steht der Ausbau des Reaktordruckbehälters an. Betriebsleiter Andre Knapp rechnet damit, dass dieser Arbeitsschritt ein bis eineinhalb Jahre dauern wird. Beim Verlassen des Reaktorgebäudes werden Mitarbeiter und Besucher über einen Ganzkörpermonitor gemessen, der Dosimeter zeigt weiterhin 0.
„Ein Rückbauprojekt hat einen langen Umsetzungshorizont“, betont Michels. Nach vier bis sechs Jahren für die Vorbereitung und Genehmigung durch das Umweltministerium, dauert der eigentliche Abbau rund 15 Jahre. Die radiologische Überwachung von Anlage, Personal und Umgebung finde weiterhin statt, auch durch staatliche Messungen. Rückbau meint nicht einfach nur Demontage, sagt Michels. Das Abbaumaterial werde bearbeitet, gelagert, und entsorgt. Bis zu 98 Prozent könnten wiederverwertet werden. „Dafür geben wir viel Geld aus“, sagt Michels. Etwa ein Prozent werde konventionell entsorgt und weniger als ein Prozent der Abfälle sei radioaktiv. Insgesamt kostet der Rückbau rund 10 Milliarden Euro.
Fachwissen über die Anlage, aber auch über den rechtlichen Hintergrund und die Genehmigungsverfahren werde benötigt. Daher habe die EnBW 2011 beschlossen, beim Abbau vor allem auf ihr eigenes Personal zu setzen, sagt Michels. Diese Wertschätzung und auch langfristige berufliche Perspektive sei bei den rund 500 Mitarbeitern gut angekommen, sagt Michels. Ein aktiver Abbau von Stellen sei nicht vorgenommen worden. Der Rückbau einer Anlage lasse sich am besten mit dem Bau eines AKW vergleichen – nur anders herum. Ein interessantes Projekt, findet Michels und erklärt am Beispiel der Lüftung, dass diese ab einem gewissen Punkt überdimensioniert sei und den Rückbau dann behindere. Dann müsse eine neue Lüftung installiert werden.
„Wir stehen zum Ausstieg“
Unter anderem Lüftung und Beckenkühlung werden im Kontrollraum, der Warte, rund um die Uhr überwacht. Ein Reaktorfahrer werde für GKN II aber nicht mehr benötigt und die Mannschaft sei pro Schicht von 15 auf acht Personen reduziert worden. Die Belegschaft habe seit 2022 darauf hingearbeitet, dass Schluss sei. „Wir stehen zum Ausstieg und setzen ihn konsequent um“, sagt Michels.
Am Rückbauverfahren werde deutlich, dass man ein Atomkraftwerk „nicht mal eben nach Gusto an- oder ausschalten kann“, betont Ministerin Walker. Es sein ein Verfahren von höchster Präzision und Sorgfalt. Einen solchen „Rückbau kann nicht jeder“, sagt sie. Bei der Zwischen- und Endlagersuche gebe es große Verzögerungen, kritisierte Walker, „das ist in keiner Weise mehr generationengerecht“.
