Neue Abteilung im Schnapsmuseum Die dunkle Seite des Alkohols

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Bis Anfang April müssen die Besucher des Schwäbischen Schnapsmuseum warten, bis sie die neueste und kleinste Abteilung betrachten können: die Abstinenzler-Kammer im ehemaligen Kinderzimmer der Steinhauses. ⇥ Foto: Martin Kalb

Nach rund einem Jahr Vorbereitungszeit gibt es im Schwäbischen Schnapsmuseum die „Abstinenzler-Kammer“. In vielen Originalgrafiken geht es um die Problematik des Alkohols. Das älteste Dokument ist aus dem Jahr 1515.

Bis Anfang April müssen die Besucher des Schwäbischen Schnapsmuseums im Bönnigheimer Steinhaus warten, bis sie die neueste und räumlich kleinste Abteilung betrachten können: Nach rund einem Jahr Arbeit und einer Investition von etwa 10 000 Euro ist im ehemaligen Kinderzimmer des Hauses die „Abstinenzler-Kammer“ fertiggestellt. Der BZ gab Museumschef Kurt Sartorius einen exklusiven Einblick in die problematische Seite des Alkohols.

Nur ein Viertel der sonst üblichen Besucherzahl, etwas mehr als 1000, verzeichnete das erfolgreichste Museum der Stadt in den Monaten Juni bis Oktober. Es gab in dieser Zeit keine großen Bus-Gruppen, die Führungen waren auf maximal 20 Besucher beschränkt, meist wurden Gruppen unter zehn Personen durch die Ausstellung geführt. „Von Ende Oktober bis Anfang April ist Winterpause im Schnapsmuseum. Eigentlich wollten wir in diesem Jahr den November auflassen“, sagt Sartorius.

Verantwortungsvoller Umgang

„Wir waren uns natürlich der Probleme des Alkohols bewusst, und deshalb wollten wir von Anfang an den bedachtsamen und verantwortungsvollen Umgang mit diesem Genussmittel vermitteln“, so der Museumsmacher. Schon bei Eröffnung des Schwäbischen Schnapsmuseum habe man die Problematik des Alkohols darstellen wollen, doch schon 1985 bei einem Seminar des Landesmuseums über den Aufbau von Museen wurde formuliert: Es sei immer „ausreichend Zeit des Sammelns notwendig“. Sartorius: „Wir sammeln alles, was mit Alkohol zusammenhängt.“ Inzwischen gehören dazu viele Grafiken, und davon etliche zu den Gefahren des Alkohols. Außerdem stellte sich die Frage, was man aus dem winzigen Kinderzimmer des Steinhauses machen könnte: Jetzt ist daraus die „Abstinenzler-Kammer“ entstanden.

Wissenschaftliches Arbeiten

„Wir setzen uns wissenschaftlich mit dem Alkohol auseinander“, erklärt Sartorius, „und es wäre natürlich ein Fehler, wenn wir uns mit dessen problematischen Seite nicht beschäftigen würden“. 27 Jahre nach Eröffnung des Schnapsmuseums ist es nun soweit: Viele Originalgrafiken, die älteste aus dem Jahr 1515, hängen an den Wänden und viel Literatur liegt in Vitrinen aus. Die Anzahl der Postkarten, die negative Auswirkungen des Alkoholkonsums zeigen, war so hoch, dass diese nun in einer durchlaufenden Bilderschau auf einem festinstallierten Monitor zu sehen sind. In vier Themenbereiche wurde die „Abstinenzler-Kammer“ aufgeteilt: „Abschreckende Bilder“, „Kampf gegen Alkoholismus“, „Verharmlosung des Alkohols“ und „Gegenkonzept“.

Auf der Südwand des Zimmerchens ist die Wirkung von übermäßigem Alkoholgenuss in drastischen Bildern dargestellt. Zahlreiche obrigkeitliche Belege an der Ostwand zeigen, dass der als Allheilmittel geschätzte Schnaps seit dem 15. Jahrhundert auch gerne und reichlich als Genussmittel getrunken wurde. Dies führte zu einem Erlass aus dem Jahr 1515 von Herzog Ulrich von Württemberg „gegen das Gotteslästern und Zutrinken“, einer Unsitte, nach der ein Mann mittrinken musste, solang die anderen tranken –  auch bis zur Bewusstlosigkeit.

Die Grafiken an der Nordwand zeigen, dass die Gefahren des Alkohols häufig verniedlicht oder nur einseitig dargestellt wurden. Unter anderem zeigt ein farbiger Druck aus dem 19. Jahrhundert  ein Ritual in den Studentenverbindungen: Der Paragraf 11 verbot während eines Bier-Comments das Aufhören des Trinkens.

Johann Weck (1841 bis 1914), Vegetarier und Alkoholgegner, wollte eine Möglichkeit schaffen, dass im Winter auch Obst verzehrt werden kann, ohne auf Most oder Schnaps zurückgreifen zu müssen. Sein „Einweckglas“ stellt auf der Westwand ebenso ein Gegenkonzept dar, wie etwa Georg Kropp (1865 bis 1943), dessen Idee es war, als bekennender und praktizierender Alkoholgegner den Menschen durch Bausparen eine Lebensperspektive zu bieten – und dadurch vom Alkohol abzulassen. 1921 gründete er den Verein „Gemeinschaft der Freunde Wüstenrot“.

 
 
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