Neue Veröffentlichung des Besigheimer Geschichtsvereins Rundgang zu 120 früheren Läden

Von bz
Karl Eistetter (2. von rechts) mit seiner Belegschaft in seinem Gemischtwarengeschäft in der Hauptstraße 37. Entstanden ist das Foto vermutlich in den 60er-Jahren.⇥ Foto: Geschichtsverein Besigheim

Der Geschichtsverein widmet sich in seinem neuen Buch der Geschichte des Einzelhandels in der Stadt in den 1950er- und 1960er-Jahren. In dieser Zeit vollzog sich ein dramatischer Wandel.

Weg vom kleinen Tante-Emma-Laden hin zu großflächigen Geschäften. Das ist in kurzen Worten die Geschichte des Einzelhandels, die sich auch in Besigheim nachvollziehen lässt. Wer auf das Geschäftsleben vor 70 Jahren zurückblickt, wird auf Läden stoßen, von denen heute die Meisten weder deren Namen noch deren Geschäftstätigkeit kennen. An sie erinnert der Besigheimer Geschichtsverein in seinem neuen Heft.

Die gebürtige Besigheimerin Ursula Herbst hatte die Idee, an diese alten Handelsgeschäfte aus den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg zu erinnern. Mit ihrem Mann, Metzgermeister Berthold Herbst, führte sie selbst viele Jahre lang die Metzgerei in der Hauptstraße, die sie am 1.Oktober 1969 übernommen hatten und die es bis heute gibt. Hans-Jürgen Groß, der Vorsitzende des Geschichtsvereins griff die Idee auf. Der Aufgabe selbst widmete sich Erwin Ruff, der Schatzmeister des Geschichtsvereins.

Bei seinen Recherchen konnte Ruff viele Informationen und Details der alten Ladengeschäfte ausgraben, berichtet Groß. Aus den Gesprächen mit damaligen Geschäftsleuten oder deren Nachkommen und den Erinnerungen von Zeitzeugen sammelte er interessantes Hintergrundwissen. So entstand ein mit zahlreichen alten Fotos illustriertes geschichtsträchtiges Werk, das eine längst vergangene Ladenepoche zeigt.

Es galt Zigarettenwährung

In den ersten beiden Kapiteln des Geschichtsblatts zeichnet der Autor die wirtschaftliche und politische Situation der ersten Jahre im Nachkriegsdeutschland auf. Die Versorgung mit Lebensmitteln und allen Gütern des täglichen Bedarfs war damals nicht einfach, manches gab es nur im Tausch oder gegen „Zigarettenwährung“. Aber nach der Währungsreform vom 20. Juni 1948 und der neuen Deutschen Mark waren die Läden wieder voll. Nach den Entbehrungen der Kriegs- und ersten Nachkriegsjahre gab es einen großen Nachholbedarf. Waschmaschinen, Fernseher und die ersten Kleinwagen waren Ausdruck des aufkommenden Wohlstands.

Im dritten Kapitel beschreibt der Autor den Aufschwung Besigheims zur Einkaufsstadt. Dass es nach dem Krieg mit dem Handel stetig bergauf gegangen ist, konnte man an den modern umgestalteten Geschäften sehen. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung in der Nachkriegszeit wurde Besigheim für die umliegenden Orte eine kleine Zentrale für gute Einkaufsgelegenheiten. Und die modernisierten Läden animierten zum Schaufensterbummel am Wochenende.

Bäcka-Beck und Eis-Müller

In einer „Momentaufnahme“ über zwei Jahrzehnte werden dann in einer Art virtuellem Stadtrundgang die in den 50er- und 60er-Jahren ansässigen Ladengeschäfte straßenweise aufgesucht und beschrieben, darunter auch das Gemischtwarengeschäft von Karl Eistetter in der Hauptstraße 37 (siehe Foto).

Ausgangspunkt dieser Erkundungstour ist die Bahnhofsvorstadt. Rund 120 damalige Einzelhandelsgeschäfte werden mit Örtlichkeit, Inhabern, Geschäftstätigkeit und Geschäftsdauer beschrieben. Zu einigen Ladengeschäften werden Anekdoten erzählt. Damals wurden viele Läden nach dem Geschäftszweig benannt, wie Bäcka-Beck, Eis-Müller, Hut-Brose, Farben-Schober, Orthopädie-Mayer oder Tapeten-Huber.

Berühmte Kundin

Manche Kaufleute hatten auch lustige Spitznamen, wie Eis-Minka, Bäbbsale, Lendagockl, Eika oder Lurchi. Bei seinen Recherchen ist der Autor auch auf eine berühmte Kundin in Besigheim gestoßen: Bibi Johns. Der blonde Schlager- und Filmstar der 50er- und 60er-Jahre wurde im Juli 1959 im Café Eismüller und im Korbwarengeschäft Schlatterer gesehen. Die heute 92-jährige Künstlerin wohnte damals in Ludwigsburg.

Von den einst heimeligen Ladengeschäften der frühen Nachkriegszeit ist aber heute nichts mehr übrig. Die kleinen Tante-Emma-Läden und Kolonialwarenhandlungen, in denen man man noch persönlich bedient wurde, sind in den 60er-Jahren vom Markt verschwunden, stellt Hans-Jürgen Groß fest. Mussten früher die Lebensmittel vom Ladenpersonal noch einzeln gewogen, abgezählt und eingepackt werden, hatte die Selbstbedienung den Einzelhandel völlig umgekrempelt. Während in den 50er-Jahren noch sieben Metzgereien ortsansässig gewesen sind, ist es heute nur noch eine, eben die der Familie Herbst.

Geschlossen und vergessen

Ähnlich ist es den kleinen Bäckereien mit eigener Backstube ergangen, die alle der Vergangenheit angehören. Die Bäckereien Albl, Armbruster, Beck, Burk, Grathwol, Grün, Müller, Link, Pfander, Röser, Saussele, Veigel – alle geschlossen und vergessen. In den 50er-Jahren hat ein Bäcker die ersten Bewohner im neuen Wohngebiet „Korea“ noch mit Backwaren aus einem Handwagen versorgt, mit dem er seine Tochter losgeschickt hatte. Von der 200 Jahre alten Schuhdynastie Mayer ist nichts geblieben; Kronen-Mayer, Orthopädie-Mayer und Enzbrücken-Mayer sind nur noch Geschichte.

Auch die alteingesessenen Läden für Bekleidung und Textilien aller Art sind vom Markt verschwunden. Das letzte Elektrofachgeschäft hat auch schon vor etlichen Jahren geschlossen. Von ehemals vier Gärtnereien ist keine mehr präsent. Wer kann sich heute noch an die von den drei Christ-Schwestern hergestellten Eigenteigwaren mit dem originellen Namen „Christrosen“ oder an das Hutfachgeschäft des einstigen Besigheimer Originals Karl Brose erinnern? Im jetzt aufgelegten Geschichtsblatt tauchen sie alle wieder auf.

 

Info Das Heft 37 der Besigheimer Geschichtsblätter gibt es im Buchladen im Dreigiebelhaus, bei der Buchhandlung Beurer sowie dienstags von 9 bis 12 Uhr im Steinhaus in der Mediathek des Geschichtsvereins, Telefon (07143)80 11 03, zum Preis von 13 Euro.

 
 
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