Ein Mann mit einem langen weißen Bart geht langsam am Bahnhof Bietigheim die Bushaltestellen entlang. Er wohne in einer benachbarten Stadt, erzählt er freundlich, möchte aber anonym bleiben und nichts von seiner Lebensgeschichte erzählen. Er sei seit Jahren ohne Wohnung. Es sei für ihn extrem schwierig eine feste Wohnung zu finden. „Im Winter schlafe ich meist in Notunterkünften, bei denen ich aber morgens wieder hinaus muss“, berichtet der Mann, der Mitte sechzig ist. Bei Temperaturen unter fünf Grad übernachte er nicht draußen, da bestehe Erfrierungsgefahr.
Obdachlos im Kreis Ludwigsburg Ohne Wohnung bei Minusgraden überleben
Es gibt überdurchschnittlich viele Menschen ohne feste Bleibe in der Region. Wie geht es ihnen, vor allem im Winter und welche Hilfen gibt es?
In Ludwigsburg gilt der sogenannte Erfrierungsschutz laut Reiner Knödler, Geschäftsführer der Ökumenischen Wohnungsnotfallhilfe im Landkreis Ludwigsburg. Dabei habe die Polizei die Möglichkeit und den Zugang, Obdachlose, die dazu bereit sind, in Notunterkünften unterzubringen, damit sie nicht erfrieren.
Statistik erst seit 2022
Wie viele Menschen im Kreis Ludwigsburg ohne feste Wohnung leben, dazu sind keine genauen Zahlen bekannt. Seit 2022 gibt es nun erstmals die Statistik untergebrachter wohnungsloser Personen in Deutschland, „wofür wir“, so Knödler, „im Fachverband für Wohnungslose jahrzehntelang gekämpft haben“.
Laut der Wohnungsnotfallhilfe gab es 2024 im Kreis Ludwigsburg 6685 Menschen, die „irgendwie untergebracht“ wurden. „Dazu kommen rund 50 Prozent an Menschen hinzu, die nicht untergebracht werden wollen“, so Knödler. Die bei Freunden oder draußen, etwa auf der Straße oder unter einer Brücke, schlafen. Er geht von 10.000 Menschen im Kreis aus, die wohnungslos leben. „Das ist eine unglaublich hohe Zahl“, sagt Knödler. „Bezogen auf die Einwohnerzahl gibt es im Ländle die meisten untergebrachten Personen, mehr als doppelt so viele wie im Bundesdurchschnitt.“
Immer weniger Sozialwohnungen
Die Lage habe sich in den vergangen fünf Jahren für diese Menschen immer weiter verschärft, sagt Knödler. Grund sei hauptsächlich der angespannte Wohnungsmarkt, vor allem hier in Baden-Württemberg. Die Zahl der Sozialwohnungen, die mit öffentlichen Mitteln gefördert und preisgebunden sind, gehe weiter zurück. „Wohnraum ist sehr knapp und teuer. Es ist für die Betroffenen ein riesen Problem, eine bezahlbare Wohnung zu finden“. Auch einige Familien mit Kindern seien betroffen, die über mehr als ein Jahr in Notunterkünften in einem Raum lebten.
Sich aufwärmen in der Tagesstätte
Eine wichtige Einrichtung der Wohnungsnotfallhilfe ist die Tagesstätte in der Friedrichstraße, zentral in Ludwigsburg gelegen. In den zwei wohnlich eingerichteten Räumen mit gedeckten Esstischen, Bücherregalen und Sofa können sich Bedürftige von 9 bis 13 Uhr unter der Woche aufwärmen. Es gibt ein warmes Mittagessen für zwei Euro, das nebenan in der Küche zubereitet wird, Tee und Kaffee. An diesem kalten Mittwochmittag ist der Essensraum voll, etwa 15 Männer und Frauen verschiedenen Alters sind hier. Es gibt Kartoffelsalat, Weißwurst und süßen Senf.
„Die Tagesstätte ist eine niederschwellige Anlaufstelle für wohnungslose, arme und einsame Menschen“, erklärt Knödler. Es kämen täglich rund 40 Personen. Die Besucher können hier duschen und ihre Wäsche waschen lassen. Bei Bedarf gibt es neue Kleider aus der Kleiderkammer. „Viele Besucher sind gesundheitlich angeschlagen und erhalten hier eine erste pflegerische Versorgung“, so Knödler.
„Ich werde oft beleidigt und von oben herab behandelt“
Ein Mann in der Tagesstätte erzählt, er übernachte seit fünf Tagen in Ludwigsburg, davor habe er einige Wochen in Zürich gelebt. Manuel Schmidt (Name von der Redaktion geändert) nennt sein Leben „eine Wanderschaft als Einzelgänger“. Selbst bei Minusgraden schläft der Mann, der Mitte vierzig ist, seit fünf Jahren im Freien, im Winter in seinen zwei Schlafsäcken und auf zwei Isomatten. „Man muss gut ausgerüstet sein“, sagt der Mann aus dem Norden. Er hat Angst, erkannt zu werden und erzählt: „Ich werde oft beleidigt und von oben herab behandelt. Anders als viele Obdachlose nehme er keinen Alkohol und keine anderen Drogen. „Ich esse viel Gemüseund Obst und trinke viel Wasser,“ erzählt Schmidt über seinen Lebensstil auf der Straße. „Man braucht Disziplin und einen hohen Überlebenswillen.“ Der in der Landwirtschaft erfahrene Mann hofft, wieder eine Arbeit und eine Wohnung zu finden, „gerne auf dem Land im Raum Ludwigsburg.“
Etwa 80 Obdachlose untergebracht
33 von 39 Kommunen sind derzeit Partner der Fachstelle Wohnungssicherung (Fawos). Bietigheim-Bissingen ist bisher nicht dabei.
Das städtische Familienbüro in Bietigheim-Bissingen ist laut Sprecherin Anette Hochmuth eine Anlaufstelle für Menschen, die von Obdachlosigkeit bedroht sind. „Wir haben derzeit 13 Gebäude in der Stadt, in denen etwa 80 Obdachlose und 175 Geflüchtete untergebracht sind.“ Für Notfälle gebe es einen Raum, in dem die Stadt oder auch die Polizei bei Bedarf jemanden jederzeit unterbringen kann. Der würde aber sehr selten genutzt.
Reiner Knödler von der Wohnungsnotfallhilfe Ludwigsburg berichtet, dass Bietigheim-Bissingens Erster Bürgermeister Michael Hanus ihm bestätigt habe, noch im Januar mit ihm über eine Fachstelle Wohnungssicherung zu sprechen.
Welche Hilfe hilft
Wer Obdachlose auf der Straße sieht, kann sie respektvoll ansprechen und fragen, was die Person gerade wirklich braucht, heißt es von der Hilfsorganisation Malteser. In Stuttgart, wo auch im Winter Menschen draußen, etwa auf dem Gehweg übernachten, gibt es einen Kältebus, der angerufen werden kann.
„Gerne nehmen wir Spenden für die Wohnungsnotfallhilfe entgegen“, sagt Knödler. Vermieter könnten am besten helfen, indem sie Ein- bis Zwei-Zimmer-Wohnungen an die Wohnungsnotfallhilfe untervermieten. „Wir sorgen für pünktliche Zahlung der Miete und Pflege der Mietsache.“
Hilfe bei drohendem Wohnungsverlust
Die Wohnungsnotfallhilfe Ludwigsburg hilft Menschen präventiv vor dem Wohnungsverlust. So hat die Einrichtung im Jahr 2024 laut Geschäftsführer Reiner Knödler 795 Personen, davon 284 Kinder, vor Obdachlosigkeit bewahrt.
